Buchbesprechung - Focusing in der Praxis

Gendlin, E.T. und Wiltschko, J.:
Focusing in der Praxis
Pfeiffer (bei Klett-Cotta),
Stuttgart 1999

Über „Focusing“ ist in den letzten Jahren einiges geschrieben worden – viel Richtiges und Gutes, aber auch Mißverständliches und Verwirrendes. Um so erfreulicher, dass nun in einem umfangreichen Band in der Reihe „Leben lernen“ der „Vater“ (inzwischen auch schon „Großvater“) von Focusing selbst zu Wort kommt.

Wer in den letzten Jahren Eugene („Gene“) Gendlin bei einem seiner Workshops – z.B. im Rahmen der Internationalen Focusing Sommerschule – live erleben konnte, der wird ihn in diesem Buch ein weiteres Mal gewissermaßen hören können, denn Johannes Wiltschko hat es ganz hervorragend verstanden, die „Rede“ so in eine „Schreibe“ zu verwandeln, dass die humorvoll-kauzige Art von Gene Gendlin, Focusing zu lehren, ebenso erhalten geblieben ist wie sein lebendiger und anschaulicher Stil. Und auch der mit Focusing noch gar nicht vertraute Leser kann allein durchs Lesen (und Innehalten!) eine unmittelbare Erfahrung von dem machen, was die Essenz von Focusing ausmacht.

So beginnt „Focusing in der Praxis“ – nach einer Einleitung von Dr. Johannes Wiltschko über Person und Werk Gendlins – konsequenterweise auch gleich mit einer praktischen Übung. Im weiteren Verlauf der Reise durch die Praxis von Focusing wechseln dann grundlegende „philosophische Anstöße“ (über „Körper“, „Denken“, „Therapie“ usw.) mit konkreten Überlegungen und Hilfestellungen für Traumarbeit, partnerschaftliches Focusing, Psychotherapie usw. einander ab.

Falls Sie sich mit der Gendlinschen Art, Konzepte zu bilden, erst über dem Lesen dieses Buchs vertraut machen, wird sich Ihnen das achte Kapitel („Die Fortsetzungsordnung“) vielleicht nicht auf Anhieb erschließen. Aber vielleicht machen Sie damit dann eine ähnliche Focusing-Erfahrung wie ich, als ich im Rahmen eines internen Ausbildertreffens mit Gene Gendlin und seiner prozeßhaften Art und Weise des Philosophierens unmittelbar in Kontakt kam: Wir mühten uns um ein präzises Verstehen des Konzepts „order for carrying foreward“ (von J. Wiltschko mit „Fortsetzungsordnung“ übersetzt), und ich hatte sofort so eine Art Gefühl, das zu sagen schien: „Da ist was ganz Wichtiges“ – ohne dass ich schon verstanden gehabt hätte, was genau dieses „Wichtige“ nun eigentlich für mich sei.

Das ist Focusing: Sich mit so einem „Schon-Gespürten-aber-noch-nicht-Gewußten“ achtsam und absichtslos innerlich befassen, dabei verweilen und wahrnehmen, wie daraus neue frische Bedeutungen („Schritte“) kommen. Und dass diese Schritte (gedankliche Einsichten, Handlungsimpulse, bildhafte Symbolisierungen …) nie beliebig und nie determiniert sind, sondern eine ganz eigene Art von Folge-Richtigkeit haben, das wird mit dem „komischen Konzept“ (Gendlin) der „Fortsetzungordnung“ beschrieben.

Es wird daran sehr schön deutlich, wieso Focusing geeignet ist, Veränderungsprozesse zu beschreiben und mit Recht als eine „schulenübergreifende Methode für Psychotherapie und Alltag“ (so der Untertitel des Buchs) bezeichnet wird.

Wozu es gerade für Enneagramm-Leute gut ist, Focusing zu kennen und zu können, darüber habe ich vor 10 Jahren in dem kleinen Aufsatz über „Enneagramm und Focusing“ (in: Ebert/Rohr: Erfahrungen mit dem Enneagramm) einiges zu sagen versucht: Das Enneagramm – eine Landkarte. Focusing – ein Weg.

Focusing hilft sehr dabei, aus den eigenen eingefahrenen Reaktionsmustern, wie sie z.B. das Enneagramm beschreibt, herauszukommen und neue, frische Antworten zu finden auf das, was jetzt da ist. Es hilft, den Zustand des Nicht-Identifiziertseins zu stabilisieren, ausgedrückt in der Formel: „Ich bin nicht das Muster, ich habe das Muster“.

Auf der anderen Seite hilft den Focusing-Leuten das Kennen sogenannter „strukturgebundener Phänomene“, wie sie z.B. mit der Enneagramm-Landkarte beschrieben werden, Focusingprozesse von anderen Erlebensprozessen (Gefühls-, Gedanken-, Reaktionsmustern) zu unterscheiden.

Oder, um für die Beschreibung des Verhältnisses von Enneagramm und Focusing eine andere Metapher zu benutzen: Was wäre der Fluss ohne sein Flussbett, was wäre das Flussbett ohne den Fluss?

Hans Neidhardt

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 29

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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