„Ich wollte nie ein Buch schreiben.“

Johannes Bartels im Gespräch mit Helen Palmer

Helen Palmer ist eine der weltweit meistgefragten Enneagramm-LehrerInnen. Sie hat mehrere internationale Bestseller zum Enneagramm geschrieben und entscheidend zur Formierung der Internationalen Enneagramm-Gesellschaft beigetragen. Seit vielen Jahren kommt sie zu Workshops nach Europa. Während ihres diesjährigen Aufenthaltes in Zürich hatte Johannes Bartels Gelegenheit, mit ihr zu sprechen.

JB: Helen Palmer, Sie sind jetzt schon zum wiederholten Male in der Schweiz und haben soeben einen dreijährigen Zyklus über das Enneagramm und die drei „Bewußtseinszentren“ abgeschlossen. Vor zwei Jahren brachten Sie einen Aikido-Lehrer mit, letztes Jahr war es ein Sufi-Scheich mit seiner Frau, und dieses Jahr der Trappistenmönch William Meninger. Das Enneagramm erscheint also geeignet, sehr unterschiedliche Perspektiven zusammenzubringen – stimmt das?

HP: Mit diesem letzten Workshop mit William Meninger bin ich sehr zufrieden. William Meninger repräsentiert für mich eine der vielen alten positiven mystischen Traditionen, die wir heute wieder neu entdecken müssen. Ich glaube nicht, daß ich irgendwas neu erfinde. In all den vergangenen Jahrhunderten haben sich die Leute Gedanken über Spiritualität gemacht. Das, was ich mache, sind also keine neuen Erfindungen, sondern nur der offensichtliche nächste Schritt.

JB: Sie halten Ihre Workshops nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Deutschland, Irland, und ich glaube, Sie haben auch ein Zentrum in Hongkong oder Singapur. Das Enneagramm bestimmt Ihr Leben wohl wie kaum etwas anderes.

HP: Ich habe das Enneagramm übernommen, weil es ein großes Problem zu lösen half. Ich hatte bemerkt, daß auch die talentiertesten meiner SchülerInnen am Center of Investigation and Training of Intuition in ihrem Denken an einem bestimmten Punkt immer wieder an eine scheinbar unüberwindliche Grenze stießen, wo sie einfach fixiert waren. Ich stellte fest, daß dieselbe Fixierung ihres Denkens auch im Intuitionstraining wieder auftauchte. Das Enneagramm schien imstande, diese Fixierungen konkret zu benennen und ihre Überwindung zu ermöglichen.

JB: Sie haben fast 20 Jahre gebraucht, um mit ihrem ersten Buch herauszukommen – warum?

HP: Ich wollte nie ein Buch schreiben. Ich wurde dazu gezwungen.

JB: Wer hat Sie gezwungen?

HP: Ich hatte das Enneagramm in der mündlichen Tradition gelehrt, also mit der Methode der Podiumsdiskussion, und zwar in Berkeley in Kalifornien, wo viele andere das Enneagramm damals ebenfalls lehrten, z.B. Claudio Naranjo und Kathleen Speeth. Es gab eine enorme Enneagramm-Aktivität damals. In Berkeley habe ich das Enneagramm auf diese Weise 18 Jahre lang gelehrt, 36 Wochen im Jahr – und zwar ausgerechnet im cvjm! Ich habe das Kursdesign ständig verändert. Meine Lieblingskurse waren die Partnerschaftskurse mit jeweils mehreren VertreterInnen eines Typs und deren PartnerInnen auf dem Podium. Das waren sehr bewegende Kurse. Die TeilnehmerInnen haben sich gegenseitig enorm geholfen.

