Enneagramm, Gemeindeaufbau und die Gemeinschaft der Verwundeten

Erfahrungen: Samuel Jakob

Schon als ich im November 1989 erstmals Richard Rohrs Enneagrammbuch las, faszinierte mich am Enneagramm nicht nur der Ansatz für individuelles spirituelles Wachstum. Ebenso sehr faszinierte mich das von ihm mit dem Enneagramm konkretisierte Modell der Gemeinschaft: die Kirche als „Gemeinschaft der Heiligen“, die zugleich auch „Sünder“ sind. Röm 12 und 1Kor 12 standen plötzlich ganz plastisch vor meinen Augen. „Ah, so könnte das aussehen?!“ Was mich ebenfalls sehr überraschte – und die (lutherische) Handschrift von Andreas Ebert verdeutlicht das noch – war der Bezug auf die reformatorische Betonung der „Rechtfertigungslehre“, der wie eine rote Linie das ganze Buch einfärbt: Gott nimmt uns ganz an, so wie wir sind (mitsamt unserem Schatten), – damit wir nicht bleiben, was wir sind. Ich witterte in alledem von Beginn an einen sehr neuartigen Ansatz des Gemeindeaufbaus. Nach ersten Kursversuchen in einem zentralen Bildungshaus wollte ich es wissen: Ist das Enneagramm auch gemeindetauglich? Oder ist der Anspruch, dass sich Leute persönlich öffnen und Einblick in ihr Leben geben, nur in einem Kreis von Menschen möglich, die sich nachher – im Alltag – nicht mehr über den Weg laufen? Und ich wagte eine erste Auschreibung in einer Kirchgemeinde – und war über die Erfahrungen sehr verblüfft: Ich kenne kein Instrument wie das Enneagramm, das es Menschen so leicht macht, sich einander zu öffnen. Da war z.B. jene Kursteilnehmerin, die erst Mitte des Kurses sagte, sie wäre eigentlich nicht gekommen, wenn sie gewusst hätte, dass sie Frau X, ihre Nachbarin, auch hier antreffen würde. Jetzt hätte sie jedoch ein ganz neues Verhältnis zu ihr gefunden, da sie als Zweierin jetzt wüsste, dass das Nicht-Grüssen von Frau X auf der Strasse nicht gegen sie persönlich gerichtet sei, sondern darin verstanden werden könne, dass sie eben eine Fünferin sei. Oder da war der – in der Gemeinde sehr bekannte – Marketing-Chef einer Grossfirma, der offenmütig vor 40 Personen, die im Kreis sassen, darlegte, wie in seinem Kundenkontakt die Täuschung der Drei die Finger drin hat. Es stellte sich ein tiefes Verständnis für die menschlichen Schwächen ein und das Leiden, das sich oft dahinter verbirgt. Die Gruppe wurde zu einer Art Seelsorgegemeinschaft und alle spürten, was es heisst, „sich zu freuen mit den Fröhlichen und zu weinen mit den Traurigen“.

Einführungskurse in Kirchgemeinden/Pfarreien

Ich habe seither viele Einführungskurse zum Enneagramm im Rahmen von katholischen Pfarreien und protestantischen Kirchgemeinden gegeben – meist ökumenisch am Ort ausgeschrieben und von den lokalen kirchlichen Erwachsenenbildungsträgern mitverantwortet. Bewährt hat sich folgende Struktur: Ausschreibung eines Einführungvortrages „Die neun Gesichter der Seele – Sich selbst und andere besser verstehen“ zum Enneagramm. Niemand braucht Vorkenntnisse mitzubringen. Mit der Auschreibung wird zugleich die Möglichkeit eines anschliessenden Einführungskurses bei genügend Interesse angetönt. Am Schluss des Abends wird dieses Interesse erfragt. Ich biete unterdessen keine Einführungskurse unter 9 Abenden mehr an – und es hat sich gezeigt, dass in der Regel genügend Personen (15–25) vorhanden sind, die diese Verbindlichkeit wünschen, auch in kleineren Gemeinden. Es können auch Personen teilnehmen, die das Einführungsreferat nicht gehört haben (ich empfehle oft Frauen, dass sie auch ihre Männer noch zur Teilnahme motivieren sollen, da das Enneagramm ein hervorragendes Werkzeug ist, die Paarbeziehung besser zu verstehen). Teilnahmebedingung ist, dass alle vor dem ersten Kursabend zumindest ein Buch gelesen haben – und eine Vermutung mitbringen, zu welchem Enneagrammtyp sie sich zählen. Aus diesem Grunde beginnt der Kurs meistens frühestens zwei Monate nach dem Vortragsabend, damit alle genügend Zeit für diese Lektüre haben. Am Vortragsabend richtet die örtliche Buchhandlung nach Möglichkeit einen Büchertisch ein, damit man sich direkt mit dieser Vorbereitungslektüre eindecken kann. Die Teilnehmenden bezahlen für die neun Abende des Einführungskurses einen Beitrag in der Grössenordnung von sfr 150.– bis 200.–, so dass für die Kirchgemeinde/Pfarrei keine Kosten ausser dem Bereitstellen geeigneter Räumlichkeiten entstehen. Ich habe mit dieser Struktur und diesem Aufbau gute Erfahrungen gemacht und gebe jährlich etwa drei solcher örtlicher Einführungskurse mit in der Regel ca. 25 Teilnehmenden.

