Auf den Spuren des Enneagramms 1

Johannes Bartels
Teil I:
Das Enneagramm Gurdjieffs:
Eine ganze Heilsgeschichte in einem Zeichen

Woher kommt das Enneagramm? Dieser ebenso spannenden wie schwierigen Frage geht Johannes Bartels im Rahmen einer kleinen Serie in dieser und den folgenden Ausgaben von EnneaForum nach: „Auf den Spuren des Enneagramms“. Der älteste sichere Beleg des Enneagramms entstammt der Lehre Georg Iwanowitsch Gurdjieffs, eines „Magiers, Mystikers und Menschenfängers“ aus dem Kaukasus.

Ob bei mittelalterlichen Derwischen oder bei christlichen „Wüstenvätern“ des vierten Jahrhunderts, ob bei Pythagoras oder Homer oder gar bei den Chaldäern um 3500 vor Christus (!) – überall meint man, Vorstufen des Enneagramms zu finden. Und in der Tat erweisen sich manche Teilideen des Enneagramms als sehr alt. Doch all diese Vorstufen sind noch nicht das Enneagramm selbst. „Enneagramm“ bedeutet wörtlich nichts anderes als „Neunerfigur“, und daher liegt das fertige Enneagramm m.E. erst dann vor, wenn wenigstens die Geometrie des Neunecks komplett ist.

Das in diesem Sinne fertige Enneagramm ist nicht vor 1916 öffentlich bekannt geworden. 1916 ? in diesem Jahr hat der Kaukasier Georg Iwanowitsch Gurdjieff das Enneagramm erstmals seinen Schülern in Petersburg vorgestellt, wie wir aus den Mitschriften von P.D.Ouspensky wissen. Möglicherweise ist das Enneagramm schon vorher bekannt gewesen. Doch das zu belegen ist bisher – trotz intensiven Suchens – noch niemandem gelungen. Und solange die Belege fehlen, bleiben solche Vorschläge spekulativ. Und solange beginnt der Enneagrammfaden also bei Gurdjieff.

Wer war Gurdjieff?

Gurdjieff wurde wahrscheinlich 1866 im russischen Alexandropol nahe der türkischen Grenze geboren.1 1878 siedelte seine Familie in die kurz zuvor russisch gewordene Stadt Kars über, ein Gebiet, in dem aufgrund seiner wechselhaften Geschichte christliche, armenische, assyrische, islamische und zoroastrische Elemente einander beeinflußten. Als Dreizehnjähriger wurde Gurdjieff von einem russisch-orthodoxen Priester unterrichtet, der auf ihn aufmerksam geworden war. Als sein Mentor einen langen krankheitsbedingten Urlaub antrat, ging Gurdjieff nach Tiflis, studierte dort aber nicht, wie geplant, Theologie, sondern arbeitete als Heizer bei der Transkaukasischen Eisenbahngesellschaft – ein Beruf, der nur der erste von vielen verschiedenen Tätigkeiten bleiben sollte, die Gurdjieff im Laufe seines Lebens ausübte. Sein Interesse für Religion und Philosophie bewahrte er sich jedoch, und so verbrachte er einen großen Teil der nächsten dreißig Jahre mit verschiedenen Pilgerreisen und „Expeditionen“, wie er sich gerne ausdrückte, in den nahen, mittleren und fernen Osten. Bevorzugte Reiseziele waren sufistische und buddhistische Klöster. Gurdjieff hat später seine Spuren in diesem für uns so wichtigen Lebensabschnitt verwischt, und so tappen wir bei der genauen Lokalisierung so mancher Reisestation im Dunkeln. Das betrifft leider auch die Reise in jenes „Kloster Sarmung“, wo Gurdjieff angeblich auf das Enneagramm gestoßen ist. Nach der Beschreibung dieser Reise, die uns Gurdjieff hinterlassen hat, wurde er mit verbundenen Augen auf einem zwölftägigen Ponytreck von Buchara aus zum Derwisch-Kloster Sarmung geführt. Der Bericht von dem dortigen Aufenthalt erwähnt jedoch das Enneagramm mit keinem Wort – wohl aber die „Heiligen Tänze“, die in Gurdjieffs späterem Wirken eng mit dem Enneagramm verbunden sind. Die ganze Geschichte von dem Besuch bei den Sarmung-Derwischen mutet so mythisch an, daß einige Kommentatoren dafür plädieren, sie nicht wörtlich, sondern allegorisch zu verstehen. Ein aus dem Jahre 1965 datierender Bericht des britischen Majors Desmond Martin von einer Reise zu einem nordafghanischen Derwisch-Orden deutet aber immerhin darauf hin, daß die Enneagramm-Figur in dieser Gegend heute bekannt ist – die Frage ist nur, ob dies auch schon für die Zeit zutrifft, bevor Gurdjieff die Verbreitung des Enneagramms in Gang setzte.2 Ob Gurdjieff das Enneagramm nun von den Derwischen übernommen hat oder nicht – sicher ist jedenfalls, daß er es mit einer eigenen Deutung versehen hat.

