Chancen und Grenzen

Erfahrungen mit dem Enneagramm in der erwachsenenbildnerischen Arbeit

Begleitung in Exerzitien, Unterstützung in Lebenskrisen, therapeutischer Beratung, Therapie, Workshops, Selbsterfahrungsgruppen – das Enneagramm hat vielfach Einzug gehalten in erwachsenenbildnerische Arbeit. Daszu kommen spezielle Enneagramm-Angebote, Typisierungsinterviews und persönliche Auseinandersetzung anhand von Literatur.

Meine eigenen erwachsenenbildnerischen Erfahrungen beruhen auf der Leitung von Vorträgen mit Gesprächsrunden und Workshops im kirchlichen und außerkirchlichen Bereich, Typisierungsinterviews im Rahmen meiner Ausbildung, eigener Teilnahme an Seminarveranstaltungen und dem intensiven Austausch mit anderen Lehrenden. Sie reichen von anfänglicher/bleibender Skepsis und Ablehnung über Begeisterung, Aha-Erlebnisse und intensive seelisch-geistliche Wachstumsprozesse bis hin zu therapeutischen Grenzgängen. Auf diesem Erfahrungshintergrund möchte ich einige Chancen und Grenzen des Enneagramms für die erwachsenenbildnerische Praxis aufzeigen.1

Orientierung ohne Alleingeltungsanspruch

Das Enneagramm sieht sich als Wegweiser. Es beansprucht nicht, „die Antwort“ oder die neue Heilslehre zu sein.2 Orientierungslosigkeit in unserer Welt macht Menschen empfänglicher für Systeme, die Durchblick und Halt versprechen. Hier gilt für die erwachsenenbildnerische Arbeit, daß sie den Menschen Mündigkeit und Entscheidungskompetenz vermitteln muß, denn alle Systeme, Überzeugungen usw. können mißbraucht werden – einschließlich der religiösen/christlichen. Nach seinem eigenen Verständnis ist das Enneagramm eine Typologie unter mehreren – wie auch jeder Typus nur einen unter mehreren möglichen Blickwinkeln verkörpert. Von der Leitung verlangt dies m.E. sowohl die Auseinandersetzung auch mit anderen humanwissenschaftlichen Modellen als auch nüchterne Betrachtungsweise und, bei aller Überzeugung, tolerante Handhabung des Modells.

Enneagramm und Erfahrung

Die lange mündliche Tradition beinhaltet sowohl für die Entstehung als auch für Entwicklung und Gebrauch des Enneagramms das Erfahren und Erleben der Beteiligten. Dieser Tradition weiß sich besonders Helen Palmer verpflichtet, die seit dem Bekanntwerden des Modells konsequent die „mündliche“ Tradition pflegt und weiterentwickelt: Sie lehrt, indem sie in die jeweiligen Muster referierend einführt und anschließend auf Sprecherpodien in Kleingruppen Menschen des entsprechenden Musters befragt, die ihre persönlichen Erfahrungen schildern. Auf der Typus-Ebene können die ZuhörerInnen deutliche Ähnlichkeiten in Erlebensprozessen erkennen; gleichzeitig wird dabei jeder einzelne Mensch als unverwechselbares Individuum wahrgenommen, auf dessen persönliche Erfahrung es ankommt.

Besonders wichtig ist dabei das didaktische Prinzip der Teilnehmerorientierung. Die eigentliche Arbeit – neben der Bedeutsamkeit von einführenden Referaten – setzt bei jeder/jedem Teilnehmenden persönlich an. Der Versuchung, die Mechanismen eines Typus ein für alle Mal zu „erklären“, ist jedesmal zu widerstehen. Meiner Erfahrung nach suchen TeilnehmerInnen oft nach Antworten, die sie seitens der Leitung erwarten. Dem Enneagramm gerecht zu werden, bedeutet, Mündigkeit zu vermitteln, zur persönlichen Erfahrung und Wertschätzung anzuregen. Das heißt auch Toleranz für jede geschilderte Äußerung zu üben, auch wenn sie dem Modell oder Typus widerspricht. Im Mittelpunkt stehen stets die TeilnehmerInnen und ihre lebensgeschichtlichen Hintergründe – und nicht eine Ideologie.

Modell zur Selbsterlösung?

