Enneagramm mit Leib und Seele - Eröffnungsvortrag der Jahrestagung 2017 von Hans Neidhardt

Was sind, wie entwickeln und wie verändern sich Muster? Enneagramm-Phänomene aus der Perspektive der Focusing-Prozesstheorie betrachtet.

Warum Zebras keine Magengeschwüre bekommen
Das Zebra grast mit anderen Zebras ruhig vor sich hin. Da – ein Löwe auf Jagd nach Beute! Eine massive physiologische Stressreaktion wird in Gang gesetzt: Eine Aktivierung des autonomen Nervensystems mit der Freisetzung von Adrenalin und Noradrenalin in den Blutkreislauf, zusätzlich eine Freisetzung von Glukokortikoiden (beim Menschen: vor allem Cortisol, das sog. Stresshormon). Überlebenswichtige körperliche Vorgänge (Beschleunigung der Atmung, hoher Puls, Schwitzen, Blockierung anderer Prozesse wie Verdauung, Sex usw.) werden dadurch in Gang gesetzt. Und nach (hoffentlich) erfolgreicher Überwindung der bedrohlichen Situation fährt der Körper des Zebras zum Ausgangszustand zurück. Das Zebra grast mit anderen Zebras wieder ruhig vor sich hin.
Deswegen bekommen Zebras keine Magengeschwüre (1). Chronischer emotionaler und sozialer Stress verhindert bei uns Menschen oft ein Zurückfinden des Körpers in den Normalzustand und gehört – im Unterschied zum den Zebras – zu unserem Alltag. Deswegen haben Menschen mit Magengeschwüren zu tun und Zebras nicht. Wir wissen heute zwar, dass bei unseren Magengeschwüren ein Bakterium (Heliobacter pylori) eine wichtige Rolle spielt, aber nur ca. 10 Prozent der mit diesem Bakterium infizierten Personen erkranken an einem Magengeschwür. (2).

Ein anderer Blick auf den Körper
Wir können den Körper als ein „Objekt“ (lat. obicere=hinauswerfen – der „Gegen-Stand“) betrachten, und das ist in vielerlei Hinsicht sinnvoll, z.B. bei Operationen, evtl. im Training im Leistungssport, in der medizinischen Forschung. Wir können aber auch den Körper als „Subjekt“ (subicere=darunter werfen, unter etwas legen) von innen erspüren, denn wir Menschen sind Lebewesen, die die Fähigkeit haben, sich ihres inneren Lebens bewusst zu sein (oder zu werden). Diese Betrachtungsweise wird radikal in einem zentralen Satz der Focusing-Prozesstheorie (Eugene T. Gendlin) zum Ausdruck gebracht:
„Der Körper ist in der Situation und die Situation ist im Körper“ (3)
Wenn wir die innere Aufmerksamkeit dorthin lenken, wo wir uns lebendig fühlen, dann ist es evident, dass dieses Lebendigsein eine Körper-Situation-Wechselwirkung ist. Was ist z.B. „Atem“ anderes als eine einzige Lunge-Luft-Interaktion?
Den von innen lebendig gespürten Körper (der immer in einer Situation ist) können wir gar nicht anders erfahren als eine Wechselwirkungswirklichkeit, die immer sehr viel mehr Aspekte beinhaltet, als uns von Moment zu Moment bewusst sein kann. „Es“ atmet ja auch, wenn wir nachts schlafen.
Ein anderer Aspekt des von innen gespürten Körper-Lebens: Der Körper impliziert den nächsten Schritt, d.h. Lebensprozesse folgen einer gewissen „Folge-Richtigkeit“ (die wir oft erst im Nachhinein erkennen).
siehe Folie 1

Ein Auszug aus dem Beitrag, der vollständig im Enneaforum Mai 2017 – der Mitgliederzeitschrift des ÖAE – abgedruckt wird.

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