Zusammensetzung der Teilnehmerschaft

Sowohl am Einführungsvortrag wie am Einführungskurs nehmen immer auch viele sog. „distanzierte Kirchenmitglieder“ teil. Meist jedoch sind sie religiös sehr interessiert. Ich habe in etlichen Kursen, in welchen auch der/die Pfarrerin aktiv mitgemacht hat oder ein Teil der Gemeindeleitung, die Erfahrung gemacht, dass dort für viele dieser Menschen ein neuer Zugang zur örtlichen Kirchgemeinde/Pfarrei entsteht, der sich z.T. sogar im Gottesdienstbesuch niederschlägt. Das hat vermutlich damit zu tun, dass im Lauf des Einführungskurses zentrale Themen christlicher Theologie wie „Gnade“, „Sünde“, „Vergebung“, „Glaube“, „Selbsterlösung“, „Liebe“ etc. vorkommen, zwar meist in der Teminologie des Enneagramms, aber zentrale Sachthemen christlichen Glaubens berührend. So gesehen sind diese Einführungskurse zugleich auch eine Art ‚Glaubenskurse‘, indem ich diese Themen dann in spontanen Exkursen in den Zusammenhang mit christlicher Tradition und Glaubenslehre stelle – und den Menschen dadurch oft unerwaretet neue Zugänge dazu eröffnet werden.

Die Gemeinschaftsdimension in der Erarbeitung des Enneagramms anhand der Anwesenden wird dadurch auch augenfällig, dass wir – den Enneagrammtypen entlang – im Kreis sitzen.

Viele Kurse werden dadurch auch zu einer tiefen Erfahrung christlicher Gemeinschaft, nach der sich zwar viele irgendwie sehnen, jedoch keine oder nur problematische Erfahrungen damit gemacht haben bisher. Wenn es nach der Typfindung nun darum geht damit auch zu arbeiten – z.B. mit der eigenen Leidenschaft – bzw. in der Terminologie Richard Rohrs der ‚Wurzelsünde‘ –, kommt dazu nochmals eine spirituelle (und christliche Vertiefung): Das Sich-vom-Ego(=Typ)-Lösen ist die eigentlich unmögliche Aufgabe des Bewusstwerdens (im Alltag), verbunden mit Selbstannahme (Selbstliebe). Es wird oft klar, dass alle Enneagramm-Typen auf diesem Weg einander brauchen, einerseits indem sie einander Feedback geben auf die Wirkungen, die vom eigenen Typ ausgehen, jedoch auch durch das, was sie einbringen können. Es gibt immer wieder Kurs-Situationen, wo diese „Gemeinschaft der Verwundeten“ für alle sehr berührend zu spüren ist.

