Fort- und Weiterbildung in Mediation

Erfahrungen: Tilman Metzger

Ich integriere das Enneagramm seit fünf Jahren in meine Tätigkeit als Erwachsenenbildner für Mediation. Mediation ist eine Methode der Vermittlung in Konflikten, die – genauso wie das Enneagramm – Ende der 80er Jahre aus den usa nach Deutschland gekommen ist. Mediation kann bei grundsätzlich jedem Konflikt zwischen Menschen angewendet werden, die eine gütliche Einigung anstreben. In Deutschland besonders bekannt sind bisher Mediation bei Trennung und Scheidung, bei Umweltkonflikten, Mediation zwischen Täter und Opfer im Vorfeld eines strafrechtlichen Verfahrens (sogenannter Täter-Opfer-Ausgleich), Mediation zwischen Schülern, Nachbarn, Teamkollegen, Geschäftspartnern und Erben.

Was hat mich nun motiviert, das Enneagramm zum integralen Bestandteil meiner Fort- und Weiterbildungen in Mediation zu machen? Was haben Mediation und Enneagramm gemeinsam? Bei beiden stehen die grundlegenden menschlichen Bedürfnisse im Zentrum: Beziehung, Autonomie, Sicherheit. Die 9 Muster des Enneagramms ergeben sich, in der psychologischen Deutung des Enneagramms, daraus, dass jeder Mensch dazu tendiert, seine Aufmerksamkeit auf eine dieser drei Grundbedürfnisse zu fokussieren und dass es drei unterschiedliche Strategien gibt, mit einer jeweiligen Fixierung zu leben (am deutlichsten finde ich das bei Gallen/Neidhardt beschrieben). In der Mediation gehen wir davon aus, dass jedem Konflikt – auch den vermeintlich „reinen Sachkonflikten“ – der Wunsch nach der Befriedigung grundlegender Bedürfnisse zugrunde liegt. Erst wenn diese grundlegenden Bedürfnisse im aktuellen Konflikt erkannt worden sind, kann eine bedürfnisgerechte (!) Lösung gefunden werden. Die Herausarbeitung der Bedürfnisse im aktuellen Konflikt steht also ganz im Zentrum der Mediation. Die Herausforderung für Mediatoren und Medianten ist dabei, dass die Bedürfnisse völlig losgelöst vom aktuellen Sachkonflikt bestehen. Wenn z.B. ein Bürokollege entgegen der Absprachen während der Arbeit raucht, können für den nichtrauchenden Kollegen ganz unterschiedliche Bedürfnisse im Zentrum des Konflikts stehen: Beziehung („Raucht er extra, um zu zeigen, dass er mich nicht leiden kann?“), Sicherheit („Ich habe Angst um meine Gesundheit, wenn er raucht.“), Autonomie („Er verstößt eigenmächtig gegen mein Recht auf den rauchfreien Arbeitsplatz – eine Frechheit!“).

Wenn Teilnehmende der Mediationsfortbildung dies erkennen, lernen sie damit sehr viel für die Mediation: Wenn ich als Mediator neutral sein und die ganz unterschiedlichen Sichtweisen der Parteien wertschätzen will (was beides sehr wichtig ist!), muss ich meine eigene bevorzugte Sichtweise der Dinge, mein eigenes Enneagramm-Muster reflektiert haben. Und ich muss es lernen, dass meine bevorzugte Sicht- und Handlungsweise in meiner ganz persönlichen Aufmerksamkeitsfixierung verankert ist und nicht in einer absoluten Wahrheit. Des weiteren sind mit den Fixierungen auf bestimmte Grundbedürfnisse auch fundamental unterschiedliche Konfliktstile verbunden. Hier hilft das Enneagramm mir als Mediator, mit Energien umzugehen, die ich nicht so gut kenne: Ein Mediator mit viel Bauchenergie könnte z.B. Geduld lernen. Jemand mit viel Kopfenergie könnte lernen, sich von Wutausbrüchen nicht schrecken zu lassen. Jemand mit viel Herzenergie könnte lernen es aushalten, den Parteien keine „hilfreichen Ratschläge“ zu geben (denn ein Mediator steuert nur den Gesprächsverlauf. Die Parteien erarbeiten ganz selbstbestimmt ihre eigene Lösung).

Die Einheiten zum Enneagramm sind in meiner Bildungsarbeit jedesmal ein Highlight. Die explizite Beschäftigung mit dem Enneagramm nimmt zwar, je nach Konzept, nur 5–25 % eines jeweiligen Kurses ein, doch die Beschäftigung mit den daraus abgeleiteten grundlegenden Bedürfnissen zieht sich als roter Faden von Anfang bis Ende durch.

Als besondere Herausforderung der Enneagramm-Arbeit erlebe ich es, den Teilnehmenden zu helfen, bei sich zu bleiben. Hintergrund: Ich lasse die Teilnehmenden sich zunächst durch eine Fantasiereise in drei Gruppen einordnen, Kopf, Herz und Bauch. Diese drei Gruppen stellen, im Wechsel von Kleingruppenarbeit und Panels, ihre Auffassungen zum „richtigen“ Umgang mit Konflikten dar. Manche Teilnehmende tendieren dazu, in den dargebotenen andersartigen Konfliktmustern alte Konfliktpartner wiederzuentdecken und versuchen daher, gegen die ungeliebten Konfliktmuster anzuargumentieren. Hier ist es sehr wichtig, den Lernschritt zu initiieren, dass niemand einen bestimmten Konfliktstil wählt, weil er jemand anderen ärgern will, sondern weil er damit ein persönliches Grundbedürfnis zu befriedigen sucht. (Sehr hilfreich für diesen Lernschritt ist die Anleitung zu Ich-Botschaften.) Es geht also tatsächlich nicht um „richtige“ Konfliktmuster, sondern um persönlich bevorzugte: Der eine liebt das heftige Gewitter, der andere das ruhige Gespräch. Ein guter Mediator bringt das unter einen Hut.

Meine Grundkenntnisse zum Enneagramm habe ich 1993 durch Fortbildungen bei Andreas Ebert und Helen Palmer erworben. Das grundlegende Konzept zur Integration enneagrammatischer Aspekte in die Mediation habe ich gemeinsam mit Frank Puckelwald erarbeitet.

Religiöse Aspekte fließen nicht explizit in meine Bildungsarbeit ein. Ich verweise jedoch stets darauf, dass es eine religiöse, eine psychologische und eine esoterische Interpretation des Enneagramms gibt und bringe die entsprechenden Bücher mit. Für die Arbeit mit der Methode der Mediation halte ich die psychologische Deutung des Enneagramms auch für angemessen. Ich weiß aber, dass nicht wenige Kursteilnehmende diese erste Begegnung zum Anlass nehmen, sich persönlich mit dem Enneagramm weiterzuentwickeln ? je nach Neigung auch auf der religiösen Ebene.

Insgesamt erlebe ich das Enneagramm als eine sehr große Bereicherung – in meinem Privatleben wie in meiner Arbeit als Mediator, Supervisor, Organisationsberater und Erwachsenenbildner. Wie jede Typologie ist das Enneagramm eine grobe Vereinfachung der menschlichen Vielfalt. Ist man sich dessen stets bewusst, kann das Enneagramm ein sehr hilfreicher Wegweiser für den Weg zum Menschen sein – zu sich selbst und zu anderen.

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 14-15

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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