Zuweilen wird die Kritik laut, man meine sich mit Hilfe des Enneagramms „selbst erlösen“ zu können. Manche Formulierungen zur konkreten Hilfestellung in der Literatur legen – oberflächlich betrachtet – nahe zu glauben, man könne „sein Glück schmieden“.

Doch die Grunderfahrung in der Arbeit mit dem Enneagramm ist die eigene Fixierung, deren Erkennen zu der Sehnsucht führen kann, wie sie Grundgedanke der paulinisch-lutherischen Rechtfertigungslehre ist: „Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern … Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich … erlösen?“3 Rohr und Ebert entfalten das Enneagramm mit Rückbezug auf biblische Aussagen und im Horizont christlicher Gnadenlehre. „Annahme durch Gott und Sündenerkenntnis, Selbstannahme und -infragestellung“, Befreiung und Erlösung ergänzen einander: Reue ist demnach „unsere größte menschliche Tat“ und gleichzeitig „eine Gabe Gottes“, die man nicht „machen“ kann.

Nicht Selbsterlösung, sondern genuin evangelische Bußarbeit geschieht dabei. Für die erwachsenenbildnerische Arbeit beinhaltet das eine Differenz zwischen manchen Erwartungen und den eigentlichen Lernzielen: TeilnehmerInnen gehen bei der Anmeldung zu einem Seminar, das oft den zeitlichen Rahmen einer Abendreihe/eines Wochenendes hat, meist davon aus, daß sie anschließend „ihren Typ gefunden“ haben, wenn nicht gar „Tipps“ zur schnellen Veränderung bekommen – manchmal wird bemängelt, „man hätte sich ja gar nicht einordnen können“. An diesem „Nicht-Erfolg“ aber zeigt sich m.E. die Seriosität des Modells, das keine schnelle Lösung versprechen und erreichen will.

Ziel bei der erwachsenenbildnerischen Arbeit mit dem Enneagramm ist daher nicht das „Einordnen“, sondern die „Schulung der Aufmerksamkeit“.

„Differenzierteres Gewahrwerden der Unterschiedlichkeit der TeilnehmerInnen untereinander“, „Erkennen der persönlichen typischen Mechanismen“, „Fördern von Eigenverantwortlichkeit und Selbstwahrnehmung“ usw. sind dabei Lernziele, die wirksame Hilfen sein können – aber weder Selbsterkenntnis noch entsprechendes „Training“ garantieren positive Veränderung. „Selbsterlösung“ können sie nicht vermitteln.

Das Grundanliegen des Enneagramms enthält darin eine theologische Wahrheit, die vielen nicht schmeckt. Sie in einem Seminar einzubringen, erfordert Fingerspitzengefühl der Leitung für das Wahrnehmen der Ausrichtung einer Gruppe und ihre eventuelle Bereitschaft, sich darauf einlassen zu wollen. Bei der didaktischen Planung (Lernzielbestimmung) muß dies im Auge behalten werden.

Typisierung = Stigmatisierung?

Dem Enneagramm wird oft vorgeworfen, es fördere das „Schubladendenken“ und wolle Menschen festlegen. Bei einer Gesprächsrunde fragte ein Teilnehmer zu Recht: „Findet durch solche Typisierung, Kategorisierung nicht auch eine Stigmatisierung statt?“. Mit dieser Frage habe ich mich lange auseinandergesetzt. Ist das Enneagramm eine Unterstellung? Gleicht es einer self fulfilling prophecy? Wird der andere – und ich selbst – auf etwas festgelegt und reduziert nach dem Motto „Ach ja, typisch Vier …“? Ich stimme Rohr/Ebert zu: „Das Enneagramm ist in erster Linie ein Schlüssel zur Selbsterkenntnis. Es geht nicht darum, daß ich andere festlege oder mich von anderen festlegen lasse, sondern daß ich mich selbst frage, wer ich bin … Letztlich kann nur ich selbst mich mit einem bestimmten Typ oder Lebensprogramm … identifizieren.“4

Keineswegs geht es um Festschreibung auf einen Typus, vielmehr geht es um das Erkennen der eigenen Fixiertheit, um diese dann loszulassen. Oberflächliches „Typengeplänkel“, in dem Menschen nur noch mit „Nummern“ bezeichnet und dadurch leicht auf einen kümmerlichen Überrest ihrer Persönlichkeit zurechtgestutzt werden, ist damit abzulehnen. Schnelles Einsortieren anderer geschieht zwar oft in einem Anfangsstadium, das dazu genutzt wird, sich der Unterschiedlichkeit der Typen vertraut zu machen und erste „Erfolgserlebnisse“ in der Einschätzung anderer (Fremdwahrnehmung) zu suchen. Aber diese „Anfängerphase“ sollte abgelöst werden durch tiefergehende Auseinandersetzung – und zwar eher mit sich selbst und der eigenen verzerrten Sicht als mit der anderer.

