In der mündlichen Tradition

Interview mit Jürgen Gündel

Informationen zur Person: vh., Jahrgang 1956, Diplom-Psychologe und psychologischer Psychotherapeut, lehrender Transaktionsanalytiker, tätig in psychologischer und Ausbildungs-Praxis bei Mannheim

Buch: Jürgen Gündel, Das Enneagrammm – die 9 Typen der Persönlichkeit, Heyne 1997 (Leider ist das Buch vorübergehend nur beim Autor erhältlich oder in Buchhandlungen vorrätig, die per Internet unter „Gündel + Enneagramm“ herausgefunden werden können.)

Der Verein: EMT (EnneagrammlehrerInnen in der mündlichen Tradition). Veranstaltungshinweise und Kontaktadresse für Informationen finden sich im Veranstaltungskalender von EnneaForum.

EnneaForum: Jürgen, du hast im Rahmen des diesjährigen Mitgliedertreffens des ÖAE eine Einführung in die mündliche Tradition der Vermittlung des Enneagramms gegeben. Wie gestaltet sich die Art der Vermittlung?

Jürgen Gündel: Vom Praktischen her sieht das so aus, daß wir in einem Podiumsgespräch vier oder fünf VertreterInnen eines Typus nach vorne bitten und sie darüber befragen, wie die Welt durch ihre Augen betrachtet aussieht. Die dem zugrunde liegende Pholosophie ist die, daß nicht so sehr der Enneagrammlehrende das Wissen über die neun Typen hat, sondern vielmehr die SprecherInnen als die lebenden Experten des jeweiligen Typus zu gelten haben.

EnneaForum: Was hat dich veranlasst, nach der Methode Helen Palmers und nicht anders mit dem Enneagramm zu arbeiten? Was ist für Dich persönlich – sowohl in der Rolle des Interviewers, aber auch in der des Teilnehmers – bereichernd, faszinierend, überzeugend daran?

Jürgen Gündel: Bereits als ich Helen Palmer zum ersten Mal mit dieser Vermittlungsmethode das Enneagramm lehren sah, beeindruckte mich sehr, welche Mengen von Wissen auf diese Art transportiert wird – durch verschiedene Kanäle: verbal, durch Gestik, Mimik, Intuition usw. – und einer Zuhörerschaft zugänglich gemacht werden kann. Heute beeindruckt mich darüber hinaus die Wirkung, die die Teilnahme an diesen Interviewpodien auf die SprecherInnen selbst hat: Es macht ihnen über längere Zeit die Automatismen ihrer Persönlichkeit so bewußt, daß es ihnen immer leichter fällt, diese auch mal loszulassen.

EnneaForum: Was kann ein Sich-Auseinandersetzen mit dem eigenen Muster im Rahmen eines „panels“ (Podiums) leisten, was nicht?

Jürgen Gündel: In der Enneagrammarbeit hängt vieles davon ab, sich auf unterschiedlich tiefen Ebenen der unbewußten Elemente des eigenen Musters bewußt zu werden. Die Podiumsarbeit ist eine Methode der Bewußtwerdung, allerdings noch auf einer recht oberflächlichen Ebene. Diese reicht zwar bereits aus, um z.B. die eigenen privaten und beruflichen Beziehungen verbessern zu helfen. Eine wirklich tiefgehende Transformation, oft allerdings nur für Sekunden spürbar, geschieht erst, wenn wir mit unserem „inneren Beobachter“ wach in unsere emotionale Fixierung (Leidenschaft, Sünde etc.) „hineingehen“. Dadurch kann – scheinbar paradoxerweise – Veränderung auf einer tieferen Ebene geschehen.

EnneaForum: … und wenn jemand unsicher ist, zu welchem Typus er/sie gehört?

Jürgen Gündel: … dann ist die erste Aufgabe, „sich sicher in einem Typus niederzulassen“. Oft reicht das Wissen über einen Typus oder aber die eigene Selbstbeobachtungsfähigkeit noch nicht aus, um den eigenen Typus in der Tiefe zu begreifen. Z.B. bei einer Eins: „Ja, ich habe einen inneren Kritiker, aber Wut kenne ich eigentlich nicht.“ Oder bei einer Zwei: „Ja, ich bin eben hilfreich, aber Stolz – damit hat das doch nichts zu tun. Den kenne ich nicht.“ In diesem Fall braucht die Person eine längere Zeit der Selbstbeobachtung und der Beschäftigung mit dem System, um sich „sicher niederzulassen“. Allerdings habe ich auch Leute getroffen, die genug über das Enneagramm wußten und über genügend Selbstbeobachtung verfügten und trotzdem „ihren“ Typ nicht finden konnten. Denen müssen wir die Freiheit geben, sich aus der Beschäftigung mit dem System zu verabschieden. Wir müssen ja das Enneagramm, so gut es auch ist, nicht zur letzten absoluten Wahrheit für alle verklären. Vielleicht hat es ja nur eine begrenzte Reichweite und erklärt nicht jedem seinen Charakter.

