Meine (EINSer) Labyrinth-Erfahrung

Ich glaube, ich bin an diesem Wochenende (Am. d.Redaktion: Der Jahrestagung 2015) während der Thomasmesse das erste Mal in meinem Leben bewusst durch ein Labyrinth gegangen. Gesehen habe ich diese Dinger schon oft, bei Enneagrammtagungen, Männertreffen, oder auch sonst schon mal. Auch fotografiert habe ich sie, ihre Muster regen an, verschiedene Bildkompositionen auszuprobieren. Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich den Unterschied zwischen einem klassischen Labyrinth und einem Irrgarten bewusst aufgenommen habe. Bestimmt hatte ich ihn früher schon mal gehört, aber er ist mir nie so recht ins Bewusstsein gekommen, es hat mich auch nicht weiter interessiert.

Der Freiraum während der Thomas Messe führte mich an die frische Luft, die Sonne wirkte einladend und warm. Als ich nach einer Zeit des in mich Hineinhorchens vom Stuhl aufstand, war der Gedanke da, das Labyrinth mal ganz bewusst durchgehen zu wollen.

Das Labyrinth verwirrt mich nicht, es bringt mich zur Ruhe, führt an ein Ziel, führt zur Mitte, aus der heraus ich den gleichen Weg zurück gehen muss, um danach wieder ohne sichtbare Grenzen in alle Richtungen laufen zu können.

Ich bin sehr langsam und bewusst zur Mitte gegangen, obwohl das eigentlich nicht ganz der Wahrheit entspricht. Ich habe nämlich beim Laufen nicht an die Mitte gedacht, habe mich einfach auf den Weg eingelassen. Andere Menschen kamen nah an mir vorbei und waren auf einmal wieder an einem ganz anderen Ende, weit weg von mir. Diejenigen die deutlich früher ins Labyrinth gegangen sind, kamen mir sogar auf der gleichen Spur entgegen, wir mussten Platz füreinander schaffen, uns schmal machen, gegenseitig vorbei lassen. Wir hätten uns natürlich auch berühren oder in den Arm nehmen können in diesem Augenblick, aber ich bin ausgewichen, wollte andere nicht ablenken auf ihrem Weg.

Und dann stand ich auf einmal wirklich in der Mitte. Auch andere standen schon dort. Die Sonne schien mir ins Gesicht, ich hab die Augen geschlossen und ihre Wärme genossen. Bin einfach dagestanden und habe in mich hinein gehört. Die Wärme war nicht nur außen, ich konnte sie auch innen spüren. Diese Verbundenheit mit den anderen Menschen, die ebenfalls durchs Labyrinth gingen. Die Geräusche kamen ganz nah und entfernten sich wieder, manchmal gleichzeitig von mehreren Seiten. Ich bin einer unter vielen anderen Menschen, bin mit ihnen verbunden und bin doch ganz bei mir. Ich stehe in der Mitte und die anderen kreisen um mich herum. Und andere stehen gemeinsam mit mir in der Mitte, sie gehen wieder los und neue kommen hinzu. Ich stehe lange, habe tiefen Frieden in mir.

Dann entscheide ich mich bewusst, die Augen wieder aufzumachen und hinzuschauen, wer jetzt mit mir im Labyrinth unterwegs ist, wieder aus dem Inneren ins Äußere zu gehen, meinen Rückweg anzutreten, den gleichen, den ich gekommen bin. Jetzt kreise ich um die anderen, die gerade in der Mitte stehen. Ob sie das Gleiche spüren wie ich? Aber egal wie es ist, jeder geht seinen eigenen Weg und ist in seiner eigenen Art mit sich und den Anderen verbunden.

Es war eine tiefe Erfahrung, die meine eigene Sehnsucht nach Nähe und tiefer Einheit, aber auch nach Autonomie und Freiheit spürbar werden ließ.
Markus Caspari

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