Verschiedene Enneagrammschulen?

Das Enneagramm wird durchaus unterschiedlich dargestellt. Jede Darstellung ist notwendigerweise typspezifisch verzerrt und von persönlichen Denk- und Wahrnehmungsmustern der jeweiligen Tradenten geprägt. „Objektive“ Wahrheit ist hier also keineswegs zu finden; die Beschreibungen sollten eher als Anregungen verstanden werden, die persönliche Geschichte und die eigenen Abläufe zu erforschen. Hilfreich für die didaktische Perspektive kann es hier sein, im einführenden Vortrag auch auf die „typspezifische Voreingenommenheit“ seitens der Leitung bezüglich des Modells hinzuweisen (etwa: Typus 1 ist versucht, mit dem Enneagramm die Menschen verbessern zu wollen, Typus 2 will ihnen Gutes tun, Typus 3 ein erfolgversprechendes Rezept anpreisen usw.). Dies bestätigt die Annahme des Modells, daß das eigene Muster jeden Lebensbereich durchdringt, und beugt möglicher Überheblichkeit vor.

Enneagrammkurs – eine „Privatwelt für sich“?

Die Beschäftigung mit der eigenen Innenwelt kann – wie überall im Selbsterfahrungsbereich – zu Problemen mit der Außenwelt führen. Die Gruppenatmosphäre sollte so offen gestaltet werden, daß ein Zurückfinden in den Alltag erleichtert wird, besonders in den Anfangs- und Abschiedssituationen.

Meiner Erfahrung nach liegt der Fokus der Gespräche zum Großteil auf den Interaktionen im familiären oder beruflichen Bereich und umfaßt Themen, die sich auf unterschiedliche Standpunkte, Kommunikationsschwierigkeiten, unbefriedigende und unverständliche Automatismen im Miteinander beziehen. Somit ist die Mitwelt immer ins Thema integriert – und das Entdecken der persönlichen „Brille“, durch die man schaut, zieht den Blick durch die „Brille“ anderer unweigerlich nach sich. Damit ist einem „Um-sich-selbst-Kreisen“ faktisch vorgebeugt.

Einwände: Wissenschaftlichkeit

Dem Enneagramm wird bisweilen mangelnde Wissenschaftlichkeit vorgeworfen5. Das Kriterium „Wissenschaftlichkeit“ ist aber selbst zu überprüfen.

„Wissenschaftlich“ und „logisch begründbar“ sind nach heutigen Maßstäben auch die Evangelien, die Kreuzestheologie des Paulus, Gebet und Sakramente nicht.6 Und was die Wissenschaftlichkeit humanwissenschaftlicher Konzepte anbelangt: Jungs Theorie vom Kollektiven Unbewußten wurde durch einen Traum veranlaßt.

Manche der Kritiker scheinen daher eher von Voreingenommenheit geleitet. Charakteristisch für das Enneagramm ist, daß es nicht behauptet: „So und nicht anders ist es“, sondern daß es fragt: „Wie ist es?“ So gesehen ist es womöglich objektiver als eine Wissenschaftlichkeit, deren Ergebnisse letztlich durch das erkenntnisleitende Interesse geprägt werden.

Einwände: Nichtchristliche Ursprünge?

Manche Christen haben Bedenken bezüglich der letztlich nicht geklärten Herkunft des Enneagramms und befürchten eine „Vermischung heidnischen und christlichen Gedankenguts“.