Der Grund, weshalb ich das Kursdesign immer wieder geändert habe, war mein Mann, der damals die Tontechnik gemacht hat. Er ist eine Acht und er sagte mir irgendwann: „Weißt du, ich kenne deine Kurse mittlerweile und ich finde es langsam langweilig. Mach mal was Neues!“ Ich wollte ihn wirklich dabei haben, denn ich brauchte ihn. Ich war unsicher, und er hat mir die nötige Unterstützung gegeben. Ich mußte also ständig das Kursdesign ändern, und es ist dadurch immer komplexer geworden.

JB: Und wer hat Sie nun dazu gezwungen, das Buch zu schreiben?

HP: Ganz hinten im Publikum einer meiner Kurse war mal eine Frau, die auffällig fleißig mitschrieb. Ich dachte, es sei eine Therapeutin. Im nächsten Kurs saß sie dann in der ersten Reihe. An einem Abend brachte sie ihren Ex-Mann mit, einen Verleger, wie sich herausstellte. Sie hatte ihm ihre Notizen und meine Arbeitsblätter gegeben. Und der kam zu mir und sagte: „Ich würde gerne ein Buch aus dem Stoff machen. Es ist ein sehr interessanter Ansatz. Sie könnten den Text direkt aus dem Mund der Podiumsvertreter übernehmen – die sind die Quelle.“ Er war wirklich enthusiastisch.

Doch ich war nicht darauf aus, ein Buch zu schreiben. Der Grund war zum einen: Es gab eine Menge Gerüchte darüber, daß Oscar Ichazo jeden verklagen würde, der das Enneagramm veröffentlichen würde. Der zweite Grund war: Ich war fünfzig Jahre alt und hatte außer meiner Magisterarbeit noch nichts geschrieben. Ich bin keine Schriftstellerin. Der dritte Grund war: Ich bin eine Sechs, und ich hatte Angst. Der Verleger hat mich dann vor die Wahl gestellt: „Wenn Sie es nicht machen, gehe ich einfach zu einem von den Zuhörern hier im Raum.“ Es waren damals etwa zweihundert TeilnehmerInnen im Kurs.

JB: Ihre Angst war nicht ganz unbegründet, denn Oscar Ichazo hat Sie tatsächlich verklagt, und es gab einen langen Gerichtsprozeß, aus dem Sie letztlich als Siegerin hervorgegangen sind …

HP: Es waren Briefe von Arica, Ichazos Schule, verschickt worden, geschrieben im Namen des Vorstandes, Warnungen an verschiedene Enneagramm-LehrerInnen, sicherlich an Kathy Speeth, vielleicht auch an Claudio Naranjo, jedenfalls an mich selbst und an mindestens drei, vier andere. In diesen Briefen wurden wir gewarnt, das Enneagramm sei durch Copyright geschützt und könne nur von autorisierten Arica-LehrerInnen gelehrt werden und von niemand sonst. Mir war klar, daß es ziemlich dumm war, die sieben Todsünden mit Copyright belegen zu wollen, oder ein Diagramm, welches älter ist als Oscar Ichazo und schon zwanzig Jahre vorher in der westlichen Literatur aufgetaucht war. Zugleich habe ich die Konfrontation mit feindlich gesinnten Autoritäten gefürchtet, denn so was ist einfach nicht mein Ding. Außerdem war mir klar, daß ich damals von allen Enneagramm-LehrerInnen die meisten SchülerInnen hatte, so daß ich eine exponierte Zielscheibe darstellte. All das wußte ich, und trotzdem glaubte ich, daß ich das Buch schreiben sollte. Das Material war einfach so umfangreich geworden, daß es eine Art Überdruckventil brauchte.

