Kontakt mit dem „Fremden“

Da ich Rentnerin bin und über einen gewissen Zeitrahmen verfüge habe ich beschlossen, mich der Integration von Flüchtlingen zu öffnen. Als „Enneagramm-EINS“ lebt in mir die Vision vom Reich Gottes, wo alle Menschen als Kinder Gottes miteinander in Frieden leben können.
Meine Großeltern mütterlicherseits waren 1945 aus Schlesien vertrieben worden und kamen mit zwei Koffern in Gotha an. Zwei kleine Zimmer in einem Hinterhaus wurden ihnen dann zur Untermiete zugewiesen. Ein freundliches Willkommen gab es nicht. Sie konnten die Sprache, kannten die Kultur, fanden Anschluss in der christlichen Gemeinde. Das waren gute Voraussetzungen, um langsam heimisch zu werden. Meine Mutter lernte meinen Vater (ebenfalls vertrieben aus Breslau) kennen und sie bauten sich eine neue Existenz auf mit geschenkten Kleidern und Möbelstücken.
Wie aber mag es syrischen Flüchtlingen gehen, die nach Deutschland kommen, weder die Kultur kennen, noch die Sprache verstehen, selbst die Buchstaben nicht lesen können?
Die ersten Begegnungen mit Familie Mousalli aus Aleppo waren deshalb etwas holprig und die Verständigung gelang nur mit Händen und Füßen und mit Humor. Eine Übersetzungs-App auf dem Smartphone half notdürftig mit. Wir treffen uns nun jede Woche, mal bei uns zu Hause, mal in ihrer kleinen Neubauwohnung. Da sie einen anerkannten Asylstatus haben, wurden sie mit dem Nötigen ausgestattet. Unsere Hausärztin nahm sie freundlich an und so konnten sie auch medizinisch gut versorgt werden. Im September 2015 bekamen sie Zugang zu einem Sprachkurs. Seit dem wird fleißig geübt. Zu Weihnachten erhielten wir von ihnen die erste deutsch geschriebene Weihnachtskarte. Darüber haben wir uns sehr gefreut. Sie selbst sind gläubige Muslime. Dass mein Mann der Frau und ich ihrem Mann nicht die Hand reichen sollen, wussten wir von unseren Reisen in verschiedene muslimische Länder. Das ist gegen Tradition und Sitte. Deshalb waren und sind die Begrüßungen nicht weniger herzlich. Bald schon wurden wir Freunde. Wir konnten ihnen bei verschiedenen Behördengängen, z.B. Kindergeldkasse für ihren 16jährigen Sohn, Befreiung von Rundfunkgebühren, Begleichung von Energiekosten nach Mahnschreiben, die sie noch nicht lesen konnten, Beschaffung der Steuer-ID-Nummer, Arztbesuchen und anderem mehr behilflich sein. Schwierig war es auch, einen zertifizierten Übersetzer für die Geburtsurkunden zu finden. Diese Menschen werden mit der gleichen umfangreichen Bürokratie wie deutsche Bürger konfrontiert, ohne zu bedenken, dass sie damit überfordert sind.
Gemeinsam nahmen wir an einer interreligiösen Gebetsstunde für alle Opfer von Krieg, Terror und Vertreibung nach den Attentaten von Paris mit jüdischen, muslimischen, orthodoxen und christlichen Geistlichen teil.
Diese Woche besuchten wir zusammen eine Kinoveranstaltung der Organisation „adopt a revolution“, die Kurzfilme syrischer Regisseure in arabischer Sprache mit deutschen Untertiteln zeigte. Der Austausch darüber ist etwas schwierig, so gut sind die Deutschkenntnisse noch nicht. Wir versuchen gerade über unseren Bekanntenkreis eine Arbeitsmöglichkeit für den Mann zu finden. Er ist von Beruf Goldschmied und hatte eine eigene Werkstatt mit Geschäft in Aleppo. Haus und Laden sind zerbombt, der ältere Sohn wurde verschleppt. Seit drei Jahren gibt es kein Lebenszeichen von ihm.
Eine Schwester der Frau lebt mit Familie in Jena. Ihr Mann ist Architekt und hat den ersten Deutschkurs schon bestanden. Da er Englisch und Französisch kann, war es erheblich leichter, Deutsch zu lernen. Gemeinsam haben wir auch diese Familie besucht. Das Interesse, sich in Deutschland einzuleben ist groß und es kam zu guten Gesprächen. Die kleine Mariam
(8 Jahre) geht in die Schule und spricht auch schon recht gut deutsch. Sehr angetan waren wir von der syrischen Küche, mit der wir immer wieder verwöhnt wurden. Wir erleben auch eine große Dankbarkeit für jedes Entgegenkommen.
Sicher haben nicht alle Deutschen so positive Erfahrungen mit Flüchtlingen und hier lebenden Ausländern. Um so mehr ist es mir ein Bedürfnis, von unseren so guten Erfahrungen zu berichten.
In einem Haus unserer Kirchengemeinde lebt jetzt eine syrische Flüchtlingsfamilie, die in diesen Tagen ein Baby erwartet. Kinderbett, Wagen und Ausstattung wurden bereitwillig gespendet. Die Anteilnahme ist groß.
Uns machen diese Begegnungen viel Freude und wir erleben sie als Bereicherung.
Ich möchte allen Mut machen. Wenn viele Menschen zu persönlichen Kontakten bereit sind, kann Integration gelingen.

Elisabeth Maulhardt

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