Das lebendige Enneagramm – ein Stück gelebte Kirche als „Patientenkollektiv“

Ulrich Bach, Professor der Theologie mit Spezialgebiet ‚Diakonie‘ und in seiner Jugend an Kinderlähmung schwer erkrankt, hat mir für diese Art mit dem Enneagramm zu arbeiten ein gutes Bild mitgegeben, das er in seinem Buch „Dem Traum entsagen, mehr als ein Mensch zu sein – Unterwegs zu einer diakonischen Kirche“ entwickelt: Er nimmt dort Bezug auf Martin Luther, der die Kirche einem ‚Spital‘ vergleicht, indem er sich dabei auf das Jesuswort stützt, dass er für die Kranken, nicht die Gesunden, gekommen sei. Ulrich Bach bemerkt dazu, dass das Bild des Spitals sehr gefährlich sei, da es gesundes Pflegepersonal (das sogenannte ‚Bodenpersonal Gottes‘) voraussetze. Aus diesem Grunde möchte er die Kirche viel eher mit einem ‚Patientenkollektiv‘ verglichen sehen: Alle haben da etwas zu geben und sind gleichzeitig der Erlösung bedürftig. Ich erlebe in meinen Kursen – gerade wenn ich den TeilnehmerInnen auch an meinen Schwächen Anteil gebe (oft merken sie mir den Einser unfreiwilligerweise sowieso früher oder später an!) – ein Stück gelebtes ‚Patientenkollektiv‘, das auf die Gnade angewiesen ist, nämlich auf das Wunder, dass Entwicklung und Reifung inmitten unserer festgefahrenen Gewohnheiten überhaupt möglich ist. Und ich erlebe in Enneagrammgruppen wie sonst nirgends, was es bedeuten kann, ein Stück christliche Gemeinschaft zu leben, in Worten Richard Rohrs: sich verbindlich (d.h. ohne Rückhalt und ohne Masken) gegenseitig mit seinen Stärken und Schwächen (beidem!) aufeinander wirklich einzulassen.

Wie weit reicht die Gemeindetauglichkeit des Enneagramms?
Ich habe allerdings die Erfahrung gemacht, dass ich meine Vertiefungsangebote in der Regel besser zentral anbiete und nur in Ausnahmefällen in der Gemeinde. Dies hat vielleicht mit meiner Arbeitsweise als Psychologe zu tun: Obschon schon in einem Einführungskurs der eigene ‚Pelz‘ sehr ‚nass‘ werden kann, habe ich keinen therapeutischen Auftrag an den Kursteilnemern. Anders ist dies in meinen Fortsetzungsangeboten im Hinblick auf die Arbeit an der eigenen Transformation (d.h. am eigenen Typ), die ich auch anders ausschreibe. Dazu gehören sowohl einige z.T. nicht gerade gemütliche Übungen, als auch, dass ich TeilnehmerInnen nachhaltiger mit dem konfrontiere, was ich bei ihnen sehe und erlebe. Es hat sich nun gezeigt, dass nicht alle, nachdem sie ihre Nummer gefunden haben, in die Tiefe und in diese Arbeit der Des-Identifikation gehen wollen. Wenn ich – aufgrund des Wunsches am Schluss eines Einführungskurses – nun für die ganze Gruppe eine solche Fortetzung anbiete, hat sich gezeigt, dass viele der schönen Gruppenerfahrung wegen kommen (weil man sich wieder begegnet) und nicht, weil sie wirklich für diese nun wesentlich verbindlichere Arbeit kommen – was diese Arbeitsweise dann merklich behindert. Viele Gruppen treffen sich auch nach einen Einführungskurs weiter, mehr aber als Erfahrungsaustauschgruppe. Ich möchte jedoch diese Schlussfolgerung nicht verallgemeinern – und sie hat mit meiner Arbeitsweise zu tun. Das Besondere meines Angebotes ist eine gewisse ‚Härte‘ einer schonungslosen Selbstbeobachtung und Arbeit an sich selbst, wie ich sie bei Claudio Naranjo gelernt habe – und diese greift nur, wenn man das wirklich will. Doch gilt auch für diese Arbeit, dass Veränderung oder – um das grosse Wort zu brauchen – Transformation immer ein Geschenk bleibt. Etwas paradox ausgedrückt: Durch Arbeit kannst du sie nicht erlangen; wer jedoch nicht an sich arbeitet, bekommt sie auch nicht geschenkt. Pure ‚Selbsterlösung‘ hingegen ist das (vergebliche) tägliche Brot jedes der neun Typen-Programme: Kein Modell zeigt theologisch so schonungslos und konkret auf, was wir alles in unserem Alltag tun (oder unterlassen), um zu einem bisschen Anerkennung (als Ersatz für Liebe) zu kommen oder unsere Identität (Selbstbild) zu stützen, oft genug jedoch dabei immer wieder die Erfahrung machen, dass wir gerade das bekommen, was wir um alles in der Welt vermeiden wollten. Das Enneagramm ist über weite Wegstrecken so etwas wie eine alltagskonkrete Illustration von so mancher theologischer Aussage, die ohne das Enneagramm zwar ebenso wahr, jedoch oft genug ebenso blutleer und abstrakt bleibt.

Ich bin auch aus diesem Grunde froh um das Enneagram: Es befreit ‚meine‘ Thelogie nicht nur von meinen persönlichen (Typen-)Scheuklappen, sondern stellt diese auch auf ganz konkreten Alltagsboden, d.h. zwingt und bringt die Theologie zur ‚Inkarnation‘.

Samuel Jakob, Dr. phil.

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 10-11

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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