Person werden meint: So zu werden, wie wir eigentlich gemeint sind

Erfahrungen: Gotthard Fuhrmann

Was hat Dich bewogen, mit dem Enneagramm zu arbeiten?

Die schmerzhafte Erfahrung einer Berufs- und Lebenskrise, die in Wechselwirkung stand mit der gesellschaftlichen und kirchlichen Wende vor 10 Jahren. Die Impulse von zwei Vorträgen in der Dresdner Kreuzkirche (Richard Rohr und Andreas Ebert am 14./15.3. 1990). Sie waren nachhaltiger, als ich zunächst ahnte.

Während eines Zen-Meditationskurses bei der Kommunität Casteller Ring auf dem Schwanberg entstand der Kontakt zu den Schülern von Graf Dürckheim in Rütte. Wochenend-Kurse bei Ebert, Küstenmacher und Neidhardt/Gallen waren wichtig für die Entscheidung zur Ausbildung.

Parallel zu meiner Ausbildung zum Enneagrammgruppenleiter bei Gallen/Neidhardt lief die Arbeit bei Dürckheim-Schülern in Rütte. Als beglückend erlebe ich die wechselseitige Ergänzung beider Wege auf der Reise nach innen.

Welcher Art ist deine Qualifikation?

Einiges habe ich gerade erzählt. Dazu kommt die jährliche eigene Supervision bei Hans Neidhardt u.a. Weiter hat mich das Enneagramm-Buch von Uwe Böschemeyer angeregt, den Autor und die „Wertorientierte Imagination“ im Hamburger Institut kennenzulernen. Auch da wird mein Lernen (für mich und die Enneagramm-Kurse) weiter gehen. Die Innere Bildwelt erlebe ich – neben Leibarbeit und Meditation – als Einladung, durchlässig zu werden für das Geheimnis des Lebens, den „Christus in uns“. Eine kurze Begegnung mit nachhaltiger Wirkung brachte für mich die Jahrestagung 1998 in Mainz: Suzanne Zuercher. Vielleicht kann unser Vorstand den Herder-Verlag anregen, ihre „Neun Wege zur Ganzheit“ wieder aufzulegen.

Inwieweit fließen religiöse Inhalte in die Kurse ein?

Nach meinem Verständnis ist die Enneagramm-Arbeit von sich aus religiös. Da braucht nichts von außen einzufließen. „Religiös“ von „religare“ meint ein Zurückbinden an das Wesentliche (für das unterschiedliche Menschen unterschiedliche Namen konstruiert haben). Selbsterfahrung ist in der Tiefe – aus meiner Sicht – Gotteserfahrung. Religiosität ist eine der menschlichen Grundausstattungen, jenseits von Kirchenzugehörigkeit oder der in Ostdeutschland häufig anzutreffenden atheistischen Sozialisation.

„Person werden“ von „personare“ meint hindurchtönen: Das Geheimnis des Lebens will durch uns hindurchtönen. Christen nennen das Geheimnis Gott, andere reden vom Selbst, wieder andere vom Sein.

Was gestaltet sich schwierig in deinen Kursen?

Zwei Erfahrungen als Beispiele:

Ziemlich bald habe ich die Kurse von zwei auf drei Tage ausgeweitet. Trotzdem reicht die Zeit nicht für die wichtigsten Inhalte und eine angemessene Verarbeitung. Andererseits sprechen sich vor allem Berufsttätige dafür aus, trotz dieser Spannung bei der bisherigen zeitlichen Begrenzung zu bleiben.

Hauptberufliche kirchliche MitarbeiterInnen haben als KursteilnehmerInnen manchmal Mühe damit, daß die gemeinsame Arbeit von mir nicht klarer als kirchliche Arbeit gekennzeichnet wird.

Welche Erfahrungen sind für dich als Leiter bereichernd, schön?

Auch dafür zwei Beispiele:

Da sagt eine Frau (mit klassischer DDR-Biografie) in der Schlußrunde tief bewegt: „Wenn mir das jemand vor Jahren gesagt hätte, daß ich religiös bin …“

Ich habe einen Kursteilnehmer gefragt, ob ich mitteilen darf, was er nach einem Aufbaukurs geschrieben hat: „Damals, in meinem Vater-Mutter-Land, war nicht Gut-Kirschen-Essen. Da emigrierte ich in das Reservat meiner selbst und hoffte still auf bessere Zeiten. Meine Hoffnung wurde immer stiller, bis sie verstummte. Da wuchsen sich die Grenzen meines Reservates zu festen Mauern aus – unbezwingbar von außen … und von innen. Nach langer Zeit meldete sich meine Sehnsucht leise zu Wort, sie erinnerte mich an mein Heimatland, das ich noch nie gesehen hatte, von dem ich aber wußte, daß es existieren mußte. Da wuchsen mir Flügel und langsam begann ich, die Reservation und das Vater-Mutter-Land unter mir zurückzulassen. Der Weg in meine Heimat hat begonnen.“

Was ist das Besondere deines Angebotes?

Die bunte Mischung der KursteilnehmerInnen, z.B. „Nichtchristen“ und „Christen“.

Das im Lauf der letzten acht Jahre gewachsene Netz von Enneagramm, Körperwahrnehmung (ich bin Leib), Innerer Bildwelt und Meditation.

Im Anschluß an Kurse die Möglichkeit zur Einzel-Arbeit in meiner Supervisionspraxis.

Die begrenzte Einbeziehung des Enneagramms in die Einzelarbeit mit Führungskräften (Coaching).

Summa summarum?

Die Versöhnungsarbeit hört nicht auf, weder die ‚in‘ mir noch die ‚zwischen‘ …

Ich hoffe, daß wir durchlässig werden für die heiligen Ressourcen in uns und die gewaltigen gesellschaftlichen Herausforderungen der nächsten Jahre annehmen können.

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 16

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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