Wer sich auf die Reise macht

William A. Meninger, O.S.C.O.

Während ihres diesjährigen Workshops in Zürich wurde Helen Palmer von dem Trappisten-Pater William Meninger, einem international gefragten Exerzitienmeister, begleitet. In Zürich hielt er unter anderem einen Vortrag über das Verhältnis von Enneagramm und christlicher Theologie, der ähnlich bereits in Enneagram Monthly (November 1999) erschien. Hier eine von Johannes Bartels gekürzte Fassung des Aufsatzes.

Vor zwölf Jahren, als ich am Zentrum für Biblische Studien in Jerusalem lehrte, wurde ich in das Enneagramm eingeführt. Von Anfang an war der Enneagramm-Prozeß für mich mit katholischer Theologie verbunden. Bis heute bin ich seitdem von der Komplementarität beider Ansätze fasziniert. St. Thomas von Aquin lehrte, die Philosophie sei die Magd der Theologie. Augustin hat Plato in die dogmatische Theologie eingeführt, Thomas tat das gleiche mit Aristoteles. Ähnlich können wir heute das Enneagramm als Magd der aszetischen und mystischen Theologie verstehen.

Freilich ist das Enneagramm keine Theologie. Es ist ein Hilfsmittel, das allein vom menschlichen Verstand ausgeht. Es beschäftigt sich nicht direkt mit Gott oder der göttlichen Offenbarung. Es interessiert sich für den Menschen. Der Mensch jedoch ist von Gott nach dessen Bilde geschaffen. Sein Herz ist mit einem von Gott geformten Vakuum gemacht (C. S. Lewis) und ist unruhig, bis es Ruhe findet in Gott (St. Augustin). Der Lebenskampf des Menschen ist eine Reise zu Gott, der ihn zu sich ruft. Die Details dieser Reise finden sich in der Bibel, in ihren Mythen und, in geringerem Ausmaß, in ihren dogmatischen Lehren. Auch menschliche Weisheit und Philosophie können den Prozeß dieser Reise unterstützen.

Das Übernatürliche baut auf dem Natürlichen auf, und ich habe noch nie ein Persönlichkeitssystem kennengelernt, das so gut wie das Enneagramm mit grundlegenden christlichen Lehren wie denen der Erbsünde, der sieben Todsünden, der Notwendigkeit der Gnade oder der Hoffnung auf Wiederherstellung der Gottebenbildlichkeit zusammenpaßt.

Ich will nun einen großen Theologen vorstellen, der von der katholischen Öffentlichkeit und kirchlichen Autorität als Repräsentant authentischer christlicher Tradition anerkannt wird: Reginald Garrigou-Lagrange. Er ist einer der meist respektierten mystischen Theologen des 20. Jahrhunderts und v.a. durch sein zweibändiges Werk „Die drei Zeitalter des geistlichen Lebens“ bekannt geworden, welches stark von St. Thomas von Aquin und St. Johannes vom Kreuz beeinflußt ist.

Wer sich auf die Reise macht, muß eine Mentalität der Selbstbeobachtung entwickeln.

Wer sich auf die spirituelle Reise macht, muß nach Garrigou-Lagrange eine Mentalität der Selbstbeobachtung entwickeln. Die Wahrheit über sich selbst zu wissen, ist die Tugend der Demut, welche der Anfang und die Grundlage aller Tugenden darstellt.

Das geistliche Leben ist eine Reise. Ihr Ziel ist die Vereinigung mit Gott in der vollendeten, bedingungslosen Liebe. „Ihr sollt vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Er läßt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Mt 5,48.45) Wir können die Reise nicht beginnen, wenn wir nicht wissen, wo wir stehen. Dies ist die Definition der Demut.

