Enneagramm und Träume: Wegweiser an den Kreuzungen der Lebensreise

Bericht einer Sieben von Ludwig Zink

Träume können ein Korrektiv gegenüber unseren alltäglichen, eingefahrenen Gewohnheiten sein. Ich habe ihre Deutung in mancherlei schwierigen Lebenssituationen als sehr hilfreich erfahren. „Ein Traum, der nicht gedeutet wurde, ist wie ein Brief, der nicht geöffnet wurde“, heisst es im Talmud. Sie werden zu Wegweisern und zu Leuchttürmen. Einige der Erfahrungen über das Verwobensein von Traum und Enneagramm möchte ich in diesem Artikel mitteilen.

Mit dabei sein, sich in einer Sache engagieren und die sprühenden Funken der Kreativität leuchten lassen, liegt in der Eigenart der Sieben. Was uns Siebener fehlt, ist Beharrlichkeit und Ausdauer.
Etliche Jahre lag die Türe meines Arbeitszimmers gegenüber der Türe eines Mitbruders, der für die Administration zuständig war. Stets beschwingt und mit raschen Schritten bewegte er sich auf sein Zimmer zu, und ich hörte jeweils, wie er die Türe zuschletzte. Ich war an meinem Schreibtisch und arbeitete am nächsten Programm der Veranstaltungen des Hauses. Eigentlich kam das Verhalten meines Mitbruders wie ein Vorwurf bei mir an: Eigentlich sollte alles so flott, so rasch vorwärts gehen wie seine stürmische Gehweise. Jedes Mal vernahm ich sein Gehen und wurde von meiner Arbeit abgelenkt. Da träumte ich:

Ich sah meinen von mir geschätzten Bischof an einem Tisch sitzen in einem großen Raum, in dem viel Unruhe herrschte. Viele Menschen arbeiteten an Setzkästen, wie sie früher in den Druckereien üblich waren. Der Bischof ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Er las aufmerksam die Druckfahnen seines Artikels. Und während er gesammelt las, sah ich, wie eine Leiter von den Druckfahnen nach oben führte. Auf dieser Leiter stiegen Engel auf und ab.

Es war nahe liegend den Traum auszulegen als Ermutigung, bei einer Sache zu bleiben, gelassen und gesammelt zu arbeiten. Von da ab hörte ich weder die Schritte meines Mitbruders noch das Fallen der Türe.

Es ist für die Sieben typisch, dass sie sich bei Entscheidungen nach dem Lustprinzip ausrichtet. Langwierige Folgen einer Entscheidung werden oft nicht in Betracht gezogen. Wenn der Siebenertyp etwas Zuwendung und Anerkennung erhält, dann kann er sein Vorhaben rasch fallen lassen oder es verändern. Er ist unbeständig, wie es im Jakobusbrief geschrieben steht: „Er ist wie eine Welle, die vom Wind im Meer hin und her getrieben wird … Er ist ein Mensch mit zwei Seelen, unbeständig auf all seinen Wegen.“(Jakobus 1,7/8)
Auch an der Wegkreuzung, bei der es um die Leitung eines Bildungshauses ging, kam mir ein Traum zu Hilfe. Eigentlich schien alles klar. Beim abendlichen Gespräch mit dem Provinzial lagen die Karten offen: Ein Mitbruder trat dafür ein, die Gastkurse und den finanziellen Bereich zu übernehmen, ich wollte selbst Kurse gestalten und ein Eigenprogramm erstellen. Der Dritte im Bunde war früher Generalvikar in Angola und trat dafür ein, dass ihm wohl die Gesamtverantwortung als Direktor zustehen würde. Da hatte ich in der Nacht folgenden Traum:

Ich stand auf dem Perron eines Bahnhofes. Ich beobachtete Leute, die einander zuflüsterten und von der Abfahrtszeit des Zuges nach Auschwitz sprachen. Es sollte jedoch nicht bekannt gemacht werden. Ich sah, dass der Zug bereit stand. Im Zug sah ich die Liegepritschen. Ich erwachte mit dem Wort: „Verheizt!“

Es war für mich eine klare Botschaft, sodass ich bei der morgendlichen Besprechung sagte, dass es noch nicht ausgemacht sei, wie die Leitungsfunktion des Hauses aussehen würde. Es gab dann fast ein Jahr lang eine Pattsituation, bis eben ein auswärtiger Coach hinzu gezogen wurde, der ein Leitungsorganigramm entwarf, mit dem ich und die Anderen leben konnten.