Ab 1915 gewinnt Gurdjieffs Leben für uns deutlichere Konturen. Denn in diesem Jahr traf er in Moskau auf den Mann, der bald sein eifrigster Schüler werden sollte und der der Nachwelt seine sorgfältigen Aufzeichnungen der „Vorlesungen“ Gurdjieffs überlassen hat: Piotr Demianowitsch Ouspensky (1878?1947). Ouspensky war Philosoph und Journalist und seit einiger Zeit „auf der Suche nach dem Wunderbaren“ – so der Titel seines opus magnum, in dem Gurdjieff die Hauptrolle spielt.3 In Gurdjieffs Person und Lehre meinte Ouspensky jenes Wunderbare zu finden, das er gesucht hatte. Wie aus den Aufzeichnungen Ouspenskys hervorgeht, sammelte Gurdjieff in Moskau wie auch in Petersburg mehrere Schüler um sich, denen er ein umfassendes esoterisches „System“ nahebrachte, das kosmologische, alchemistische und numerologische Elemente ebenso beinhaltete wie anthropologische und psychologische Lehrstücke. Das Enneagramm, mit dem sich das Petersburger Kolleg 1916 zu beschäftigen begann, berührt alle diese Bereiche gleichermaßen.

Durch den ersten Weltkrieg wurden Gurdjieff und seine Schüler gezwungen, Rußland zu verlassen. Nach einer langjährigen Odyssee durch den Kaukasus über Tiflis landete Gurdjieff schließlich 1922 in Frankreich und erwarb ein Schloß bei Paris, um dort sein „Institut zur harmonischen Entwicklung des Menschen“ aufzubauen. Die finanziellen Mittel für dieses Projekt erhielt Gurdjieff zum einen von – in erster Linie suchtkranken – Privatpatienten, die er durch Hypnose therapierte, zum anderen aus großzügigen Spenden vermögender SchülerInnen. Die folgenden Jahre brachten internationalen Zulauf und wiederholte Vortragsreisen in die usa. Unter Gurdjieffs SchülerInnen befanden sich sowohl Prominente und Intellektuelle aus Westeuropa und den usa als auch verarmte russische EmigrantInnen. Die theoretische Lehrtätigkeit wich nun mehr und mehr einem Programm, das neben schwerer körperlicher Arbeit und rituellen Festmählern auch die sogenannten „Gurdjieff movements“, physisch-mentale Übungen zur Förderung eines konzentrierten, wachen Bewußtseins, beinhaltete. Einer ähnlichen Zielsetzung dienten auch die „Heiligen Tänze“, die bis zur Perfektion einstudiert wurden. Im Zusammenhang mit diesen Tänzen tauchte nun das Enneagramm wieder auf, und zwar als choreographische Grundfigur: „Auf den Boden der Halle, in der die Übungen stattfanden, wurde ein großes Enneagramm gezeichnet, und die an den Übungen teilnehmenden Schüler standen an den Stellen, die mit den Zahlen 1 bis 9 bezeichnet waren. Und dann begannen sie sich…in einer sehr interessanten Bewegung zu bewegen, wobei sie sich an den Treffpunkten umeinander drehten, das heißt an den Punkten, wo sich im Enneagramm die Linien kreuzten.“ (S.433f)

Gurdjieff starb 1949 in Paris. In der Erinnerung vieler blieb er ein wichtiger Vermittler zwischen östlichem und westlichem Denken, zwischen östlicher und westlicher Religiosität. „Sowohl im Werk dieses Mannes als auch in seinem Denken – in dem, was er tat, und in der Art, wie er es tat – begegnet der Okzident wirklich dem Orient.“4

Was bedeutet nun Gurdjieffs Enneagramm?

