Buchbesprechung - Der Weg des Übermenschen

Stephen Wolinsky
Jenseits des Enneagramms.
Der Weg des Menschen in der Quantenpsychologie
Freiburg i.Br 1998, DM 38,–

Wieder einmal beschert uns Wolinsky, der umstrittene Erfinder der „Quantenpsychologie“, ein Buch, dessen (deutscher) Titel suggeriert, daß es darin in erster Linie um das Enneagramm gehe. Doch wie schon sein voriges Buch „Das Tao des Chaos“ enthält auch das neue „viel Selbstdarstellung und wenig Enneagramm“ (K.Vollmar in Rundbrief 10/1996). In immer neuen Wiederholungen kreist der Autor um die Versöhnung von westlicher Psychologie und östlicher Mystik, von Körper und Geist und um den Durchbruch zu dem, was er die „Quantennatur“ nennt – und was meines Erachtens nichts anderes ist als das, was andere als den „tiefsten Seinsgrund“, das „wahre Selbst“ o.ä. bezeichnen. Erst nach 120 streckenweise sehr ermüdenden Seiten folgt ein Kapitel über das Enneagramm.

Wolinskys Darstellung der neun Typen besteht weitgehend aus Zitaten von Oscar Ichazo (die jedoch angesichts der schlechten Zugänglichkeit der meisten Werke Ichazos für jeden Spurensucher von hohem Wert sind). Sein eigener Beitrag ist daher nicht in einer eigenständigen Charakterisierung der Typen zu suchen, sondern vielmehr in neun weitgehend redundanten Fragekatalogen, die den LeserInnen helfen sollen, „unsere falschen Selbste zu lokalisieren und dann abzubauen.“ (125) Mit diesem Ziel unterscheidet sich Wolinsky nach eigener Einschätzung „von den meisten Enneagrammlehrern, die versuchen, zwischen gesunden und ungesunden falschen Selbsten zu unterscheiden bzw. diese umzuformen.“ (112) So möchte er den Charakter nicht „reparieren“, sondern „abbauen“ und „auflösen“, so daß am Ende nichts als die Quantennatur übrigbleibt, die von allen Menschen geteilt wird. „Kurz gesagt: Erkennen Sie, daß Sie jenseits all dessen sind, was Sie zu sein glauben.“ (244)

Wenn Wolinsky meint, es ginge den meisten anderen AutorInnen um eine Unterscheidung „zwischen gesunden und ungesunden falschen Selbsten“, so ist dies freilich eine Unterstellung. Ich habe jedenfalls noch kein Enneagramm-Buch gelesen, das den Weg zu einem (gesunden oder ungesunden) falschen Selbst weisen wollte – vielmehr ist geradezu die gesamte Enneagramm-Literatur doch wohl eher als Plädoyer für die Suche nach dem höheren, wahren Selbst zu lesen (vgl. etwa den Buchtitel von Beesing/Nogosek/O’Leary: „Das wahre Selbst entdecken“). Wie dem auch sei, der zitierte Satz deutet jedenfalls tatsächlich auf eine Eigenart der Enneagramm-Interpretation Wolinskys hin: Im Gegensatz zu Rohr/Ebert etwa geht die Quantenpsychologie davon aus, daß es nicht nur erstrebenswert, sondern auch möglich sei, die typische Perspektive vollständig abzubauen und zu jenem „Jenseits“ zu gelangen, das sich jeder Beschreibung entzieht, zu einem „seinslosen Sein“ also, oder zum „zustandslosen Zustand“. (245) Wolinsky scheint zu glauben, diesen Zustand selbst bereits erreicht zu haben: „Dieses Buch ist … die Geschichte eines Ich, das verschwand, und es tauchte wieder auf, nur um noch einmal zu erscheinen und wieder zu verschwinden.“ (245) Offensichtlich stilisiert sich der Autor hier als Übermensch.

Ich halte die Einschätzung Richard Rohrs für realistischer: Wir können viel lernen und wachsen, und nicht zuletzt auch mit Hilfe des Enneagramms. Aber wir werden das geheime Thema unseres Lebens nie ganz hinter uns lassen können. Wir werden immer eine Eins oder Zwei oder Drei etc. bleiben. Doch wenn wir loslassen, werden wir am Ende vielleicht eine „gesunde“ oder „integrierte“ Eins, Zwei oder Drei sein. Und das ist schon eine ganze Menge. Oder anders, mit Gurdjieff: Wir sind und bleiben „Idioten“. Und wieder anders, mit Martin Luther: Wir sind und bleiben „Sünder“; aber eben „gerechtfertigte“ Sünder. Und deshalb haben wir auch als Sünder schon Anteil am „Jenseits“ – und nicht erst nachdem wir Wolinskys zahlreiche Bewußtseinsübungen absolviert haben (ohne damit den Wert von Bewußtseinsübungen grundsätzlich leugnen zu wollen).

Im Anhang des Buches wird übrigens ein „Entwicklungsenneagramm“ von Dianne Postnieks vorgestellt. Postnieks behauptet, daß die ersten neun Jahre im Leben jedes Menschen den neun Punkten des Enneagramms entsprechen. Das Thema des ersten Lebensjahres ist also – gemäß Ichazos Enneagramm – die Entwicklung von Nähe, das des zweiten Jahres die Erlangung von Selbständigkeit, etc. Im späteren Erwachsenenleben kommt es dann oft vor, daß man chronische Probleme mit einem dieser Themen hat und wieder zurück muß an den Punkt der Entwicklung, an dem man früher schon einmal steckengeblieben ist. „Dieses System erweist sich bei unseren chronischen Lebensproblemen als hilfreich, weil wir über das Verstehen der Punkte im Entwicklungsenneagramm herausfinden können, in welcher Altersstufe wir steckengeblieben sind.“ (250) Konkret heißt das zum Beispiel, daß Leute mit Eßstörungen auf der Stufe des ersten Lebensjahres steckengeblieben sind (vgl. 251). Nun, das scheint mir dann doch etwas zu weit zu führen …

J.B.

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 17

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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