Aber auch die ersten Christen waren nicht so „originell und unabhängig von Gedanken, Begriffen und Sprache hellenistischer oder sonstiger heidnischer Herkunft …, als daß diese nicht Eingang gefunden hätten in ‚das Eigentliche‘ christlichen Glaubens und christlicher Frömmigkeit – niemand würde sich heute mit demselben sachlichen Argument für die Streichung des Logos-Gedankens aus dem Johannes-Evangelium … einsetzen.“7 Christen konnten und können nach Paulus von allem „das gute behalten“.

Meiner Ansicht nach kann von „Gefahr“ daher nur insofern die Rede sein, daß das Modell äußerlich manchmal schwer vom Kontext der „Esoterik- und Selbsthilfewelle“ zu unterscheiden ist – sichtbar wird das u.a. an der äußeren Aufmachung vieler Bücher und manchem Standort in der „Esoterik-Abteilung“ vieler Buchhandlungen. Esoterische Nutzung zeugt jedoch nicht von einem „An-und-für-sich-esoterisch-Sein“ des Enneagramms; denn vor Mißbrauch ist nichts und niemand gefeit, schon gar nicht, wenn kommerzielle Gründe mit in das eigentliche Anliegen hineinspielen.8

Stärke: Neutralität

Die letztlich „nicht beweisbare“ genuin christliche Abstammung des Enneagramms halte ich persönlich für eine der größten Stärken des Modells. Die verschiedenen literarischen Darstellungen (aus esoterischer, psychologischer und christlicher Sicht) und viele Aussagen renommierter Psychologen und Psychotherapeuten unterstreichen, daß es kompatibel mit den anerkannten Kenntnissen heutiger Allgemeinpsychologie ist. Theologen entdecken in seiner inneren Logik Parallelen zur Theologie.9

Die TeilnehmerInnen, sowohl aus religiösen wie aus nichtreligiösen Umgebungen, können die ihnen eigene Sprache wählen. Voraussetzung dafür ist Toleranz, sowohl der Gruppe, als auch von Seiten der Leitung.

Informieren, Begleiten, Therapeutisieren?

Die Arbeit mit dem Enneagramm ist u.a. dem Selbsterfahrungsbereich zuzuordnen. Da das Modell aber ebenso zur geistlichen Begleitung und besonders für die therapeutische Arbeit geeignet ist, gilt es – wie bei allen psychologischen Konzepten – die Grenze zwischen Begleitung und Therapie genauestens zu beachten. Für die didaktischen Überlegungen heißt das: Ausschreibungen und Lerneinheiten müssen bereits im Vorfeld so angelegt sein, daß es eindeutig um „Selbsterfahrung“ und „Persönlichkeitsbildung“ und nicht um die Behandlung neurotischer Symptome geht.

Den gewünschten Prozessen förderlich sind methodisch z.B. Kleingruppeneinheiten, die den Charakter von „Selbsthilfegruppe“ vermitteln, die Persönlichkeit des Einzelnen betonen und Konzentration auf die Leitung verringern. Aus Rückmeldungen geht hervor: Hier sind stets für den Selbsterkenntnisprozeß wertvolle Gespräche zu verzeichnen.

Das Gegenüber als „potientieller Typ“?

Während meiner Ausbildung zur Trainerin mußte ich – u.a. zur Schulung in Gesprächsführung – Typisierungsinterviews durchführen, die supervidiert wurden. Während vieler Interviews erlebte ich, wie sich durch mein zwar durchstrukturiertes, aber doch schlichtes Fragen das Gespräch recht bald um wirklich wesentliche Lebensfragen drehte. Die existentiellen Themen waren nach kurzer Zeit sichtbar, so daß sich in den meisten Fällen nach ein bis zwei Stunden die Ahnung eines Typus einstellte. Voraussetzung dafür war eine gute Wahrnehmung meiner eigenen Person (einschließlich meiner Fixierung auf bestimmte Themenbereiche, Vorlieben, Abneigungen und die momentane Gefühlslage), Fähigkeit zur Intuition, der Nutzung nonverbaler Hinweise (etwa: Körpersprache, Modulation in der Stimme des Gegenübers etc.) und vor allem die Fähigkeit zur empathischen Haltung. Eine solche Typisierung war für die Interviewten oft eine Hilfe, durch die spezifische Form des Fragens und Rückmeldens angeregt zu werden, im Antworten den „roten Faden“ ihrer seelischen Abläufe zu entdecken.