Zuallererst ist festzustellen, daß das Enneagramm, obwohl es heute fast ausschließlich als Charaktertypologie verstanden wird, für Gurdjieff mit einer solchen Typologie nichts zu tun hatte. Das Enneagramm als Typologie haben einige Jahrzehnte später erst Rodney Collin und dann vor allem Oscar Ichazo entwickelt. Für Gurdjieff symbolisierte das Enneagramm keine Charaktertypologie, sondern – in erster Linie jedenfalls – eine esoterische Heilslehre.

Bekanntlich besteht das Enneagramm aus einem unregelmäßigen Sechseck, einem regelmäßigen Dreieck und einem Kreis, der die anderen beiden Figuren umschließt. Alle drei Elemente haben jeweils ihre eigene Bedeutung. Kurz gesagt steht das Hexagramm für die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen, das Dreieck für den rettenden Ausweg und der Kreis schließlich für das Ziel der vollendeten Erlösung. Das Enneagramm Gurdjieffs beinhaltet also eine komplette „Heilsgeschichte“, die ihren Ausgang bei der Misere des Menschen nimmt und durch die Krise hindurch zur Erlösung führt.

Beginnen wir mit dem zuletzt genannten Element, dem Hexagramm. Merkwürdigerweise steht es bei Gurdjieff, obwohl es nur sechs Ecken hat, für das „Gesetz der Oktave“. Nun besteht eine Oktave zwar aus acht Tonschritten, doch dazwischen liegen sieben Intervalle. Daher bezeichnet Gurdjieff das Oktavgesetz auch als „Gesetz der Sieben“. Und trotzdem fehlt dem Sechseck noch eine Ecke, um das Oktavgesetz bildlich zu repräsentieren. Eigentlich müßte das Gesetz der Sieben durch ein Siebeneck dargestellt werden und nicht durch ein Sechseck. Doch Gurdjieff läßt sich davon keineswegs in Verlegenheit bringen. Die sechs Ecken des Hexagramms liegen auf den Punkten 1, 2, 4, 5, 7 und 8 der in neun Abschnitte unterteilten Kreislinie. Der Punkt, der dem Hexagramm fehlt, um die Sieben vollzumachen, wird nun einfach aus dem Dreieck entnommen. Es handelt sich dabei um Punkt 9, der ganz oben auf dem Kreis liegt. Er stellt den Grundton der Tonleiter dar, also einerseits c und andererseits das oktavierte c, während die dazwischen liegenden Töne, also d, e, f, etc., durch die sechs Punkte des Hexagramms symbolisiert werden.

Die Bedeutung des Oktavgesetzes ist nun freilich noch komplizierter als seine bildliche Darstellung. Gurdjieff versteht das Oktavgesetz in erster Linie als „Prinzip der Kraftabweichung“. Das Prinzip der Kraftabweichung bestimmt die „Unstetigkeit von Schwingungen“ und konstatiert, „daß es das bestimmte und notwendige Kennzeichen aller in der Natur vorkommenden Schwingungen ist, gleich, ob sie auf- oder absteigen, daß sie sich nicht einförmig, sondern mit periodischer Beschleunigung und Verlangsamung entwickeln“ (S.179). Als Beispiel führt Gurdjieff die sich unregelmäßig verändernde Frequenz innerhalb einer Tonleiter an (S.180-185). So wie sich diese Frequenz nicht linear von Tonschritt zu Tonschritt erhöht oder reduziert, so gibt es in der Natur überhaupt keine geradlinigen Prozesse, sondern nur abgelenkte. Die Irritation kann dabei soweit gehen, daß ein Impuls letztlich in der gegenteiligen Richtung fortwirkt, in der er begonnen hat.

So ist es auch mit dem Tun des Menschen. Alle unsere Tätigkeiten unterliegen an bestimmten Punkten unbemerkten Störungen (S.186). Wir beginnen etwas, stoßen auf Hindernisse, lassen uns davon ablenken und landen unversehens an einem Punkt, der mit der ursprünglichen Intention nichts mehr zu tun hat. Diese Kraftabweichung aber ist nichts anderes als der Ausdruck unserer Unfreiheit. Die menschliche Willenskraft ist meistens schlicht zu schwach, eine Intention gegen Hindernisse durchzusetzen. Wir handeln nicht bewußt, sondern „mechanisch“ – ja, im unerwachten Stadium ist der Mensch nichts anderes als eine „Maschine“ (S.24). Der unbewußte, schlafende Mensch ist ein chaotisches Bündel aus einer Vielzahl konkurrierender „Ichs“, von denen sich bald dieses durchsetzt und bald jenes (S.84f). Nur der erwachte Mensch ist frei. Nur er kann aus eigenem Entschluß handeln, nur er ist verantwortlich (S.26). Und nur er stellt eine in sich einheitliche Person dar.

