Von den 9 Typen zu den 3 Zentren

Erfahrungen: Sr. Marie-Helene Hübben MSC

oder: Das Enneagramm – eine Spiritualität der Dreifaltigkeit Gottes und der Seele

„Das Wettergesicht“

1990 bekam ich das Enneagramm (Rohr/Ebert) zum Geburtstag geschenkt. Ich weiß noch gut, dass sich die Seite öffnete, wo zu lesen stand: „Zweier entdecken im Gesicht des anderen, was für ein Wetter ist.“ Von solchem „Wettergesicht“ war meine Kindheit geprägt.

Neugierig las ich weiter und habe auf einmal meine ganze Art und Weise verstanden. Mit einem Schlag begriff ich auch, was andere mir gegenüber oft kritisch geäußert haben. Gleichzeitig war es aber auch sehr befreiend zu lesen, was über die Zwei dort geschrieben war. Danach hatte ich eine ebenso befreiende Erfahrung mit einer Neun und einer kontra-phobischen Sechs. Beiden Personen las ich die Beschreibung aus dem Enneagramm vor. Meine Mitschwester weinte und meinte, dass noch nie jemand sie so gut verstanden hätte wie das, was da in diesem Buch steht.

Mose und das Enneagramm

1991 kam ich in die Oase Steinerskirchen. Inzwischen hatte ich das Enneagrammbuch fleißig studiert. Als man mich dort nach meinen Bildungsangeboten fragte, antwortete ich spontan: „Ich möchte gerne das Enneagramm vorstellen!“ Zu dieser Zeit fand ich das Buch von Maria Beesing „Das wahre Selbst entdecken“. Bis in die Nacht hinein studierte ich darin. In der Gestalt des Mose fand ich eine Person, an der ich das ganze kompakte System für mich fassbar machen konnte.

Ich entwickelte aus den Szenen seines Lebens vier Schritte, nach denen ich vorgehen wollte. Sie betrafen die Gabe, die Falle, die Wurzelsünde und die Mitarbeit mit Gott (vgl. Rohr/Ebert und hierzu meinen Artikel im Rundbrief Nr. 8 „Mose und das Enneagramm“) Wie in meinen anderen Angeboten, versuchte ich auch das Enneagramm in einem Bodenbild symbolisch und anhand von Wortkarten- und Streifen darzustellen. Zu meinem ersten Kurs kamen dann 28 Frauen und 2 Männer.

Die Begeisterung für diese Weisheitslehre hat mich mitgerissen. Nie habe ich in meinem Leben soviel studiert wie die Enneagrammbücher, die ich inzwischen gelesen habe (Darum sage ich auch „studieren“).

Nach der Lektüre des „Beesing-Buches“ habe ich angefangen, Fortbildungen zu machen. Zuerst eine Einführung im Haus der Pallottinerinnen in Limburg, dann die Intensivjahresgruppe bei Hans Neidhardt und bei diesem auch einen Einführungskurs in Steinerskirchen. (So herum würde ein Kopftyp es sicher nicht machen.)

Inzwischen gehört eine jährliche Fortbildung bei Hans Neidhardt und wenn es geht, der Besuch der Jahreshauptversammlung fest zu meiner Jahresplanung.

Von den neun Typen zu den drei Zentren

Bei Hans Neidhardt habe ich schon die Wichtigkeit der drei Zentren begriffen. Vor allem aber hat mich Suzanne Zuerchers Buch: „Neun Wege der Ganzheit“ davon überzeugt, bei meinen Fortbildungsangeboten sehr viel Zeit auf die Vermittlung der drei Zentren zu legen.

Letztlich hilft es einem auch bei der Verwechslung der einzelnen Typen, z.B. Sechs und Zwei, die eigentliche Energie zu begreifen, aus der man lebt.

Seit dem Studium dieses Buches ist eine tiefe Verankerung des Enneagramms bis in meine Seele vor sich gegangen. Es hat mir den Zugang zu meinem „Theoriezentrum“ erweitert, das ich die meiste Zeit meines Lebens nur gebraucht habe, um zu lernen, „andere zu verstehen“. Inzwischen bin ich von „Kopftypen“ umgeben. Ich würde ohne Enneagramm ihre Distanz nicht aushalten.