Diese Haltung, die ich auch in der Arbeit mit Gruppen anstrebe, gewährleistet größtmöglich, daß wirklich der Betreffende und seine persönliche Lebenswirklichkeit im Mittelpunkt des Geschehens stehen – und nicht ein System, eine Ideologie oder gar eine Beraterin. Dennoch kann die Gefahr nicht ausgeschlossen werden, daß ich TeilnehmerInnen mit Voreingenommenheiten begegne (wie es auch ohne „Typenkatalog“ im Leben oft geschieht). Ein erster Eindruck (z.B.: „Mein Gott, die rückt sich aber filmreif in den Vordergrund – bestimmt ’ne Drei“) kann zwar ein realer Hinweis sein, muß aber vielfältig überprüft, revidiert oder bestätigt werden.

Das Modell ist mir hier besonders zur Hilfe geworden: Ich nehme wahr, mit welchen anderen Mustern ich als ein bestimmter Typus gewöhnlich auf welche Art interagiere und wo meine „blinden Flecken“ sind. Das verhilft dazu, mir meiner eigenen Fixierung bewußt zu bleiben und damit offener für den anderen zu sein.

Das Enneagramm in der gemeindepädagogischen Praxis

Nach K. E. Nipkow10 ist Kirche allen Menschen Identitätshilfe schuldig (das betrifft vor allem Heranwachsende). Diese ist nur zu leisten, wenn alle Beteiligten als Subjekte ernst genommen werden und die Hilfe erfahrungsnah und lebensbegleitend stattfindet. Identitätshilfe schließt die eigene Freiheit und die der anderen ein: „Die Erfahrung, daß andere ihn (den Heranwachsenden, d. Vf.) annehmen, und zwar auch in seinen mißglückten … Versuchen, ist hierbei allerdings nicht nur für seine eigene Selbstsicherheit und folglich für die Fähigkeit zur Selbstannahme ausschlaggebend: wer sich selbst annehmen darf und kann, vermag auch andere anzunehmen.“11

Nach Nipkow bleiben auch „die Erwachsenen … mehr oder weniger lernende, sich entwickelnde und verändernde Menschen“12.

Als pädagogische Grundaufgabe ergibt sich u.a. daraus, daß über das Erleben individueller Wirklichkeit hinaus eine gemeinsame Lebens- und Glaubenswirklichkeit in den Blick kommt: Notwendig ist dafür ein Perspektivenwechsel: „Mit den Augen der anderen sehen‘ heißt in der Sicht des gelebten Glaubens darum: mit Jesu Augen sehen.“13

Genau dies ist auch der Grundansatz des Enneagramms, nämlich den Horizont der persönlichen Fixiertheit zu erweitern, indem die eigene „Brille“ entdeckt und eingeübt wird, durch die „Brille“ anderer zu schauen.

Nipkow sieht die Bildung als Lebensbegleitung und Erneuerung. Bildung zielt auf selbstverantwortliches Denken und Handeln ab. Zugleich ist Bildung nicht nur individuell ausgerichtet, sondern auch sozial.14

Die beiden Begriffe „Begleitung“ und „Erneuerung“, sind für unser Anliegen relevant: „Erwachsene kann man begleiten, soll man nicht erziehen, und Begleitung als gemeinsame Suche ist eine der inneren Voraussetzungen gemeinsamen Lernens.“15

Gerade die erwachsenenbildnerische Arbeit mit dem Enneagramm wird diesem Paradigma gerecht: Die auf Sprecherpodien, in Interviews oder in Gruppen Befragten werden jeweils als Experten ihrer persönlichen Lebenswirklichkeit betrachtet. So sind die TeilnehmerInnen zugleich Lernende wie auch Lehrende, während die Leitung nicht nur lehrende, sondern gleichermaßen hörende und dadurch lernende Funktion hat. In diesem Sinn spricht J. Gündel in seinem Buch von dem anderen Menschen als von einem „fremden Land“, von dem ich „weiß, daß ich nichts weiß, eine begünstigte Position, weil es in mir eine Haltung der Neugier, des Fragenmüssens, des Lernenwollens erzeugt: Wer seid ihr? Wer bist du? Wie funktioniert ihr in eurer Welt?“16 Folglich transportiert „nicht der Lehrer … das Wissen, sondern die Menschen selbst, wenn sie einander mündlich als Experten über ihren eigenen Typus Auskunft geben …“17 Der Leitkategorie „Begleitung“ wird die erwachsenenbildnerische Arbeit mit dem Enneagramm gerecht.

