Die Verwandlung am Stress-Punkt des Enneagramms

Lauf’ nicht, geh langsam:
Du musst nur auf dich zugehn’!
Geh’ langsam, lauf’ nicht,
denn das Kind deines Ich,
das ewig neugeborene
kann dir nicht folgen

Dieses Gedicht schenkte mir 1996 eine andere Kursteilnehmerin in einem Naranjo-Enneagramm-Workshop. Ich verstand damals nicht, was sie mir damit über mich mitteilen wollte. Zu schnell fand ich mich wirklich nicht unterwegs auf meinem Lebensweg: Das waren doch alles wohl überlegte und fachlich gut begründete Schritte gewesen, die mich auf dem Hintergrund meiner psychotherapeutischen Charakterkenntnisse mit 32 Jahren zur Enneagramm-Lehrerin werden ließen – die Veröffentlichung des Buches mit 36 Jahren war die logische Folge davon.
Irgendwann begriff ich dann, dass das Gedicht eine wichtige Mitteilung an die DREIer-Tendenzen in mir enthielt: Wenn du so schnell bist in deinen Entscheidungen und Handlungen, verpasst du vielleicht, sie aus dir selbst entstehen zu lassen! Mit Einsicht hatte das zunächst nichts zu tun. Das Leben bremste mich einfach aus. Ein ziemlich übler Burn-out-Zustand holte mich ein. Das jahrelange Leisten-Wollen über die eigenen Kräfte forderte seinen Preis. Der Zusammenbruch zwang mich zum Langsam-Tun und zum Verweilen im Augenblick – zu Haltungen, die ich mühsam lernen und einüben musste.
Dabei begegnete ich den „Schatten“ meines Ego: Eitelkeit, Selbstüberhöhung, Besserwisserei. Dieser Teil der inneren Reise fühlte sich gar nicht gut an. Er führte durch Selbstabwertungen und Minderwertigkeitsgefühle. Nachdem ich da durch war, öffnete sich unmittelbar ein neuer Erlebens-Raum: Die Erfahrung des Nicht-Ich, der mystischen Leere. Ein leichter und schwereloser „innerer Ort“, wo es kein Leid an der eigenen Persönlichkeit mehr gibt.
Wenn das eigene Muster nicht mehr greift
Da, wo es in Enneagramm-Büchern um den Stresspunkt geht, lesen wir gewöhnlich Sätze wie diesen: Unter Stressbedingungen gerät die Persönlichkeit in die negativen Eigenschaften dieses (mit einer Linie verbundenen) Ennea-Typs. Manchmal wird diese Bewegung auch als Desintegration bezeichnet. Hans Neidhardt und ich nannten sie in unserem Buch eine „Selbstverstrickungs-Spirale“.
Wer will das schon? Auf jeden Fall eine unangenehme Erfahrung. Also bloß zusehen, dass dieser Fall gar nicht eintritt. Wir versuchen also, den Ego-Stress möglichst zu vermeiden. Es scheint uns wesentlich besser zu gehen, wenn das Muster reibungslos funktioniert. Damit verhindern wir allerdings auch die Chance, den Crash unserer Persönlichkeit, der in die mystische Leere führt, zu erfahren.
Schattenarbeit
Überall dort, wo wir Erfahrungen abwehren oder abspalten, wohnen Schatten-Anteile in uns: Das, was wir aufgrund automatischer Reaktionsmechanismen nicht ans Licht lassen können, bleibt im Dunkeln wohnen. Es wirkt dort aus dem Hintergrund. Wir erkennen nicht, was es ist. Mit dem Nicht-Wahrhaben-Wollen von Angst, Schmerz und Leid geht allerdings immer auch ein Teil unserer Vitalität verloren. Menschen mit starren Abwehrreaktionen wirken nicht besonders lebendig.
Für mich war diese Erkenntnis der Ausgangpunkt, mich mit psychologischer Schattenarbeit zu beschäftigen: Das, was in den Schatten gedrängt wurde, enthält immer einen wertvollen Schatz, den es zu heben gilt. Ein Kollege, der schon viele Jahre in einer Tradition des tibetanischen Buddhismus praktizierte, brachte mich dann auf die Idee, das dort gelehrte Chöd-Ritual in diese Arbeit mit einzubeziehen. Tsültrim Allione, eine westliche Lama, lehrt eine gestalt-psychologische Version davon unter der Bezeichnung „Dämonen-Füttern“ und hat die auch veröffentlicht.