EnneaForum: Du hast dich in deinem 1998 erschienen Enneagrammbuch dazu entschieden, jeden Typus weniger durch ausführliche Beschreibungen als durch eine/n seiner Vertreter/in vorzustellen. Welche Vorteile siehst du darin?

Jürgen Gündel: Mein Buch ist der Versuch, die mündliche Tradition, so wie ich sie von Helen Palmer kennengelernt habe, als Illustration und ersten Geschmack für ein lesendes Publikum in die Buchform zu übersetzen. Unnötig zu sagen, daß das nicht die mündliche Tradition ist, die ja auf der persönlichen Anwesenheit von Sprecherinnen beruht, sondern nur ein erster Appetithappen, der vielleicht Lust macht, die mündliche Tradition live zu erleben.

(Anmerkung der Redaktion: Das Buch hebt sich m.E. von den gängigen Beschreibungen dadurch ab, dass es statt des „allgemein Typischen“ das Spezielle in den Blick nimmt. Diese scheinbare Beschränkung auf nur eine interviewte Person gibt

dieser die ihm gebührende Wertschätzung,
mindert die Gefahr des Schubladendenkens, gibt
aller grauen Theorie Farbe und erweist sich
für mich als dennoch exemplarisch, denn es sagt sehr wohl etwas allgemein Typisches aus – abgelesen an einer individuellen Geschichte.
Damit ist das Buch für mich eine notwendige und willkommene Ergänzung zu dem bisherigen Spektrum an Literatur.)

EnneaForum: Seit einigen Jahren gibt es a) die Gesellschaft für Enneagrammstudien in Mannheim, b) eine Ausbildungsmöglichkeit und c) einen jungen Verein, den EMT (Enneagramm in der Mündlichen Tradition), dessen 1. Vorsitzender du bist. Was geschieht in dem Institut, wie viele zertifizierte LehrerInnen gibt es, wie ist der Mitgliederstand, wo seht ihr eure Ziele?

Jürgen Gündel: Zu a) Die Gesellschaft für Enneagrammstudien (Gündel, Häg und Moore) organisiert Seminare und Einzelarbeit mit dem Enneagramm, vorwiegend in der mündlichen Tradition nach Helen Palmer. Zu b) Unter anderem führen wir das „Enneagramm Professional Training nach Helen Palmer“ durch, im Sommer mit Helen Palmer persönlich. In diesem Training trainieren wir einige der Fähigkeiten, von denen wir annehmen, daß eine/r gute/r Enneagrammlehrer/in sie haben müßte – die Fähigkeit, Interviewpodien selbst durchzuführen, ohne daß die Dynamik des eigenen Typus negativ „dazwischenfunkt“:

die Fähigkeit des „Typisierens“, das heißt einer anderen Person im Gespräch helfen, ihren Typus herauszufinden
Entwicklung erster Strategien und Richtungen zum psychologischen Wachstum der neun Typen und
Kenntnis von Zugangsweisen zu den „Höheren Aspekten“ der neun Typen. Dies alles beinhaltet ein gewisses Maß an Selbsterfahrung und Konfrontation mit dem eigenen Typus, ohne den eine lehrende Person keine gute solche ist.Zu c) Den Verein EMT (z.Zt. 51 Mitglieder) haben wir gegründet, um denjenigen Personen, die in unserem Traning zertifiziert haben, an einem Trainingsabschnitt teilgenommen haben oder sich sonstwie mit der mündlichen Tradition nach Helen Palmer identifizieren, eine Heimat zu geben. Das beinhaltet z.B. Fortbildungen wie die jährliche LehrerInnentagung, die dieses Jahr in Zürich stattfinden wird, und die Verbreitung der mündlichenn Tradition an einen interessierten Personenkreis.
EnneaForum: Der ÖAE sieht sich als Verein, der offen ist für Enneagrammarbeit in vielerlei Gestalt und der Austausch über seine Grenzen hinweg pflegen will – z.B. mit dem EMT. Begrüßt der EMT, begrüßt Du persönlich diese Haltung?

Jürgen Gündel: Wie ich auf eurer Jahrestagung, zu der ihr mich eingeladen habt (worüber ich mich sehr gefreut habe), gesagt habe: Unser Verein (EMT) konzentriert sich auf diejenigen, die die mündliche Tradition der Enneagrammvermittlung nach Helen Palmer pflegen und weiterentwickeln wollen, also auf eine der vielen möglichen Vermittlungs- und Umgangsmethoden mit dem Enneagramm. Ich freue mich, daß es mit dem ÖAE einen quicklebendigen Verein mit einer allgemeinren Überschrift „Pflege und Verbreitung des Enneagramm als Selbsterkenntnisinstrument“ gibt. Wenn ihr nicht schon existiertet, man müßte euch gründen!

EnneaForum: Herzlichen Dank, Jürgen, für das informative und interessante Gespräch.

[aus: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 14-16

Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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