Auf den Spuren des Enneagramms 2

Johannes Bartels
Teil II:
Das Enneagramm Ichazos – Neun Wege zur Erleuchtung

Es war vor allem Oscar Ichazo, der das Enneagramm Gurdjieffs zu einer Charaktertypologie umgebaut hat. Die neun Typen sind weitgehend seine Erfindung, wobei er freilich auf die christliche Tradition der Todsünden zurückgreift. Allerdings hat nicht Ichazo selbst diese Typologie veröffentlicht, sondern die Schüler seiner Schüler. Das Enneagramm Ichazos ist daher weitgehend unbekannt geblieben, obwohl es zugleich die Grundlage so ziemlich der gesamten gegenwärtigen Enneagramm-Literatur darstellt. Johannes Bartels hat sich auf die Suche gemacht.

Wer ist Oscar Ichazo?

Oscar Ichazo wurde 1931 geboren und wuchs in Bolivien und Peru in römisch-katholischem Elternhaus auf.1 Er besuchte eine Jesuiten-Schule und befaßte sich schon in jungen Jahren mit Kirche und Theologie. Wie er selbst berichtet, wurde er im Alter von sechseinhalb Jahren im Halbschlaf von Epilepsie-ähnlichen Attacken geschüttelt, die sich alle zwei oder drei Tage wiederholten. Sie waren mit extremer Todesangst, übernatürlichen Visionen und dem Bewußtsein verbunden, sich außerhalb des Körpers zu befinden, ähnlich den Erfahrungen, die heute als Nah-Tod-Erfahrungen bekannt geworden sind. Fortan setzte er alles daran, diese Attacken loszuwerden und die Kontrolle über sich selbst zurückzugewinnen. Kaum älter als zehn, las er nach eigenen Berichten alles, was er in die Hände bekommen konnte, über Anatomie, Physiologie, Medizin und Philosophie, übte sich im Samurai-Kampf, in Yoga und in Zen-Meditation und machte Erfahrungen mit psychedelischen Drogen, Schamanismus und Hypnose.

Als Teenager beschäftigte er sich u.a. mit der Kabbalah und las die Schriften des Gurdjieff-Schülers P.D.Ouspensky. Mit 19 Jahren traf er auf einen esoterischen Zirkel in Buenos Aires, in dem die Systeme Gurdjieffs und Ouspenskys diskutiert wurden und Experimente mit bewußtseinsverändernden Techniken und Gurdjieffs „movements“ stattfanden. Die Mehrheit der Gruppe war orientalischer Herkunft und etliche Mitglieder waren Experten der Kabbalistik, des Sufismus oder des Zen-Buddhismus. Nach einiger Zeit wurde man auf Ichazo aufmerksam und kam überein, ihn auszubilden und zu Forschungszwecken in den Orient zu schicken.

1956 reiste Ichazo u.a. nach Pakistan, Afghanistan, Kaschmir und Pamir. Was auch immer die genauen Stationen seiner Pilgerreise waren, offenbar genoß er das Privileg, einen ungewöhnlich freien Zugang zu den von ihm aufgesuchten Kreisen gewährt zu bekommen. Angeblich ist er auf diesen Reisen auch auf die Quelle des Enneagramms gestoßen.

Bis Ende der 50er Jahre entwickelte Ichazo sein philosophisches System, und während einer Woche im „Göttlichen Koma“ (Originalton Ichazo) verspürte er die Berufung zur Lehre. Nach einem kurzen Intermezzo in Santiago, wo er 1969 am Institut für angewandte Psychologie lehrte, ging er in den abgelegenen chilenischen Ort Arica, um mit einer kleinen aber entschiedenen Schülerschar zu arbeiten. Anfangs hatte das dort gegründete Institut, das später unter dem Namen Arica-Institut bekannt wurde, lediglich zehn Mitglieder. Doch nachdem Ichazo am kalifornischen Esalen-Institut eine Neuinterpretation der Lehre Gurdjieffs angekündigt hatte, kamen 1977 54 US-Amerikaner für zehn Monate nach Arica, worauf Ichazos Schule auch in Nordamerika bekannt wurde. Ichazo verlegte daraufhin den Sitz seines Instituts nach New York und gründete Filialen in San Francisco und Los Angeles. Das Curriculum der „Schule“ beinhaltet außer Vorlesungen über mehrere Variationen des Enneagramms, das dort auch als „Enneagon“ bezeichnet wird, bewußtseinsverändernde Techniken und Übungen aus esoterischen und religiösen Traditionen des Ostens wie des Westens, zugeschnitten auf die Bedürfnisse moderner Amerikaner. Die Teilnahme an den Arica-Kursen führt angeblich zu nahezu garantierter Erleuchtung.2

Bis heute haben angeblich etwa 200000 Schülerinnen das überaus komplexe Arica-Ausbildungsprogramm absolviert. Sollte diese Zahl stimmen, so ist der Zulauf in den letzten Jahren jedoch deutlich zurückgegangen, und z.Zt. gibt es weltweit noch etwa 500 aktive Arica-Lehrer.