„Chöd“ bedeutet „Schneiden“ und meint das „Abschneiden des Egos“. In der ursprünglichen buddhistischen Fassung ist es ein Selbstopfer-Ritual, in dem der eigene Tod visualisiert wird. Aus dieser Hingabebereitschaft wird ein Nektar gewonnen, mit dem die „Dämonen“ (Schattenanteile) anschließend gefüttert werden. Gemeint ist jedoch eigentlich die Aufgabe aller Ego-Verhaftungen. Dieser Zusammenhang will verstanden werden. Nur wer in die ursprünglichen buddhistischen Unterweisungen eingeweiht ist, besitzt nach deren Tradition die Voraussetzungen, eine solche Übung korrekt anzuleiten. Deshalb nahm ich selbst (als Nicht-Buddhistin) an einer solchen Einweihungszeremonie teil.
Psychologisches Verständnis der „Dämonen-Arbeit“
Auf meiner Internet-Seite kann ein ausführlicher Text über meine psychologische Interpretation dieser Art von „Schattenarbeit“ herunter geladen werden (Link unter: www.gallen-praxis/zur_person). Hier nur ein paar wesentliche Hinweise: Voraussetzung des „Sterbenlassens“ ist immer eine zentrierte und nicht-identifizierte Haltung. Anders ausgedrückt, muss ein guter innerer Beobachter, ein Zeugenbewusstsein, etabliert sein. So können wir nur die Anteile in uns „sterben“ lassen, die uns an unsere Ängste, negativen Gedanken, traumatische Erfahrungen etc. binden. Diese Vorgehensweise ist vergleichbar mit dem „Partialisieren“ (der Teile-Arbeit) in den verschiedenen psychotherapeutischen Schulen.
Wesentlich ist auch die einfühlsame Zuwendung zum so genannten „Dämon“: Die gewohnten Abwehrmuster und Fluchtreaktionen werden so durchbrochen und wir können seine tiefer liegende Not erspüren. Auf diesen Mangel wird nun passend geantwortet – der „Dämon“ wird gefüttert. Genau das ermöglicht eine Verwandlung des Schattens und das Wiederauftauchen verschütteter Ressourcen.
Dämonen-Arbeit am Stresspunkt
Nachdem ich mit dieser Art der „Schattenarbeit“ schon ein paar Jahre unterwegs war, kam die Idee auf, ein Enneagramm-Seminar-Format zu entwickeln, in dem die Bewegung zum Stresspunkt des eigenen Musters als „Dämon“ thematisiert wird. Mit der Anwendung des Chöd-Rituals kann hier der „Ego-Tod“ bewusst durchlebt werden, ohne durch eine schmerzhafte Crash-Erfahrung gehen zu müssen. Andreas Ebert bot mir in seinem Spirituellen Zentrum in München zweimal den Rahmen, diese Vorgehensweise in einem gemeinsamen Workshop anzuleiten. Seine bibliologische Dämonen-Arbeit und der „Wolf von Gubbio“ waren dazu passende Ergänzungen aus dem christlichen Kontext.
Wir erlebten in diesen Workshops einige leichtgängige „Tode“ und viele wunderbar verwandelte „Dämonen“, die wieder zu wichtigen Verbündeten wurden. Manche Teilnehmer berichteten uns, dass auch nach Monaten diese Veränderungen noch nachwirkten.
Nachhaltige Veränderung
Mir persönlich wird die Nachhaltigkeit meines Persönlichkeitswandels durch diese Schattenarbeit gelegentlich dadurch gespiegelt, dass Enneagramm-Kenner neuerdings meinen, in mir das Muster NEUN zu erkennen. Das ehrt und freut mich: Nichts ist mir wertvoller, als die stillen Qualitäten des Innehaltens und der bedingungslosen Herzoffenheit verkörpern zu dürfen.
„Holy Love“ ist die „Heilige Idee“ meines Stresspunkts. So kam ich auf die Idee, dass die Türen, die in dieser Art von Enneagramm-Arbeit für uns alle aufgehen können, vielleicht jeweils dort hin führen. Für ein Seminar-Handout habe ich das in der nachfolgenden Tabelle zusammengefasst.
Ich freue mich über jede Rückmeldung persönlicher Lebens- und Lernerfahrungen, die zu diesem Konzept passen, es ergänzen können oder andere (auch kontroverse) Perspektiven eröffnen – es ist noch im Entwicklungsstadium.
