Versöhnung aus VIERER-Sicht

Versöhnung hat aus der Perspektive eines VIERER-Musters wohl am meisten mit einem selbst zu tun. Es bedeutet, sich selbst zu vergeben, bewusst auszusteigen aus einer Spirale von selbstzerstörerischen Gedanken und Gefühlen, die sich in einer Konfliktsituation unweigerlich zu drehen beginnt. Dass meine fachlichen Begleitpersonen, die mich in dieser Krisensituation vor einigen Jahren begleiteten, das Enneagramm kannten und ich dadurch mein eigenes Enneagramm-Muster kennen lernen konnte, war einer der hilfreichsten ersten Schritte in Richtung einer positiven Entwicklung. Überhaupt war das Inanspruchnehmen einer vertrauenswürdigen Begleitperson für mich als selbstkritische Person ein Schlüsselelement in der Konfliktverarbeitung und -transformation. Die urteilsfreie empathische Atmosphäre ermöglichte es mir, ehrlich mit mir selbst zu sein und die destruktiven Verhaltensmuster zu erkennen, in die ich angesichts dieser Konfliktsituation geflüchtet war. Bei einem VIERER wie mir waren das die Flucht in eine unverhältnismäßig intensive Gefühlswelt (abgrundtiefe Verzweiflung und der Wunsch, das Leben zu beenden) und das Absinken in eine stumpfe Depressivität. Die Stärke meines Musters war in dieser Situation mein Entwicklungswille – ich war fest entschlossen, diesen Totalzerbruch in meinem Leben zu etwas Gutem, etwas Wertvollem umzuwandeln und dem Ganzen einen Sinn abzuringen. Dazu setzte ich mich einer Zeit der Stille in einem «Kloster auf Zeit» aus. Das Kennen meines Enneagramm-Musters half mir, die Richtung dieser Entwicklungsschritte zu erkennen (Richtung EINS). Ich lernte, wie hilfreich es ist, zuerst einen Schritt zurückzutreten und Distanz zu nehmen zu meinen eigenen Emotionen, mich selbst zu relativieren, eine gewisse Nüchternheit auszuhalten und zunehmend zu schätzen.
Anfangs befürchtete ich, nun würde mein Leben in einer emotional flachen, fast langweiligen, austauschbaren Alltagswelt enden. Doch zunehmend nahm ich eine nie gekannte tiefe innere Ausgeglichenheit wahr, die mein gesamtes Sein und Tun prägte. Ich stellte fest, dass Intensität im Leben (etwas vom Wichtigsten für mich als VIER) nicht nur mit intensiver Emotionalität zu tun hat, sondern auch mit Klarheit, Echtheit und Fokussiertheit.
Der schwierigste Schritt ist und bleibt für mich die Versöhnung mit mir selbst. Anderen Personen Vergebung zu gewähren und um Vergebung zu bitten fiel mir noch nie besonders schwer. Mir selbst dasselbe zuzusprechen und die volle Dimension des Begriffs Gnade am eigenen Leib zuzulassen war indes der viel größere Schritt. Und doch lag genau darin meine Freiheit, das Heilwerden meiner verwundeten Seele und die Möglichkeit zur tiefen, grundlegenden Transformation.
Wofür ich mich früher schämte (meine innere Realität), ist das, woraus ich heute Zuversicht, Vertrauen ins Leben und den Glauben an die Veränderungskraft von Menschen schöpfe. Ich habe erlebt, wie der dunkle Inhalt meiner Seele durch große Hitze in Gold umgewandelt wurde. Ich wünsche mir, diese Erfahrung möge in meinen Begegnungen spürbar werden.
Susanne Gisler, 1978, Psychologin i.A.

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