Buchbesprechung - Harte Liebe

Suzanne Zuercher
Spirituelle Begleitung. Das Enneagramm in Seelsorge, Beratung und Therapie
München 1999, DM 32,-

Suzanne Zuercher ist unseren LeserInnen durch ihre Beiträge in früheren Ausgaben bereits gut bekannt. 1999 hat Tilmann Haberer ihr zweites Buch über das Enneagramm ins Deutsche übersetzt. Ihr Thema: „spirituelle Begleitung“ – ein Begriff, der spirituelle Seelsorge, Beratung und Therapie zusammenfassen will.

Zuercher wendet sich an diejenigen, die sich von den vielfältigen Hindernissen, einen anderen Menschen wirklich zu verstehen, nicht abhalten lassen, sondern genau und einfühlsam hinhören, ohne dabei sich selbst zu vergessen. „Solche Menschen sind die spirituellen Begleiter und Begleiterinnen dieser Welt. Für sie ist dieses Buch in erster Linie gedacht, daneben auch für die, die von ihnen begleitet werden“ (18).

Die Benediktinerin findet es an der Zeit, daß die Selbsterkenntnis, die viele durch das Enneagramm erlangt haben, über sich selbst hinausgreift und fruchtbar wird für andere Menschen. „Je besser wir uns selbst verstehen, desto besser verstehen wir die anderen.“ (18) Wer sich selbst kennt, kann anderen helfen, ihrerseits durch die Untiefen der Selbsterfahrung zur Freiheit durchzustoßen.

Auf dieses Ziel konzentriert sich Zuercher in ihrem Buch. Konsequent ? und für den Enneagramm-Belesenen sehr wohltuend ? verzichtet sie denn auch darauf, die neun Typen und ihre Dynamik zum fünfhundertsten Mal von a bis z durchzukauen. Vielmehr stellt sie nur die Züge dar, die für die spirituelle Begleitung von Relevanz sind ? sei es auf Seiten der Begleiterin oder des Begleiteten.

Wer sich auf ihre Überlegungen und Erfahrungsberichte einläßt, versteht: Echte Liebe ist ein hartes Geschäft. Und zwar im doppelten Sinne. Einmal kann die Zuwendung eines Seelsorgers für die Ratsuchende zur schmerzhaften Erfahrung werden, wenn der es versteht, sich nicht verwickeln zu lassen in ihre unseligen Strategien, den eigentlichen Problemen immer wieder aus dem Weg zu gehen. Beispielsweise ist besonders für die Beziehungsmenschen unter den Enneagrammtypen die Versuchung groß, auch noch das seelsorgerliche oder therapeutische Gespräch zur Show zu machen und auf wunderbare Weise genau die Gedanken und Gefühle zu produzieren, von denen sie glauben, daß sie dem Begleiter gefallen werden. Wer solche Strategien (womöglich aus eigener Erfahrung) kennt, spielt da nicht mit ? und sorgt dadurch auf Seiten der Ratsuchenden höchstwahrscheinlich für Irritationen.

Zum andern ist wirkliche Zuwendung auch für die Begleiterin kein leichtes Unternehmen, denn auch die partizipiert ja an den spezifischen Defiziten, Ängsten und Abwehrstrategien ihres Typs. So steht etwa eine Zwei ständig in der Gefahr, ihrem Klienten in schwierigen Situationen zu Hilfe zu kommen und ihn zu „retten“, ihm zu schmeicheln oder ihn zu bestätigen – was sich auf dessen therapeutischen Fortschritt kontraproduktiv auswirken wird. Gute spirituelle Begleitung ist also, um einen Begriff von Richard Rohr zu gebrauchen, im Grunde „harte Liebe“.

Man spürt beim Lesen deutlich, daß Zuercher selbst eine erfahrene spirituelle Begleiterin ist. Dazu tragen auch die zahlreichen Zitate von Ratsuchenden und Begleiterinnen bei, die Zuerchers Überlegungen immer wieder illustrieren.

Etwas verwirrend ist Zuerchers Umbenennung der Triaden. Die Triade, die bei Rohr/Ebert die „Herztriade“ ist, heißt bei ihr die „Tattriade“, und die Typen 8, 9 und 1 werden in der Zuercherschen Terminologie zu „Gefühlstypen“. Damit fügt sie den vielen verschiedenen Triaden-Terminologien in der Enneagramm-Literatur eine weitere hinzu. Die Triaden stellen offenbar noch immer ein ungelöstes ? und, wie alle mit der Geometrie des Enneagramms zusammenhängenden Schwierigkeiten, möglicherweise ein unlösbares ? Problem der Enneagramm-Theorie dar.

Trotzdem halte ich Zuerchers Buch insgesamt für recht überzeugend, und ich kann mir gut vorstellen, daß es vielen Begleiterinnen und Begleitern tatsächlich eine Hilfe sein wird.

Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 12

Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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