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Erlösende Qualitäten des Stresspunkts – die „Heilige Idee“ nach A.H. Almaas
EINS zu VIER: Heiliger Ursprung
Alles kommt aus dem Ursprung, der einen Quelle und kehrt wieder dorthin zurück
Alles beginnt in Gott und kehrt dorthin zurück. Es gibt keine Trennung zwischen mir und dem Ursprung, und zwischen den Dingen und dem Ursprung.
Alles ist die Entfaltung des Seins, und daher ist alles immer zutiefst mit dem Sein verbunden.
ZWEI zu ACHT: Heilige Wahrheit
Alles hat göttliche Essenz und ist untrennbar eins
Die Wahrheit jenseits aller Dualität.
Alles, was vorstellbar und erfahrbar ist, existiert jetzt, in diesem Augenblick, als Eins.
DREI zu NEUN: Heilige Liebe
Alles ist liebenswert und von einer grundsätzlich positiven Qualität durchdrungen
Die umfassende, immerwährende Liebe, die alles einschließt.
Alles ist nichtbegriffliche Positivität jenseits aller Polaritäten.
Dies gilt unabhängig von unseren Wahrnehmungen und Gefühlen über die Wirklichkeit und allen mentalen Einteilungen über Gut und Schlecht.
VIER zu ZWEI: Heiliger Wille, Heilige Freiheit
Alles ist göttliches Wirken.
Mein Wille ist in Harmonie mit dem Universum.
Jede Bewegung im Kosmos ist universelles (göttliches) Wirken. Sich eins mit diesem Wirken zu erleben, ist die wahre menschliche Freiheit.
FÜNF zu SIEBEN: Heilige Weisheit, Heilige Arbeit, Heiliger Plan
Alles entwickelt sich sinnvoll nach einem schöpferischen Plan
Es gibt eine Evolution. Weisheit, ist sie zu erkennen, und spontan zu verwirklichen. Der gegenwärtige Augenblick ist der Zugang.
Alle Dinge entfalten sich ganz von alleine und wir können uns in die Gegenwart hinein entspannen.
SECHS zu DREI: Heiliges Gesetz, Heilige Hoffnung, Heilige Harmonie
Alles wandelt sich harmonisch.
Das Heilige Gesetz bezieht sich auf das strukturierte Handeln im Ablauf der Zeit. Die Harmonie bezieht sich auf den Frieden und die Freiheit des Lebens in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit. Die Hoffnung ist die Verwandlung in der Seele.
Alle Handlungen sind eins mit den Bewegungen im Universum.
SIEBEN zu EINS: Heilige Vollkommenheit
Alles ist vollkommen.
Die Wahrheit ist eine untrennbare Ganzheit, und sie ist vollkommen und perfekt. Es muss nichts verbessert werden.
Alles ist rein, makellos und von vollendeter Schönheit.
ACHT zu FÜNF: Heiliges Allwissen, Heilige Transparenz
Alles – auch der Mensch – ist eine Erscheinungsform des universellen (göttlichen) Bewusstseins.
Innerhalb der Einheit gibt es die Vielfalt der Erscheinungen, die sich voneinander unterscheiden.
Transparenz ist, sich selbst als Teil der Totalität zu erleben, von ihr unterstützt zu werden und nicht unabhängig davon zu existieren.
NEUN zu SECHS: Heilige Kraft, Heiliger Glaube
Alles unterstützt uns.
Das Sein ist die innere Wirklichkeit und Wahrheit jedes Menschen. Der Glaube ist die Erfahrung dieses Seins.
Wenn Glaube anwesend ist, fühlt man Vertrauen, Selbstvertrauen, Sicherheit, Unterstützung, Entspannung und Mut.
von Maria-Anne Gallen

Quellen:
Almaas, A.H.: Facetten der Einheit. Das Enneagramm der Heiligen Ideen. Bielefeld, 2004.
Gallen, M.-A.: Das Füttern der Dämonen. Eine psychologische Interpretation der buddhistischen Chöd-Praxis. http://www.gallen-praxis.de/das_fuettern_der_daemonen.pdf
Gallen, M.-A., Neidhardt, H.: Das Enneagramm unserer Beziehungen. Reinbek, 1994.
Maitri, S.: Neun Porträts der Seele. Die spirituelle Dimension des Enneagramms. Bielefeld, 2001.
Tsültrim Allione: Den Dämonen Nahrung geben, München, 2009.

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