Heute führt Ichazo ein zurückgezogenes Leben als Schriftsteller auf der Insel Maui, Hawaii. Zu der nordamerikanischen Enneagramm-Bewegung steht er in Distanz, da er sich seit der Veröffentlichung der ersten Enneagramm-Einführungsbücher als Opfer geistigen Diebstahls und inhaltlichen Mißverständnisses sieht.

Was bedeutet Ichazos Enneagramm?

Der Kontext, in dem Ichazo sein Enneagramm entfaltet, ist die von ihm entwickelte „Protoanalyse“, die er als „Analyse der menschlichen Psyche in Übereinstimmung mit den ‚Archetypischen Menschlichen Prototypen‘“ definiert.3 Diese Protoanalyse ist ein Amalgam aus alchemistischer Psychologie, Metaphysik und Numerologie und bedient sich – wie das System Gurdjieffs – einer sehr eigentümlichen Sprache, die den Dialog mit Ichazo nicht gerade erleichtert.

Grundlegend für die Protoanalyse ist, ähnlich wie für Gurdjieff, eine Unterscheidung zwischen „Ego“ oder, was dasselbe bedeutet, „Persönlichkeit“ einerseits und der darunter verborgenen „Essenz“ andererseits. Ziel der Protoanalyse ist der Abbau der Egos zugunsten der darunter verborgenen Essenz. Dazu muß das Ego zunächst schonungslos analysiert werden – und genau diesem Zweck dient das Enneagramm.

Das Enneagramm nun hat Ichazo von Gurdjieff übernommen – allerdings nur das geometrische Zeichen selbst, nicht dessen Bedeutung als dreistufige Heilsgeschichte.4 Vielmehr dient ihm der neunzackige Stern Gurdjieffs als Matrix für sein System der psychischen „Prototypen“, als die das Enneagramm letztlich bekannt geworden ist.

Die Synthese des Enneagramms mit einer Klassifikation psychischer Grundmuster ist eine kühne Innovation, die bei Gurdjieff in keiner Weise angelegt ist. Allerdings ist diese Idee durch den heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Gurdjieff-Schüler Rodney Collin (1909–1956) vorbereitet worden. Collin hatte bereits 1952 eine archaische Charaktertypologie der astrologisch-alchemistischen Schulen des 13. bis 17. Jahrhunderts mit dem Enneagramm verbunden.5 Das System der Alchemisten basiert auf der Zuordnung verschiedener Charaktertypen zu den fünf mit bloßem Auge sichtbaren Planeten, also Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn, denen außerdem der Mond und die Sonne hinzugefügt werden. Collin nimmt die Sonne aus und plaziert die verbleibenden sechs planetaren Charaktertypen auf die sechs Punkte 1, 2, 4, 5, 7 und 8 im Enneagramm. Seine Beschreibung der Typen und deren Plazierung ist zwar noch weit von dem Enneagramm Ichazos entfernt, doch die Grundidee ist bei beiden dieselbe. Obwohl Ichazo stets die alleinige Urheberschaft des modernen Enneagramms beansprucht und Collin nie erwähnt, halte ich eine Beeinflussung Ichazos durch Collin für sehr wahrscheinlich. Denn bei Collin, dessen Werk zunächst in Lateinamerika und auf Spanisch erschien, also für Ichazo durchaus zugänglich gewesen sein muß, findet sich nicht nur die Verbindung von Enneagramm und Charaktertypologie, sondern auch eine Reihe weiterer Bausteine, die heute zum Gemeingut der Enneagramm-Literatur gehören.