Noch deutlicher ist der Bezug zum anderen Leitgedanken, nämlich zur „Erneuerung“. Sie umfaßt das Bezogensein auf die Vergangenheit, das durch überlieferte Erfahrungen angeregt wird, Zukunft neu zu gestalten, eben zu erneuern. Die erwachsenenbildnerische Arbeit mit dem Enneagramm nimmt dieses Anliegen insofern ernst, als sie jeglicher lebensgeschichtlicher Prägung die angemessene Bedeutung zukommen läßt und sie wertachtet. Darüber hinaus wird dem Ist-Zustand vermehrt Beachtung geschenkt (Selbstbeobachtung) mit dem Ziel, Befreiung von Zwängen zu erfahren, die Leben einschnüren.

Gesellschaftliche Veränderungen sind in der erwachsenenbildnerischen Arbeit mit dem Enneagramm nicht unmittelbares Ziel. Doch Erneuerung des Einzelnen und der Gesellschaft hängen zusammen. Nachhaltige gesellschaftliche Erneuerung beginnt „beim einzelnen, der durch ‚lebensbegleitende Bildung‘ zur Veränderung angeregt wird“18. Hier wird die Brücke zum Enneagramm geschlagen: Ein „Ich“ gibt es „nicht ohne seine Bezogenheit auf andere. So gesehen gehen persönliche Entwicklungsschritte und Veränderungsprozesse immer mit Veränderungen in den Beziehungen einher.“19

Eine veranwortungsvolle erwachsenenbildnerische Arbeit mit dem Enneagramm sorgt dafür, daß die Beteiligten in ihrer Lebenslage gefördert werden. Daß dies tatsächlich geschieht, zeigen schriftliche Rückmeldungen einiger Teilnehmerinnen eines Wochenendseminars zum Thema Enneagramm, zu dem eine evangelische Frauengruppe eingeladen hatte. Unter anderem gefragt, was ihnen an dem Wochenende besonders wichtig gewesen sei/gut gefallen habe, hieß es: „mich selbst mehr zu verstehen, meinen Typ erkennen zu können“, „mehr über mich zu erfahren“, „daß ich Zeit für mich hatte … meine jetzige Lebenssituation bewußt wahrnahm und anfing, mich noch besser kennenzulernen“. Auch dem Gemeinschaftsaspekt wurde große Beachtung beigemessen: „Gruppengemeinschaft“, „Kontakte mit neuen Menschen“, „daß ich doch viel lachen konnte“; auch der Blick über den eigenen Horizont hinaus: „daß ich von dem Standpunkt, daß nur ich allein die Geplagte bin, etwas Abstand nehmen konnte; daß ich gesehen habe, daß jeder Typ sein Päckchen zu tragen hat“, „daß ich mich traute, auch im großen Kreis etwas zu sagen“. Nicht zuletzt stellte die geistliche Dimension für viele einen wichtigen Aspekt dar: „mich für mich neu bei Gott zu zentrieren … daß bei mir ein Aha-Effekt bezüglich anderer Wesenstypen zustande kam: daß jeder so geliebt und richtig ist“, „die Zusagen Gottes für einzelne Typen“ (im abschließenden gemeinsamen Gottesdienst) und praktisch: „Hilfen und Anregungen für den Alltag“.

Als Beispiel dafür, was die Arbeit mit dem Enneagramm konkret bewegen kann, sei folgender Erfahrungsbericht angefügt.

Seit vielen Jahren pflegt der aktive, lebensfrohe Herr T. seine schwerbehinderte Ehefrau. Er setzt sich seit mehreren Jahren mit dem Enneagramm auseinander und schildert seinen Veränderungs- und Wachstumsprozeß:

„Ich habe auf dem Weg der Selbsterkenntnis gelernt, meinen “eigenen Balken‘ im Auge anzuschauen. Dieser ist der Wunsch, Menschen glücklich zu machen und selber glücklich zu sein. Dieser liebevolle Wunsch ist auch ein anmaßender Wunsch, nämlich: zu sein wie Gott. Ich lerne, mich selbst nicht zu über-, aber auch nicht mich zu unterschätzen. Vor allem betrifft das meine eigene Sichtweise: Ich lerne, mich nicht als „kleiner Papst“ (er ist Theologe) zu überhöhen, mich nicht prophetisch zu überhöhen. Meine eigene Theologie lerne ich wertzuschätzen, aber als eine, die ich durch meine Brille sehe. Ich nehme nur selektiert wahr und weiß mittlerweile: Ich selektiere nach dem Prinzip der Freude und des positiven Denkens. So war mein Glaube immer geprägt von „Auferstehungstheologie“ – aber ich weiß jetzt, daß für mich gerade die Kreuzestheologie wichtig ist, daß meine Abkehr in Aktivitäten und Planen besteht und daß die Tränen zur Umkehr oft fehlen. Ich lerne, Tiefe zu gewinnen und auch im Schmerz Freude zu entdecken.“

Claudia Dienst-Mann

Anmerkungen

  1. Ich greife Kritikpunkte des Theologen Dirk Meine auf; gekürzt in: A. Ebert/M. Küstenmacher (Hg.), Erfahrungen mit dem Enneagramm, 169ff.
  2. Vgl. A. Eberts Vorwort in: R. Rohr/A. Ebert, a.a.O., 14.
  3. Röm 7, 24.
  4. R.Rohr/A. Ebert, a.a.O., 227.
  5. Zum Beispiel vom Seelsorgeausschuß der Evang.-Luth. Kirche Hannovers, auszugsweise abgedruckt im Rundbrief des ÖAE, Ausgabe Dezember 1996, 2f.
  6. In Anlehnung an A. Eberts Kommentar zur angeführten Kritik, ebd.
  7. D. Meine, a.a.O., 180; „Logos“ meint ziemlich genau das, was Esoteriker mit „höchstem Bewußtsein“ bezeichnen; diesen „esoterisch vorbelasteten“ Begriff hat Johannes von seinen Zeitgenossen übernommen; vgl. R. Rohr / A. Ebert, a.a.O., 12.
  8. Die deutsche Ausgabe des Standardwerkes von H. Palmer führt den Aufdruck „Esoterik“, was nicht in ihrem Sinn ist, manche Leser irreführt, aber – wohl aus Marketing-Gründen – vom Verlag gewählt wurde.
  9. So drückt beispielsweise Jesu Aufforderung, man solle zunächst den Balken im eigenen Auge „wahrnehmen“ (nach Luther) und ziehen, bevor man den Splitter im Auge des Nächsten betrachte (vgl. Mt 7,3ff.), den enneagrammatischen Sachverhalt der typspezifischen Fixierung aus. Dann kann es mit Gottes Hilfe möglich werden, wie der Theologe D. Koller in einer Meditation über „Reue“ beschreibt, „daß ich meine psychische Fehlhaltung als existentielle Zielverfehlung und damit als Schuld anerkenne.“ Die Achtsamkeit vor Gott bewirkt es, „daß ich anstelle der … Selbsttröstung die schöpferische Kraft der Vergebung … erfahre.“„Reue“ (metanoia) meint dann eine immer neue Weigerung, „sich mit dem falschen Ich zu identifizieren“, und „die Klugheit des Menschen, der merkt, daß das Haus seiner bisherigen Lebensleistung brüchig geworden ist“ und lieber aussteigt, bevor es über ihm zusammenbricht; (vgl. D. Koller, in: R. Rohr/A. Ebert, a.a.O., 250ff.)
  10. Nipkow war Professor für Religionspädagogik und Allgemeine Pädagogik in Tübingen. sein Konzept von „Gemeindepädagogik“, ist dargestellt und gewürdigt in: K. Foitzik, Gemeindepädagogik, 129ff.
  11. K. E. Nipkow, zit. nach K. Foitzik, a.a.O., 136; Hervorhebung durch den Autor.
  12. Ders., a.a.O., 141.
  13. Ders., a.a.O., 143.
  14. Vgl. dens., a.a.O., bes. 145ff.
  15. Ders., a.a.O., 147.
  16. J. Gündel, a.a.O., 9.
  17. Ders., a.a.O., 7.
  18. K. E. Nipkow, a.a.O., 148.
  19. M.-A. Gallen/H. Neidhardt, a.a.O., 165.

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 24-28

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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