Im Enneagramm verbindet Gurdjieff das „Gesetz der Sieben“ mit dem „Gesetz der Drei“.

Doch wie kann der Mensch erwachen? Die Antwort auf diese Frage wird symbolisch durch das nächste Element des Enneagramms, das Dreieck, gegeben.

Für Gurdjieff verbildlicht das Dreieck das „‚Gesetz der Drei‘ oder das Gesetz der drei Prinzipien oder der drei Kräfte. … Die erste Kraft kann man aktiv oder positiv nennen, die zweite passiv oder negativ; die dritte neutralisierend“ (S.111f).

Gurdjieff bezieht das Gesetz der Drei nun ausschließlich auf die spirituelle Entwicklung des Menschen. In dieser Hinsicht besagt das Gesetz der Drei, daß jede spirituelle Höherentwicklung auf eine dritte, vermittelnde Kraft angewiesen ist. Die „dritte Kraft“ eröffnet den Weg zur Freiheit. Sie ist, bildlich gesprochen, das Einfallstor des Göttlichen im Menschen. Ohne das Hinzutreten der dritten Kraft halten sich Impuls und Gegenimpuls die Waage, und es kommt leicht zum Stillstand, zum mechanischen, willenlosen Funktionieren (S.113).

Durch das Widerspiel miteinander konkurrierender Neigungen bzw. durch das Gegeneinander unterschiedlicher „Ichs“ blockiert sich der Mensch selbst. Diese Selbstblockade kann nur durch sogenannte „zusätzliche Schocks“ aufgebrochen werden. „Schock“ ist Gurdjieffs drastischer Ausdruck für eine Art Impuls, der dann entsteht, wenn die „Eindrücke“ der dritten Kraft aufgenommen werden. Die dritte Kraft ist auf verborgene Weise immer präsent, aber sie wird nur dann wirksam, wenn sie willentlich wahrgenommen wird. Der dadurch entstehende Schock unterbricht den normalerweise wirksamen blinden Automatismus und führt zur Überwindung der Selbstblockade (S.273f).

Wenn man sich im Augenblick des Eindrucks selbst beobachtet, wenn man also nicht nur den Eindruck selbst zur Kenntnis nimmt, sondern sich zugleich bewußt ist, daß man gerade einen solchen Eindruck hat, verstärkt sich dieser Eindruck noch. In dem Fall spricht Gurdjieff von einem „bewußten Schock“ im Unterschied zum bloß „mechanischen Schock“ niederer Ordnung (S.267–279).

Daß es zwei unterschiedliche Arten von Schockerfahrung gibt, ist für die Geometrie des Enneagramms nicht unerheblich, denn die beiden Schocks werden nun den zwei noch verbleibenden Eckpunkten des Dreiecks zugeordnet, also den Punkten 3 und 6. Daraus ergibt sich das vollständige Enneagramm-Symbol:

Punkt 9, der ganz oben auf der Kreislinie liegt, verbindet also das Oktavgesetz mit dem Gesetz der Drei. Damit bildet er zugleich das Scharnier zwischen dem Natürlichem und dem Göttlichen, zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Körper und Seele.

Bleibt noch der Kreis, das dritte Element des Enneagramms. Im Sufismus (und in manch anderer Religion) steht der Kreis traditionell für die Idee der Vollkommenheit. Seine Form repräsentiert vollendete Integrität. Gurdjieff beschreibt dies so: Der Kreis „enthält, von seiner Umgebung abgesondert, in sich alles für das eigene Dasein Notwendige“ (S.423).

Hinzu kommt ein Zweites: Der Kreis ist für Gurdjieff das Sinnbild „eines ewig wiederkehrenden und ununterbrochen fließenden Vorgangs“ (S.423). Er ist ein Symbol zyklischen, nicht-linearen Denkens. Er veranschaulicht die Prozeßhaftigkeit der Wirklichkeit, die Gurdjieff immer wieder gegen die dualistische, lineare Weltanschauung der modernen Wissenschaft behauptet. Zwar gibt es auch in Gurdjieffs Weltbild Fortschritt und Entwicklung; und wie ich gezeigt habe, soll das Enneagramm ja verdeutlichen, wie echte Entwicklung trotz der gesetzmäßigen „Kraftablenkung“ möglich ist. Doch dieser Fortschritt beschreibt den Weg einer Spirale. Es ist der Fortschritt von einer Stufe zu ihrer nächsthöheren Oktave, und von dieser wiederum zur nächsten, etc. Das Enneagramm ist daher „ein Diagramm der dauernden Bewegung“ (S.433).