Aber schon vorher hatte jemand ein anderes Enneagramm- Buch mit in den Kurs gebracht – es war das von Beesing/Nogosek/O’Leary – und mein Gedanke war sofort: Jetzt geht der Ärger los! Bis dahin waren wir bloß ein paar Leute, die Kurse hielten. Mit dieser Veröffentlichung wurde das jetzt auf einmal anders. Dieses erste Buch zum Enneagramm hatte also bereits Ärger verursacht. Die AutorInnen hatten sich damals um einen außergerichtlichen Vergleich mit Ichazo bemüht. Das waren schlechte Ausgangsbedingungen für mich, denn dadurch war von vornherein in Frage gestellt, ob es rechtmäßig war, das Material zu veröffentlichen. Es sah also zunächst sehr schlecht für uns aus. Arica hat uns regelrecht dämonisiert. Wir würden das Material nicht authentisch, in seinem ursprünglichen spirituellen Sinn, verwenden. Der Streit ist dann ziemlich ausgeufert. Irgendwann ist die gerichtliche Konfrontation schließlich unvermeidlich geworden. Unsere Bemühungen, die geschichtlichen Wurzeln des Enneagramms aufzuspüren, sind uns sofort als Angriff gegen die Arica-Schule ausgelegt worden. In meinen Workshops tauchten plötzlich VertreterInnen von Arica auf, die mich des Plagiats bezichtigten. Sie kamen in der Haltung extremer Feindseligkeit. Ichazo tat mir durch diese Wand von Feindseligkeit hindurch leid – und das hat nichts mit persönlicher Reife zu tun. Ich glaube einfach, es hätte mit ihm auch ganz anders werden können. Denn ich habe den Eindruck, daß Ichazo einen enormen Beitrag geleistet hat – aus einer tiefen spirituellen Reife heraus. Doch irgendwann ist da etwas aus dem Ruder gelaufen. Ichazo beanspruchte dann, jedoch nicht öffentlich, das Material als direkte Offenbarung empfangen zu haben. Ich hatte gehofft, wir könnten offen diskutieren über das Enneagramm und die angemessene Methode seiner Vermittlung. Doch das war damals einfach nicht möglich. Wie gesagt, Ichazo hat der von Gurdjieff initiierten Enneagramm-Tradition enorm wichtige Elemente hinzugefügt. Er hatte Zugang zu der Bibliothek seines Onkels, worüber er in seinem Interview für Enneagram Monthly Auskunft gegeben hat. In diesem Interview hat er auch eine ausführliche Beschreibung seiner eigenen Begegnung mit dem Enneagramm, seiner Vision, gegeben. Sein Beitrag zu dessen Entwicklung liegt vor allem darin, die traditionellen Todsünden den neun Punkten des Enneagramms richtig zugeordnet zu haben. Es stellt sich nun heraus, daß diese Ordnung der Leidenschaften schon in einer anderen Quelle vorgegeben war, in einer sufistischen Quelle (worüber ich demnächst schreiben möchte). Ich bin mir ziemlich sicher, daß Ichazo diese Quelle gekannt hat. Denn wenn ich daran gekommen bin, konnte auch er daran kommen. Der Prozeß ging schließlich zu meinen Gunsten aus. Der Richter entschied, daß es unmöglich sei, Elemente alter mystischer Traditionen, wie sie im Enneagramm zusammenfließen, durch Copyright schützen zu lassen.

Es war dann erschütternd, daß sofort nach dem Ende des Prozesses komplette Manuskripte für vier Enneagramm-Bücher von anderen Autoren vorlagen und bald veröffentlicht wurden. Sie hatten nur auf den Ausgang des Prozesses gewartet. Ich hatte jedoch keinerlei Kontakt zu diesen Leuten – außer negativem Kontakt. Man hat mich regelrecht isoliert, denn man wußte ja nicht, wie die Sache ausgehen würde. Es gab jedoch zwei Ausnahmen, die mich unterstützt haben: zum einen Maria Beesing und zum anderen Richard Rohr.

JB: Offensichtlich sind Sie inzwischen keineswegs mehr isoliert, und Sie spielen heute eine wichtige Rolle in der Enneagramm-Szene, besonders auch hier in Europa. Ich danke Ihnen sehr für das Interview.

HP: Bitte sehr.

[aus: EnneaForum 18, November 2000, S. 4-6

Aus EnneaForum 18 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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