Buchbesprechung - Enneagramm zum Auslegen

Peter Stemmann/Manfred Wenzel:
Das Enneagramm. Die neun Gesichter der Persönlichkeit
Handbuch mit 81 Spielkarten
Neuhausen am Rheinfall 1999
DM 44,80

Ich habe eine Karte gezogen – eine von 81 und eine, von der ich glaube, daß sie etwas mit meinem Typ zu tun haben könnte. Auf dieser Karte sehe ich:

– die Zahl 1, schnurgerade und steif, mit erhobenem Zeigefinger und nüchtern-überlegenem Blick, würdig in ein silbergraues Gewand gehüllt, das hier und da durch goldbraune und rote Falten durchzogen ist;

den Satz „Ich habe recht“;
eine fleißige Biene bei der Arbeit;
eine Holzapfel-Pflanze, die (so lese ich später) nach einer Empfehlung von Dr. Bach „jenen gegeben (wird), die das Gefühl haben, etwas Unreines an sich zu haben“;
eine merkwürdige Zahl, und zwar +1216 (auch darüber informiere ich mich später: Es ist die englische „Radionik-Rate“ für die Bachblüte Holzapfel; im Hintergrund steht die komplizierte Theorie der Radionik);
den Kreml, die Zentrale jener Großmacht also, „die der Welt bewiesen hat, wer zuerst den Mond erobert“;
und schließlich zwei kleine Enneagramm-Figuren, wobei in einer von beiden die Eins und ihr Streß- bzw. Trostpunkt besonders markiert sind.
Nun nehme ich das zu der Karte gehörende Buch zur Hand. Dort lese ich: „Du hast diese Karte gezogen, weil du einen Spiegel brauchst, um die verdeckten Teile deiner Welt zu sehen. Dieser Spiegel hat eine besondere Qualität: Er zeigt dir das, was ist, in spiegelgleicher Wahrheit. Je genauer du diese Karte für dein Leben betrachtest, desto geringer ist deine Täuschung. Endlich ent-täuscht!“ (66).

Ein hoher Anspruch, den Peter Stemmann, der Autor des Buches, da formuliert! Als gute, d.h. kritische Eins bin ich natürlich skeptisch, wie könnte es anders sein. Wie sollte diese Spielkarte das schaffen, was über 30 Jahre Lebenserfahrung, einige Begegnungen mit echten Weisen und viele schlaue Bücher nur sehr unvollkommen geschafft haben: „endlich ent-täuscht“? Um es gleich vorweg zu nehmen: Diese Skepsis ist auch nach intensiver Betrachtung der Karte und nach vollständiger Lektüre des Buches nicht gewichen. Und für die neun verschiedenen Legesysteme, die zum Schluß erläutert werden und die u.a. auf Selbsterfahrung, Integration des Schattens und Weisheit zielen, bin ich wahrscheinlich viel zu nüchtern. (Ich muß jedoch zugeben, daß ich Stemmanns Empfehlung, zur Betrachtung der Karten ein Räucherstäbchen zu entzünden oder entspannende Musik aufzulegen, ignoriert habe.)

Hinzu kommen inhaltliche Bedenken. So halte ich die Verästelung der neun Typen in 81 Untertypen, die Stemmann von D. R. Riso übernimmt, für eine übertriebene Differenzierung. Natürlich bildet ein System mit nur neun Typen die Wirklichkeit bloß holzschnittartig vereinfachend ab. Aber dieser Mangel läßt sich wohl kaum dadurch beheben, daß man die Zahl der Typen erhöht. Im Gegenteil: Eine solches verfeinertes System soll doch offenbar suggerieren, daß die Wirklichkeit damit nun genau oder, in Stemmanns Worten: „spiegelgleich“ erfaßt ist ? und verschleiert so die Grenzen jeder Typologie. Keine Typologie ist die Wirklichkeit. Typologien haben bestenfalls einen „heuristischen“ Wert, d.h. sie können uns bei unserer Wahrnehmung die Richtung weisen, in der zu suchen sich lohnen könnte. Aber was wir dabei finden, ist immer komplizierter und verwickelter, eben „wirklicher“ als der Wegweiser, der uns den Hinweis gab.

Unrealistisch erscheint mir auch Stemmanns Zutrauen in die spirituellen Möglichkeiten des Menschen. Auf der höchsten der neun Entwicklungsstufen, die jeder Typ grundsätzlich erreichen kann, „gibt es keine Unterscheidung mehr. Jetzt sind alle Enneagramm-Nummern gleich, sie sind ganz, sie sind erlöst. Das ist die Antwort auf alle Fragen, das Ende aller Wege, das ist das Glück“ (294). Nach meiner Auffassung ist das nicht die Antwort auf alle Fragen, sondern frommes Wunschdenken.

Bleibt also nur Kritisches von meiner Seite? Geht mal wieder der „Mönch des urteilenden Geistes“ (Palmer) mit mir durch? Nein! Aufgepaßt, jetzt kommt Lob: Der Kern des Ganzen ist genial! Der Kern, das sind die Illustrationen der neun Zahlen von Manfred Wenzel (die wohl auch den Anstoß zu dem Buch gegeben haben). Der Ausgangspunkt war Wenzels Beobachtung, „daß die Zahlen selbst die Qualitäten des Enneagramms ausdrücken, man muß das nur entdecken“ (41). Und seine Entdeckungen sind überzeugend: Die Eins steht aufrecht und gerade wie eine Wasserwaage, die Zwei macht sich krumm und kniet demütig auf dem Boden, etc. Aber das kann man in Worten schlecht beschreiben ? das muß man selbst sehen.

Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 31

Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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