Was hier letztlich zum Ausdruck kommt, ist ein prozessuales Erlösungsverständnis. Prozessual von einer Stufe zur nächsten erwacht der Mensch zum Göttlichen. Dabei bleibt er zwar auf die Hilfe der „dritten Kraft“ angewiesen. Doch die Impulse dieser Kraft sind nichts anderes als katalysierende Effekte, die dem Menschen helfen, seine eigenen Willensimpulse gegen das Gesetz der Kraftabweichung durchzusetzen. Die dritte Kraft zeigt sich in Form von „Schockerfahrungen“, aber sie ist letztlich eine kooperative Kraft, die an das Streben des Menschen anknüpft und es zur Vollendung führt. Das Göttliche ist bereits im Menschen angelegt. Es muß nicht erst in den Menschen hineingelegt, es muß vielmehr freigelegt werden. Das Enneagramm ist in diesem Sinne das Symbol einer schrittweisen Entwicklung zum „Großen Tun“, Gurdjieffs Metapher für die wahre Freiheit des Erwachten.

Es sei noch einmal betont, daß das Enneagramm für Gurdjieff also keine Typologie ist. Zur Typologie ist es erst später geworden. Allerdings ist diese Entwicklung bereits von Gurdjieff vorbereitet worden. Zwar kannte auch Gurdjieff eine Art Charakter-Typologie. Doch die ist eher poetisch als wörtlich zu verstehen. Es handelt sich dabei um eine Typologie des „Idiotentums“, welche 21 (also nicht 9!) Kategorien von Idioten unterscheidet, z.B. „gewöhnliche“, „hoffnungslose“ oder „mitfühlende“ Idioten, aber auch „runde“ oder „Zickzack-Idioten“. Mit den Persönlichkeitstypen des modernen Enneagramms hat die Theorie des Idiotentums jedenfalls gar nichts zu tun.

Wichtiger erscheint mir in diesem Zusammenhang Gurdjieffs Lehre vom „Hauptzug“ oder, was dasselbe ist, vom „Hauptfehler“ eines Menschen: „Jeder Mensch hat in seinem Charakter einen bestimmten Zug, der gewissermaßen sein Zentrum ausmacht. Er ist wie eine Achse, um die sich seine ganze ‚falsche Persönlichkeit‘ dreht. Die persönliche Arbeit jedes Menschen muß darin bestehen, gegen diesen Hauptfehler anzukämpfen“ (S.331).

Eindrücklich veranschaulichte Gurdjieff bisweilen in seinen Petersburger und Moskauer Kollegs, wie er sich derartige Hauptzüge vorstellt. So berichtet Ouspensky: „‚Zum Beispiel Soundso‘, er nannte einen unserer Gruppe. ‚Sein Hauptzug ist, daß er nie zu Hause ist.‘ … Einem anderen sagte er, sein Hauptzug sei eine Neigung, mit jedem über alles zu streiten. ‚Aber ich streite doch nie!‘ antwortete der Mensch sehr heftig. Niemand konnte umhin, zu lachen.“ Wieder einem anderen „sagte G., er habe kein Schamgefühl, und sofort machte dieser einen ganz komischen Witz über sich selbst“ (S.393f). Diese Charakterisierungen weisen bereits deutlich in die Richtung dessen, was von Vertretern des modernen Enneagramms als „Leidenschaft“ (Ichazo) oder „Wurzelsünde“ („jesuitische Tradition“) bezeichnet wird. Gurdjieff hat diese Beobachtungen jedoch nie systematisiert. Vielmehr scheint er sich dabei ganz auf seine besondere Intuition verlassen zu haben.

