Der Splitter und der Balken

Unsere Welt ist damit beschäftigt, sich immer weiter zu spalten. Es gab bisher schon Begriffe, die das deutlich machten, zum Beispiel die „Dritte Welt“. Die Spaltung geht heute aber noch weiter. Sie zieht sich durch alle Länder und Gegenden. Wir hören täglich von Kriegen und Bürgerkriegen. Die Spaltung zieht sich aber auch durch Bundesländer, durch Deutschland, durch Europa, durch die Westliche Welt, Schritt für Schritt. Spaltung ist ein Wort, das sagt: Gespräche werden nicht gesucht. Unterschiede drängen in den Vordergrund. Jede Gruppe macht sich groß und die anderen Gruppen klein. Wenn von „Frieden“ die Rede ist, dann ist dieses Wort sehr arm geworden. Es meint häufig nur noch, dass für eine Weile die Waffen schweigen.
„Versöhnung“ sagt mehr aus. Wer Versöhnung sucht, achtet die Unterschiede und gibt nicht nur sich selbst und der eigenen Gruppe recht.
Jesus lehrt: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge? Du Heuchler, zieh zuerst den Balken aus deinem Auge und sieh dann zu, dass du den Splitter aus deines Bruders Auge ziehst!“ (Lukas 6, 41-42)
Nehmen wir ein Beispiel: Zur Zeit wird in Deutschland über das Burka-Verbot diskutiert. Burka-Trägerinnen gibt es in Deutschland kaum. Die Diskussion findet ohne sie statt. Es wird viel über die Rechte der Frauen gesprochen und geschrieben ohne die entsprechenden Frauen einzubeziehen. Schaue ich auf die Rechte der Frauen in unserem Land, sehe ich Demütigungen, die schwer zu ertragen ist, aber kaum Diskussionen auslösen. Ändert sich etwas an dem geringeren Gehalt? Es wird immer wieder benannt aber nicht wirklich angepackt. Ändert sich etwas an den kaum Bekleideten, die man auf vielen Plakaten sieht? Ändert sich etwas an den Magermodels, halb verhungert mit dürren Armen und Beinen und der ständigen Werbung für Medikamente, die einer Frau beim Abnehmen helfen sollen? Ändert sich etwas an den kopulierenden Karikaturen, die für Kondome werben? Hier hat sich unsere Gesellschaft vieles selber zu fragen, bevor sie mit Verboten gegen Burkas auftrumpft.
Die Fragen haben mit Selbstkritik zu tun, nicht mit allgemeiner Beschönigung, die in unserer Gesellschaft auch immer üblicher wird. Ich habe oben ein Jesuszitat erwähnt. Die Kirchen beginnen lauter zu werden gegen die Gründe der Spaltung innerhalb einer Gesellschaft. Versöhnung hat mit Vergebung zu tun. Ich bitte um Vergebung. Ich rechtfertige mich nicht selber. Ich werde von Gott geliebt und sehe auch im Fremden ein geliebtes Kind Gottes.
Bei der Suche nach Versöhnung kann auch das Enneagramm hilfreich sein. Es ist eine Methode der Selbstkritik und der Nächstenliebe. Ich schaue nicht als erstes auf die Fehler der Anderen und auf die eigenen Vorzüge. Ich schaue zuerst auf die eigenen Fehler und die Stärken der Anderen. Es tut mir gut und macht mich frei, meine eigenen Muster zu entdecken, die mich immer wieder gefangen nehmen. Mein Herz weitet sich und meine Seele öffnet sich, wenn ich Menschen anerkenne, die anders sind als ich. Mein Zorn, mein Stolz, mein Selbstbetrug, mein Neid, meine Habsucht, meine Furcht, meine Gier, meine Gewaltbereitschaft und meine Trägheit beginnen sich zu verändern, wenn ich sie als meine Fehler entdecke und bereue. Vorbilder lassen sich im Fremden finden. Bekanntes und Vertrautes kann auch ein Gefängnis werden.
Im Enneagramm versöhne ich mich mit mir selber. Ich sehe meine Schwächen und lerne, sie als Teil meiner selbst wahrzunehmen und mit ihnen zu leben. Im Enneagramm versöhne ich mich mit anderen. Ich sehe ihre Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten als Einladung, mich selber zu überprüfen und von ihnen das Gute zu lernen.
Holger Forssman, München

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