Erst bei Ichazo jedoch werden die Typen dann entscheidend durch je spezifische Sünden bzw. „Leidenschaften“ charakterisiert. Schon in der Antike sind die Planeten mit den Hauptsünden des Menschen verbunden worden. Die symbolische Darstellung des Charaktertyps mit Hilfe von Planeten trägt also traditionell bereits die Idee der Typologisierung von Hauptsünden in sich. Bei Ichazo ist es nun der christliche Katalog der Todsünden, der zum Ausgangspunkt seiner Typologie wird. Um die neun Punkte des Enneagramms komplett zu machen, muß Ichazo diesen Katalog freilich um zwei weitere Sünden ergänzen: Angst und Lüge.

Wie Ichazo nun genau zu seiner Anordnung der Sünden bzw. „Leidenschaften“ (passions) kommt, verrät er uns nicht. Wer sich dafür interessiert, den speist er mit der Behauptung ab, er habe das Enneagramm aus direkter Offenbarung durch „Metatron, den Prinz der Erzengel“, empfangen.6 Das Strukturprinzip der Plazierung der Hauptsünden im Enneagramm läßt sich also – wenn es denn ein solches geben sollte – nicht mehr rekonstruieren. Jedenfalls sieht das fertige „Enneagramm der Leidenschaften“ so aus:7

Was auf den ersten Blick wie eine belanglose geometrisch-typologische Spielerei aussieht, enthält doch einige Ideen von großer Tragweite. Grundlegend für die Verbindung von Charaktertyp und Hauptsünde ist zunächst die Idee, daß die Persönlichkeit eines Menschen wesentlich von einem Defizit bestimmt wird. Das geheime Thema jeder Biographie ist ein bestimmter Mangel an essentieller Qualität. Dieser Seins-Mangel manifestiert sich ferner in verschiedenen Ausprägungen, die in ihrer Zahl jedoch zugleich auf ein übersichtliches Maß beschränkt bleiben. Dadurch wird ein relativ konkreter Sündenbegriff ermöglicht, ohne daß sich dieser in kasuistischer Verästelung verliert. Und schließlich sind die einzelnen Leidenschaften dynamisch aufeinander bezogen, was durch die Linien des neuneckigen Sterns angedeutet wird.

Der früheste Text, der Ichazos Enneagramm der Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat, stammt aus der Feder seiner Schüler John Lilly und Joseph Hart.8 Dieser Text stellt kaum mehr dar als eine Skizze. Darin werden die neun Leidenschaften folgendermaßen beschrieben:

Zorn (Passion Nr. 1) ist der unterschwellige Ärger über die eigene Unvollkommenheit sowie über die Unvollkommenheit anderer. Stolz (2) besteht in der uneingestandenen Abhängigkeit von der Gunst anderer. Die Leidenschaft der Lüge (3 – sie ist eine der beiden von Ichazo ergänzten Hauptsünden) besteht in der Selbststilisierung nach dem Ideal von Einfluß und Effizienz und entspringt einem maßlosen Verlangen nach Bewunderung. Neid (4) ist die melancholische Eifersucht auf das scheinbare Glück anderer und wurzelt in der Sehnsucht nach der vollendeten Beziehung oder Situation. Geiz (5) ist der Rückzug in den Blickwinkel des wissenden Beobachters, der es versäumt, sich selbst in das Leben zu investieren. Auch die Angst (6 – die zweite zusätzliche Leidenschaft) oder Feigheit, wie man vielleicht lieber sagen sollte, ist, wenn sie zur Grundhaltung wird und wenn der blinde Gehorsam gegenüber beschützenden Autoritätspersonen jede Verletzlichkeit verhindert, nichts anderes als eine Verweigerung gegenüber dem Leben. Völlerei (7) ist die planvolle Organisation des Lebens mit dem Ziel, einmal erlebtes Vergnügen zu wiederholen und zu steigern – ob dieses Vergnügen nun sinnlicher, emotionaler oder geistiger Natur ist. Wollust (8) wird merkwürdigerweise als exzessive Gerechtigkeits- und Wahrheitsliebe verstanden; sie äußert sich in einer geradezu lustvoll-schamlosen Aggression, womit auf ein verletztes Gerechtigkeitsempfinden reagiert wird. Trägheit (9) schließlich meint spirituelle Passivität oder mangelnde Antriebskraft hinsichtlich der Suche nach der eigenen „Essenz“. (vgl. s. 336f)

Sämtliche Hauptsünden äußern sich in eher subtiler Weise, so daß sie von außen oft gar nicht in ihrer Destruktivität wahrgenommen werden. Die Leidenschaften sind, wie bereits erwähnt, defizitärer Natur. Sie weisen auf einen Mangel an essentieller Qualität hin, für das sie kompensieren sollen. Entsprechend den neun (negativen) Leidenschaften läßt sich also auch die menschliche Essenz in ein Spektrum von neun (positiven) Qualitäten gliedern. Sie werden im Rahmen der Protoanalyse als „Tugenden“ bezeichnet und stellen die genauen Gegensätze zu den jeweiligen Passionen dar. Tugenden können dann ausgebildet oder vielmehr freigelegt werden, wenn jemand den defizitären Ursprung des eigenen Charakters erkennt und zur verborgenen Essenz durchstößt.