Wer sich auf die Reise macht, versucht oft eher sich selbst zu korrigieren, als seine Fehler zu entschuldigen, obwohl er sich selbst nur oberflächlich kennt. Er nimmt die Selbstliebe bzw. den unbewußten Egoismus nicht wahr, der in ihm existiert. Als Folge der gefallenen menschlichen Natur (Erbsünde) werden wir verbogen in eine verbogene Welt hineingeboren. Anstatt auf Gott ausgerichtet zu sein, bewegen wir uns im Kreis, ausgerichtet letztlich auf uns selbst. Anstelle der Liebe zu Gott dominiert die Liebe zu uns selbst. Gottes Ebenbild, nach dem wir geschaffen sind, wird durch diese Selbstliebe entstellt, und wir setzen uns an die Stelle Gottes. Dies ist die Sünde des Stolzes, das Gegenteil der Demut.

Selbstliebe manifestiert sich in drei Konkupiszenzen oder übermäßigen Begierden. Die Konkupiszenz des Fleisches zerstört unsere Beziehung zu uns selbst bzw. zu unserem Körper. Die Konkupiszenz der Augen zerstört unsere Beziehung zu unserer Umgebung. Der Lebensstolz zerstört unsere Beziehung zu den geistlichen Wirklichkeiten.

Diese drei übermäßigen Begierden verlangen nach Befriedigung und finden ihren Ausdruck in den sieben Todsünden. Die Todsünden sind gewöhnlich keine Sünden in sich selbst, sondern Orientierungen oder Haltungen (Weltsichten?) auf die Sünde hin. Normalerweise bestehen sie in einem Exzeß oder Defekt dessen, was eigentlich eine Tugend wäre.

Wer sich auf die Reise macht, nimmt Schritt für Schritt seine Fehler wahr.

Wer sich auf die Reise macht, nimmt durch tägliche Gewissensprüfung Schritt für Schritt seine Fehler wahr (unparteiischer Beobachter) und erlernt die Selbstdisziplin, den Impulsen seiner Leidenschaften (Persönlichkeitstyp) nicht mehr blind zu folgen. Von Zeit zu Zeit führt dies zu großem Verdruß, zu Selbstvorwürfen oder zu unbeholfenen und peinlichen Erfahrungen. Fehler führen zur Pilgerreise.

Wer sich auf die Reise macht, trägt im Innern einen Diamanten (Essenz), eingebettet in Rohmaterial (Persönlichkeit). Er nimmt entweder den Wert des Diamanten nicht wahr, oder die Fehler des Rohmaterials. Vorwärts bewegt er sich aufgrund der Gnade, d.h. der Hilfe Gottes, die zusammenwirkt mit den eigenen Bemühungen.

Oft durchlebt er zunächst einen Prozeß, den er für wirklich hält, der aber nur oberflächlich ist. Eine spirituelle Maßlosigkeit und unbewußter Stolz reden ihm ein, er sei bereits ein spiritueller Meister. Hier tauchen noch einmal die sieben Todsünden auf, nicht in der ursprünglichen vulgären Form, sondern wie sie sich in geistlichen Zusammenhängen geben. Nach St. Johannes vom Kreuz kommt es hier auf eine passive Reinigung der Sinne an, durch welche die bösen Wurzeln der Sünde und die Eitelkeit der weltlichen Dinge offenbar werden. Garrigou-Lagrange spricht von dem Hauptfehler, wie man ihn erkennt und wie man ihn bekämpft. Er beschreibt ihn als einen Fehler in uns, der alles andere zu dominieren tendiert, unsere Gefühle, Urteile, Sympathien, unseren Willen und unser Verhalten. Er steht in Beziehung zu unserem individuellen Temperament, z. B. Trägheit, Habsucht, etc. Als subtile, verborgene Schwäche in unserem Temperament ist er der Vernunft nicht zugänglich. Er verwässert unsere große Stärke, unsere natürliche Neigung zur Tugend.