„In der Begrenzung zeigt sich erst der Meister“, sagt Goethe. Diese Begrenzung fällt der Sieben schwer, doch mit den fortschreitenden Jahren muss sie sich etwas widerwillig mit Einschränkungen vertraut machen. Es kann dann eine resignative Phase eintreten, und man fragt sich, was denn aus dem Strom der Zeit ans Land gezogen wurde. Die Flügel für neue Unternehmungen, die früher ihre Dienste erwiesen haben, sind lahm geworden. Die ständige Abwechslung und das Beschwingtsein von neuen Ideen haben an Zauber und Kraft verloren. An den Wegkreuzungen des Lebens tut sich eine Sieben alleweil schwer. Sie bleibt meist stehen und überlegt und überlegt. Gleich bei welcher Entscheidung wiegen die Minuspunkte die Pluspunkte auf. Träume helfen einer Sieben von ihrer Kopflastigkeit weg zu kommen und eine Bauchentscheidung zu treffen. Mit vierundsechzig Jahren hatte ich den folgenden Traum:

Ich sah meine Mutter vor einem weissen Eisenbett stehen, wie sie früher in Krankenhäusern üblich waren. Hinter dem Geländer lag mein Vater im Bett. Er war sterbenskrank. Ich stand meiner Mutter gegenüber. Ich hörte sie sagen: „Ich möchte noch ein Kind zur Welt bringen. Einen Mann dafür werde ich schon finden.“ Ich antwortete entrüstet: „Geht`s noch!“

Meine Eltern waren damals schon beide verstorben. Im Traum hatte meine Mutter mein Alter. Bald wusste ich, was der Traum zu bedeuten hatte. Eine Möglichkeit den Traum zu deuten, liegt darin, dass alle Personen des Traumes Teile von einem selbst sind: Ich erkannte mich im lebensmüden und sterbenden Vater. Das Leben war eigentlich gelebt, was sollte es noch bringen? Auch die Worte „Geht’s noch!“ war der Niederschlag meines Tagesbewusstseins. Eigentlich ist es in diesem Alter unmöglich – so dachte ich mir –, noch etwas Neues anzufangen. Meine Reaktion „geht’s noch!“ auf die Worte meiner Mutter zeigte mir, wie skeptisch, resigniert und mit wie wenig Hoffnung ich die Zukunft sah. Die Worte meiner Mutter waren eine symbolische Mitteilung für den Teil in mir, der noch etwas Neues wagen wollte. Er wollte noch ein Kind zur Welt bringen. Der Traum ermutigte mich, einen Ortswechsel zu vollziehen und mich auf einen neuen Arbeitsbereich einzulassen, was ich im Rückblick nie bereut habe.

„In der Tat, in den Träumen haben wir wirklich in uns steckende Propheten unserer zukünftigen Ereignisse“, sagt Rudolf Steiner und C. G. Jung betont den finalen Aspekt der Träume, was wollen sie mir für die Zukunft zeigen, wo wollen sie mich im Leben hinführen. Gottes vergessene Sprache, werden die Träume genannt. Oft ist diese Sprache für uns eine Fremdsprache, und es ist schwierig, ihren Code zu knacken. Wenn es uns gelingt, dann sind sie Stuppser für die Wandlungsfähigkeit, sodass der Enneagrammtyp nicht zum selbst errichteten Gefängnis wird, sondern er sich weiten kann im Sinne des Stufengedichts von Hermann Hesse.
Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.
Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
an keinem wie an einer Heimat hängen,
der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen.
Er will uns Stuf` um Stufe haben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen.
nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch in der Todesstunde
uns neuen Räumen jung entgegensenden,
des Lebens Ruf an uns wird niemals enden.
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesund

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