So kann Zorn der Heiterkeit weichen, wenn jemand versteht, daß seine Essenz – wie die aller anderen – vollkommen ist. Wer einsieht, daß auch andere in ihrem Innersten ebenso vollendet sind wie er selbst, dessen Stolz verwandelt sich in echte Demut. Und so weiter: Lüge wird zu Wahrhaftigkeit, Neid zu Gleichmut, Geiz weicht einer Haltung des Loslassens, Mut ersetzt Angst, nüchterne Besonnenheit ersetzt Völlerei, Wollust wird zu Unschuld und Trägheit wird zu Aktivität. (vgl. s. 338)

Tugend und Sünde wurzeln in gemeinsamem Grund.
Es ist entscheidend, daß die jeweilige Tugend nur dann ausgebildet werden kann, wenn die entsprechende Leidenschaft als solche wahrgenommen wird. Pointiert formuliert bedeutet dies, daß Tugend und Sünde in gemeinsamem Grund wurzeln.

Leidenschaften und Tugenden werden in protoanalytischer Terminologie als „emotionale“ Haltungen verstanden. Neben der emotionalen haben Persönlichkeit und Ego noch eine „mentale“ Dimension. Auf mentaler Ebene äußert sich die Gefangenschaft der Persönlichkeit in Form einer sog. „Ego-Fixierung“, einer Art fixen und daher verzerrten Idee darüber, wie das Leben zu organisieren sei, um das durch den Seinsmangel hervorgerufene Gefühl der Leere zu überwinden. Zu jeder fixen Idee gehört zugleich eine „Falle“, ein illusionäres Ideal, das mit der wahren Essenz verwechselt wird.

So besteht die Fixierung des zornigen Prototypen Nr. 1, welcher in der Illusion der Perfektion gefangen ist, in einem grollenden Ressentiment, womit er auf die eigene Unvollkommenheit und die anderer reagiert. Der stolze Typ 2 glaubt, durch Schmeichelei die Gunst seiner Audienz zu gewinnen; seine mentale Falle ist eine illusionäre Idee von Freiheit. Ein eitler Geist treibt den verlogenen Typ 3 dazu, Auszeichnungen, wichtige Positionen und Macht über andere anzustreben; er verwechselt wahres Sein mit Effizienz. Eine zwanghafte Melancholie ist dafür verantwortlich, daß der neidische Typ 4 nie mit dem Gegenwärtigen zufrieden ist, sondern stets einer glücklichen Zukunft nachjagt; er befindet sich in der Sackgasse eines trügerischen Ideals von Authentizität. Die Geisteshaltung des Geizes sorgt dafür, daß sich Typ 5 auf einen anonymen Beobachterposten zurückzieht, der ihm zugleich zur Falle wird. Typ 6 glaubt an eine idealisierte Sicherheit; um die zu erreichen, schließt er sich in seiner Feigheit einem starken Führer an, der ihn beschützen soll. Die fixe Idee des genußsüchtigen Typs 7 besteht darin, zu meinen, das Leben lasse sich durch Planung als andauernder Rauschzustand organisieren; die Sackgasse, in der er festsitzt, heißt Idealismus. Typ 8 wird in seinem rachsüchtigen Geist destruktiv, sobald er Unrecht wittert; verantwortlich dafür ist ein illusionärer Gerechtigkeitswahn. Und der grundlegende Irrtum des trägen Typs 9 besteht darin, Liebe stets außerhalb seiner selbst zu suchen und dabei die eigene Essenz zu vergessen; diese Suche ist die Falle, in der er steckt. (vgl. s. 333–335)

Wie auf der „emotionalen“ Ebene die Leidenschaften, so haben auf mentaler Ebene auch die Ego-Fixierungen ihr jeweiliges Gegenstück: die „Ideen“. Die Ideen sind gewissermaßen Ahnungen von heiligen Qualitäten des wahren, „essentiellen“ Lebens. Sie werden von Ichazos Schülern später abgekürzt als „heilige Ideen“ bezeichnet. Wer erkennt, daß ihn die Fixierung in eine Falle führt und dem ersehnten Glück eher im Wege steht als es zu fördern, der ist bereit, die ihm angemessene Idee zu akzeptieren. Jede dieser neun Ideen betrifft eine Facette der „ewigen Essenz“ und eröffnet einen spezifischen Zugang zur Erfahrung des wahren Selbst und damit zu innerem Frieden und Glück.