Was ist aus Gurdjieffs Enneagramm heute zu lernen?
Zunächst einmal kommen wir nicht umhin wahrzunehmen, daß das Enneagramm in der ältesten für uns greifbaren Version eine esoterische und teilweise sehr merkwürdige Heilslehre darstellt. Gurdjieffs These, wir seien unfrei, da wir uns oft selbst blockieren und im Wege stehen, leuchtet ja durchaus ein. Doch die Merkwürdigkeiten beginnen schon bei der Geometrie: Da fehlt dem Sechseck ein Punkt, um das Gesetz der Sieben zu verbildlichen, und kurzerhand wird dem Dreieck daraufhin ein Punkt „geklaut“. Doch auch die Bedeutung des Zeichens ist problematisch: Da ist die Rede von „mechanischen“ und „bewußten Schocks“, die zur Erlösung führen sollen. Ich will gar nicht leugnen, daß Schockerfahrungen eine heilsame Wirkung haben können. Doch Gurdjieff baut diese Einsicht zu einem komplexen esoterischen System aus, und wer die Geheimformel kennt, kann seine spirituelle Entwicklung steigern, indem er „mechanische Schocks“ durch besondere Aufmerksamkeitszuwendung in „bewußte Schocks“ umwandelt. Der Vorwurf der Selbsterlösung, den das Enneagramm immer wieder auf sich zieht ist hier, bezogen auf Gurdjieffs Fassung, jedenfalls angebracht. Schockerfahrungen, Selbsterkenntnis und dergleichen können uns bestenfalls die Einsicht bringen, daß und inwiefern wir der Gnade bedürfen ? doch sie vermitteln nicht selbst schon Gnade. So wichtig die persönliche Aneignung der Gnade ist ? sie kommt doch letztlich von außen zum Menschen und erwächst ihm nicht aus seinem Inneren.

Nun dürfte das Enneagramm Gurdjieffs für die meisten Leserinnen und Leser von EnneaForum keine große Rolle spielen. Trotzdem glaube ich, daß aus den vorangegangenen Überlegungen auch für das Verständnis des christlich „getauften“ Enneagramms etwas zu lernen ist. Wenn Gurdjieff seine Lehre in die Geometrie des Enneagramms geradezu hineingepreßt hat, so gilt das erst recht für das Enneagramm der Persönlichkeitstypen. Die neun Typen haben mit der Geometrie des Enneagramms ursprünglich nichts zu tun. Man sollte die Geometrie daher auch nicht allzu wichtig nehmen. Die zahlreichen und teilweise diametral entgegengesetzten Theorien über Flügel-, Trost- und Streßpunkte beispielsweise verdanken sich m.E. letztlich der Tatsache, daß die vorgegebene Enneagramm-Figur zu einer Charaktertypologie umgedeutet worden ist, die sie ursprünglich nicht war.

Ebenso hat übrigens die Warnung vor dem aussichtslosen Versuch der Selbsterlösung ihre Gültigkeit auch für den Umgang mit dem Enneagramm der Persönlichkeitstypen: Die Selbsterkenntnis, die mit Hilfe des Enneagramms möglich ist, führt nicht automatisch zur Erlösung. Erlösung geschieht erst in der Begegnung mit dem bedingungslos liebenden und vergebenden Gott.

Johannes Bartels ist Theologe, wohnt in Halle an der Saale und schreibt an einer Doktorarbeit über das Enneagramm im Kontext religiöser Erwachsenenbildung.

Anmerkungen

  1. Das Geburtsdatum Gurdjieffs ist umstritten. Alternative Datierungen schlagen 1872, 1874 und, meistens, 1877 als Geburtsjahr vor. Zur Diskussion der verschiedenen Datierungen vgl. die solide recherchierte Biographie James Moore, Georg Iwanowitsch Gurdjieff: Magier, Mystiker, Menschenfänger. Eine Biographie, Bern 1992, S.351f.
  2. Immerhin haben wir den Bericht von einem Besuch Gurdjieffs bei einem Großscheich des Naqshbandi-Ordens, bei dem sich Gurdjieff offenbar sehr für die Sufi-Tradition der „Neun Punkte“ interessiert hat, vgl. Shaykh Muhammad Hisham Kabbani, The Naqshbandi Suf Way. History and Guidebook of the Saints of the Golden Chain, Chicago 1995, S.360f. Die zeitlichen und örtlichen Bedingungen dieses Besuches lassen sich mit Gurdjieffs vagen Angaben in etwa vereinbaren. Eine äußerst knappe Skizze des Sufi-Enneagramms, wie Gurdjieff es angeblich von seinen Naqshbandi-Lehrern gelernt hat, findet sich in Enneagram Monthly October 1997 S.10.
  3. P.D.Ouspensky, Auf der Suche nach dem Wunderbaren. Perspektiven der Welterfahrung und der Selbsterkenntnis, Bern/München/Wien 1966. Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf Ouspenskys Buch.
  4. Aus dem Nachruf des amerikanischen Architekten und Gurdjieff-Schülers Frank Lloyd Wright, zitiert in Georg Iwanowitsch Gurdjieff, Begegnungen mit bemerkenswerten Menschen, Basel 1992, S.16.

[aus: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 17-21

Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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