Unser Hauptfehler muß entlarvt und erkannt werden. Oft versteckt er sich hinter der Fassade der Tugend. Feigheit z.B. versteckt sich hinter dem Deckmantel der Demut, Stolz hinter Großmut. Wir müssen in unserer Wahrnehmung des Hauptfehlers erfolgreich sein. Wenn wir ihn nicht kennen, können wir ihn nicht bekämpfen. Wenn wir ihn nicht bekämpfen, können wir niemals die werden, die wir sind. Das Bewußtsein unserer Fehler führt uns außerdem zum Bewußtsein der gegensätzlichen Tugend. Wenn wir z. B. unseren Neid erkannt haben, werden wir dahin kommen, für das Wohlergehen des anderen zu beten.

Wer sich auf die Reise macht, trägt im Innern einen Diamanten, eingebettet im Rohmaterial der Persönlichkeit.

Daher müssen wir regelmäßig unser Gewissen prüfen. Es ist schwer, die wahre Natur unserer inneren Gefühle zu erkennen, und deshalb müssen wir sie genau prüfen. Wir müssen die alltäglichen Fehler in Gedanken, Worten, Taten und Unterlassungen aufspüren. Und dann müssen wir versuchen, unsere Fehler im Licht göttlicher Vergebung und Hilfe zu sehen. Wenn wir unser Gewissen prüfen, sollten wir uns selbst fragen: Womit beschäftige ich mich, wenn ich allein bin? Wohin driften meine Gedanken und Wünsche? Was ist das Grundmotiv meines Handelns? Was ist der Grund meiner Traurigkeit und Freude? Was ist normalerweise der Ursprung meiner hartnäckigen, selbstischen, lieblosen Aktivität?

Unser Hauptfehler hat eine spezielle Abneigung dagegen, demaskiert zu werden, und zwar genau, weil er danach verlangt, uns zu beherrschen. Wenn wir unseres Hauptfehlers angeklagt werden, sind wir geneigt zu entgegnen: „Ich habe ja viele Fehler, aber nicht diesen.“ Oft kann ein Seelsorger, ein enger Freund, ein Kollege oder ein Ehepartner unseren Hauptfehler besser sehen als wir selbst. Selbstliebe führt uns in die Irre und macht Ausreden.

Garrigou-Lagrange sagt: „Schritt für Schritt werden wir wir selbst, und zwar im umfassenden Sinn des Wortes, d.h. wir werden unser übernatürliches Selbst, ohne unsere Fehler.“ Das Temperament einer Person soll nicht gebrochen werden; es muß transformiert werden, wobei das Gute an ihm bestehen bleibt. In unserem Temperament muß unser Charakter zum Stempel der Tugenden werden. Dann werden wir alles zurückgeben an Gott, anstatt uns immer nur um uns selbst zu drehen.

Inzwischen dürfte deutlich geworden sein, daß die Lehren Garrigou-Lagranges und die mit dem Enneagramm verbundenen Lehren große Parallelen aufweisen, die sich gegenseitig unterstützen und in den meisten Fällen identisch sind. So offensichtlich sind diese Parallelen, daß ich es nicht für nötig halte, sie im einzelnen auszuführen.

Pater William Meninger, OSCO, ist Trappistenmönch des St.-Benedikt-Klosters in Snowmass, Colorado. Er lehrte als Professor für die Heilige Schrift und initiierte 1973 die Praxis des Gebets der Sammlung (Centering Prayer). Er ist ein international gefragter Lehrer und Exerzitienmeister und hat Bücher und Aufsätze über Patristik, die Heilige Schrift, Spiritualität und Vergebung publiziert.

Übersetzung: Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 6-7

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

]

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

Kommentare




Hier können Sie einen Beitrag dazu verfassen:

  Textile-Hilfe

Impressum: Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V. | Vereinsregister-Nr. 100528 Amtsgericht Lüneburg
Geschäftsstelle: Eveline Schmidt | Wehlstr. 23 | 29221 Celle | Tel. (05141) 42234 | info@enneagramm.eu
Web-CMS Textpattern || 2010 eingerichtet von Michael Schlierbach | Marktplatz 32a | 83115 Neubeuern | Tel. 08035 - 875930