Die erlösende Idee des grollenden Typs 1 heißt heilige Vollkommenheit; sie besteht in der Einsicht, daß die eigene Essenz bereits vollkommen ist und befreit daher von der fanatischen Jagd nach Perfektion in der Außenwelt. Heilige Freiheit ist die Idee, die den schmeichelnden Geist, Typ 2, aus seiner Abhängigkeit von der Gunst anderer erlöst. Der eitle Geist des Typs 3 findet über die Idee der heiligen Hoffnung zur Erfahrung der eigenen Essenz; diese Hoffnung rettet ihn aus dem Wahn, alles hinge nur von seiner Effizienz ab. Heilige Originalität ist der Name der Einsicht des Typs 4 in den vollendeten Ursprung des eigenen Seins; sie bereitet der neidischen Suche nach Authentizität ein Ende. Der feige Typ 5 muß erst seinen Beobachterposten verlassen, um durch die Erfahrung der eigenen Essenz zu wahrer, Heiliger Weisheit zu gelangen. Typ 6 kann seine feige Suche nach Sicherheit aufgeben, wenn er versteht, daß er in der Tiefe seines Seins unverwundbar ist; eine solche Erkenntnis aber ist nichts anderes als Heiliger Glaube. Das rastlose Planen von Typ 7 wird dann zu Heiliger Arbeit, wenn ihn der Kontakt zur eigenen Essenz aus seinen Zukunftsträumen in die Gegenwart zurückholt. Ebenso wird Typ 8 aus seiner Rachsucht befreit, wenn er versteht, daß seine Essenz – wie die jedes anderen – letztlich in Heiliger Wahrheit und Gerechtigkeit gründet. Die erlösende Idee des selbstvergessenen Typ 9 schließlich heißt Heilige Liebe und besteht in der Realisierung, daß die eigene Essenz im Grunde nichts anderes ist als reine Liebe. (vgl. s. 335f)

Für Enneagramm-Kenner ist längst deutlich geworden: Ichazos „Leidenschaften“ und „Tugenden“, seine „fixierten“ und „heiligen“ Ideen, etc. mögen in der Literatur heute z.T. andere Namen haben, doch der Sache nach finden sie sich in jedem ausführlichen Enneagramm-Buch mehr oder weniger unverändert wieder. Das gilt für die „emotionale“ wie für die „mentale“ Ebene. Und das gilt schließlich auch für die Ebene der „Instinkte“, die heute oft als „Subtypen“ oder „Untertypen“ bezeichnet werden. Daher kann ich mir an dieser Stelle eine ausführliche Darstellung ersparen. Die Interessierte lese einfach nach, z.B. bei Helen Palmer oder Rohr/Ebert.

Ichazos Enneagramm wäre damit in groben Zügen nachgezeichnet. Für Ichazo steht das Enneagramm im Mittelpunkt einer umfassenden Heilslehre. Immer wieder stellt er eine vollkommene Erlösung in Aussicht. Wer mit Hilfe des Enneagramms, gesunder Ernährung und fleißigen Meditierens den Abbau des eigenen Egos betreibt, der wird schließlich seiner wahren Essenz begegnen, der ist nicht mehr fern von vollendetem Glück und Frieden, nicht mehr fern von „Satori 24“, wie der höchste Zustand der Erlösung in dem alchemistisch-numerologischen Jargon der Arica-Schule ursprünglich genannt wurde.

In den frühen 70er Jahren ging der Heilsoptimismus Ichazos einher mit düsteren Szenarios einer bevorstehenden Endzeit-Krise. Die Welt könne aber, so lehrte er, gerettet werden, wenn in den wenigen verbleibenden Jahren bis zur Katastrophe genügend Teilnehmer des Arica-Trainings die Erleuchtung erreichen und als Multiplikatoren wirken würden. Das erwartete Heil ist jedoch an Bedingungen geknüpft – an Bedingungen, die nur Ichazo selbst kennt. Wer diese Bedingung nicht erfüllt, wird von der Arica-Schule ausgeschlossen. Ihn erwartet der ewige Tod (vgl. s. 345f).