Im Vinzenz-Pallotti-Haus in Freising

Durch meinen Umzug von Steinerskirchen zum Tagungshaus der Pallottiner eröffneten sich für mich noch mehr Möglichkeiten, das Enneagramm zu vermitteln. Pater Hofmann, der Leiter, und Pater Dr. Jörg Müller, der dort als Psychotherapeut und Priester arbeitet, unterstützen mich dabei sehr. Sie erbitten manchmal für ihre eigenen Bildungsangebote eine Einheit über das Enneagramm, wobei ich mich dann aus Zeitmangel vor allem auf die Darstellung der drei Zentren beschränke. Manche, die es interessiert, kommen wieder und wollen einen ganzen Einführungskurs miterleben. So gehört das Enneagramm neuerdings zum „Standardprogramm“ der „heilenden Gemeinschaft“. Pater Dr. Müller hat eine Drei-Wochen-Therapie für Menschen in Krisensituationen, die auch auf einer psychischen Erkrankung beruhen, entwickelt (vgl. Jörg Müller: „Heilung durch Versöhnung“). In diesen 3 Wochen arbeiten 4 Therapeuten, 2 SeelsorgerInnen (wozu ich gehöre) und 3 Ergotherapeuten an der Lösung der Probleme. Meine symbolische Darstellung des Enneagramms (siehe Foto) wird sehr geschätzt und mir macht es sehr viel Spaß, wenn in meiner Seele immer neue Bilder auftauchen, um es besser und einfacher darzustellen.

Die Spiritualität des Enneagramms ist dreifaltig – die Seele auch
Zuerchers Buch ist eine hervorragende Hilfe zum spirituellen Leben. Genauso das Nachfolgebuch: „Spirituelle Begleitung“. (Schade, dass das Standardwerk nicht mehr aufgelegt wird.) Ich habe den Eindruck, auf spirituellem Gebiet liegt vor mir noch weites Land. Jetzt habe ich mich getraut, mit „Neun Wege der Ganzheit“ Exerzitien anzubieten. Das war eine sehr gute Erfahrung für die acht Teilnehmerinnen und für mich. Wieder habe ich den Schwerpunkt auf die Beschäftigung mit den drei Zentren gelegt. Nach Rohr/Ebert geht es bei den drei Zentren ja auch um die „drei göttlichen Tugenden“ von Glaube, Hoffnung und Liebe (vgl. dazu auch meinen Artikel : „Gott will Einheit“ im EnneaForum Nr. 16) Zuercher setzt für die drei Zentren jeweils eine biblische Gestalt ein, z. B. Herz: Maria von Magdala, Bauch: Petrus, Kopf: Thomas, für deren Betrachtung ich je einen Tag ansetzte.

Ich habe bei einigen Mystikern, z. B. Johannes vom Kreuz, Caterina von Siena und Marie de l’Incarnation auch die „3 Zentren“ wiedergefunden. Bei ihnen ist von 3 Kräften die Rede, von Verstand, Wille und Gedächtnis (Gedächtnis hier im Sinne von: im Herzen der Wohltaten Gottes dankbar gedenken und sie nie mehr vergessen). Im Buch der Caterina (Der Dialog) steht: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Gemeint ist: Wo diese Seelenkräfte in seinem Namen geeint ist, da ist Jesus die Mitte.

Wo der Verstand zu Ende ist, muss Thomas glaubend begreifen. Maria von Magdala ist in ihrer Gestalt die Vertreterin der Hoffnung, die in ihrem Herzen ein lebendiges Gedächtnis der Liebe Jesu ist (Zeichen Rose, siehe Foto). Petrus muss die am „Kohlenfeuer bekundete Liebe nun durch die Kraft seines Willens in die Tat umsetzen (siehe Foto: Kohlenfeuer und Schlüssel).

Die Seele ist auch dreifaltig

Wenn ich mehr Zeit hätte und vor allem auch Kraft, dann würde ich die Erfahrungen einiger Mystiker zusammen mit dem Enneagramm erarbeiten, z.B. anhand des „Lebensberichts“ der Marie de l’Incarnation.

Dort wird eine Erleuchtung beschrieben: „Während sie diese Erleuchtung empfing, erfuhr sie im Innersten auch, wie sie (Marie) nach dem Ebenbild Gottes geschaffen worden war: daß das Gedächtnis sie mit dem Vater verband, der Verstand mit dem Sohn und der Wille mit dem hl. Geist und daß, wie die heiligste Dreifaltigkeit in den Personen dreieinig und doch eine einzige göttliche Wesenheit war, so auch die Seele dreifaltig in ihren Kräften und eins im Wesen war.“ Die Erkenntnis von der Ebenbildlichkeit Gottes in unserer Seele bestätigt noch einmal mehr, wie wichtig diese innere Einheit ist.

Das Enneagramm zeigt uns unsere Zerrissenheit. Suzanne Zuercher hilft in ihrem schon zitierten Buch unter dem Punkt: „Kontemplative Aufmerksamkeit und Unterscheidung in den neun Punkten“ (s. 156–174) den Weg zur inneren Einheit wiederzufinden.

Sr. Marie-Helene
Vinzenz-Pallotti-Haus, Freising

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 12-13

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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