Was ist aus Ichazos Enneagramm heute zu lernen?

Gerade die eben beschriebene Heilslehre, die bei Ichazo den Kontext des Enneagramms darstellt, ist aus christlicher Sicht freilich sehr problematisch. Ichazos Arica-Schule hatte in den siebziger Jahren eindeutig sektiererische und totalitäre Züge. Man führe sich nur einmal die Erinnerungen des ehemaligen Anhängers Adam Smith zu Gemüte.9 Nicht weniger problematisch ist der gnostische Charakter der Lehre. Ichazo selbst bezeichnet sein System als „Methode der Ultimativen Gnostischen Erleuchtung“.10 Für ihn hält das Enneagramm neun Wege zur letzten Erleuchtung bereit. Die genaue Kenntnis der neun Typen, die natürlich nur durch Ichazo und seine Schüler vermittelt werden kann, soll zur Erlösung führen. Nun ist die Gnosis bereits im frühen Christentum als unsachgemäß verworfen worden. Bloße Erkenntnis führt eben nicht zur Erlösung. Wer das glaubt, hat noch nicht verstanden, wie tief der Mensch im Dreck steckt.

Die menschliche Essenz zu finden stellt die große spirituelle Aufgabe des Lebens dar.
Sieht man einmal von dem problematischen Kontext ab, so ist es wohl diese Neuinterpretation der Lehre von den Todsünden, die Ichazos positives Verdienst ausmacht. In seiner Interpretation verlieren die Todsünden ihre Fremdheit. Sie werden zu Haltungen, die man durchaus auch im eigenen Leben wiederfinden kann. Dasselbe gilt für den ja nicht weniger verstaubten Begriff der Tugend. Beides, Sünde und Tugend – und darin liegt vielleicht die tiefste Einsicht Ichazos – sind aufeinander bezogen, und zwar ganz konkret: Jede Leidenschaft ist nichts anderes als die Abwesenheit einer Tugend, d.h. einer besonderen Qualität menschlicher Essenz. Diese besondere Qualität menschlicher Essenz zu finden und zu entwickeln, stellt die große spirituelle Aufgabe des Lebens dar. Und die Erfüllung dieser Aufgabe – so ist aus christlicher Sicht freilich hinzuzufügen – ist immer ein Geschenk Gottes.

Johannes Bartels ist Theologe, wohnt in Leipzig und schreibt an einer Doktorarbeit über das Enneagramm im Kontext religiöser Erwachsenenbildung.

Anmerkungen

  1. Biographische Hinweise finden sich unter anderem in folgenden Texten: Samuel Keen, A Conversation About Ego Destruction with Oscar Ichazo, in: Psychology Today, Juli 1973; John Lilly/Joseph E.Hart, The Arica Training, in: Charles T. Tart (Hg.), Transpersonal Psychologies, New York 1975 und London 1975; Adam Smith, Powers of Mind, London 1976, S.255–268; und Enneagram Monthly November 1996 S. 21–23.
  2. Vgl. Keen (s.o. Anm. 1) S. 67.
  3. Vgl. Enneagram Monthly November 1996 S. 21.
  4. Zur Bedeutung des Enneagramms Gurdjieffs vgl. EnneaForum 17/2000 S. 17ff.
  5. Vgl. The Theory of Celestial Influence. Man, the Universe and Cosmic Mystery, Boulder, Colo./London 1984 S.143–151.
  6. Vgl. Lilly/Hart (s.o. Anm.1) S. 341.
  7. Ebenda S.338.
  8. Lilly und Hart gehörten 1970 zu den US-amerikanischen Teilnehmern des Arica-Trainings und verfaßten einen Bericht darüber für die 1975 von C.Tart herausgegebene Aufsatzsammlung „Transpersonal Psychologies“. Merkwürdigerweise fehlt dieser Beitrag in der deutschen Übersetzung. Die Seitenangaben in diesem Aufsatz beziehen sich, wenn nicht anders angegeben, auf diesen von Tart edierten Band (s.o. Anm.1).
  9. S.o. Anm.1. Dieser kurze Text ist für uns auch deshalb besonders aufschlußreich, da er anschaulich und mit der kritischen Distanz des Rückblicks beschreibt, wie Ichazo während des Arica-Trainings von 1970 mit dem Enneagramm gearbeitet hat.
  10. Enneagram Monthly Januar 1997, S. 22.

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 19-23

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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