„Wer vorwärts will, darf nicht zurückblicken“

Gerhard Heck

„Doch je mehr ich … Kindheits- und Lebensgeschichten höre, desto mehr zweifle ich daran, daß aus den Daten und Mitteilungen ein klares Bild vom Werdegang eines Menschen entsteht. Zu sehr gleichen sich die Geschichten der frühen Jahre, aus denen doch ganz verschiedene Problemstränge erwachsen. Zu unterschiedlich berichten Menschen in verschiedenen Lebensphasen über das, was damals war …Zweifellos liegen die Gründe für die Entwicklung eines Menschen auch im Besonderen in dem, was er selbst aus seinem Leben gemacht hat, also in seiner Entscheidungsfreiheit …1“ Die Lektüre dieser Sätze erleichterte mich. Sie ermutigte mich, den Ausweg aus einer Sackgasse zu suchen, in der sich mein Denken seit dem letzten Enneagramm-Kurs befand, den ich gegeben hatte. Wie üblich hatte ich die Entstehung der Typen erklärt als „Notlösungen, die in der frühkindlichen Entwicklung gebraucht werden, um mit der Umwelt zurecht zu kommen.“2 Ein Fallbeispiel sollte veranschaulichen,

  • was ein Kind in Not bringt;
  • wie das Kind sich eine Strategie schafft, um sein Leben zu bewältigen;
  • wie sich diese kindliche Notlösung verallgemeinert zum Lebensstil, gleich Typ, der das Leben des Erwachsenen belasten und zumindest partiell scheitern lassen kann.3

Diese Darstellung stieß auf heftigen Widerspruch meiner TeilnehmerInnen:

  • „Wieso eigentlich soll die frühkindliche Prägung die Entwicklung des Typs veranlassen? Wieso soll sie die gesamte Lebensgeschichte dahingehend beeinflussen, daß sie sozusagen den gesamten Lebensverlauf verursacht?!“ (Kausal-Modell)
  • „Warum soll die Entwicklung des Typs durch fehlerhafte oder fehlende Zuwendung der Eltern/ Erzieher bestimmt sein?!“ (Defizit-Modell)
  • „Wenn Defizite der kindlichen Entwicklung das Leben des Erwachsenen so sehr belasten, dann wird man ja als Erwachsener zum Opfer seiner Kindheitserfahrungen! Wer sich so als Opfer begreift, kann doch den verpaßten Lebenschancen nur noch nachweinen und die Verantwortlichen für das Desaster seiner Biografie verwünschen …!“ (Determinismus-Modell)

Diese Einwände der TeilnehmerInnen veranlassten mich, neu über Sinn und Unsinn dieses enneagrammatischen Basisdenkens nachzugehen und zu fragen:

1. „Wie groß ist eigentlich die Bedeutung der frühen Kindheit für das weitere Leben?“

Jerome Kagan, bedeutender Entwicklungspsychologe an der Havard University bestreitet die These von der prägenden Kraft der frühen Kindheit und begründet dies wie folgt:

„Das Auftreten ernster mentaler Störungen wie Schizophrenie und Depression ebenso wie die weniger beeinträchtigenden Angststörungen ist auf der Welt erstaunlich gleichförmig verteilt, obwohl die Kinder in so unterschiedlichen Umwelten aufwachsen. Diese Tatsache stimmt nicht mit der These von der Bedeutung der ersten beiden Lebensjahre überein … Psychologen sprechen … Schlägen, Strafen, Umarmungen und Küssen eine beträchtliche Wirkungsmacht zu. Ich vermute jedoch, daß nicht die Ereignisse selbst entscheidend sind, sondern die Art und Weise, wie das Kind sie interpretiert.“4 Sein ironisch formuliertes Fazit: „Es gibt ein Leben nach der Kindheit!“

2. „Was passiert eigentlich zwischen meiner Vergangenheit als Kind und meiner Gegenwart als Erwachsener, der ‚erwacht‘ ist und nach Aufklärung über seine Unmündigkeit sucht?“

Als eine alte Dame den Verlust ihres Gatten zu bewältigen hatte, sagte sie zu ihrem erwachsenen Sohn: „Nicht wahr: Vati hat doch alles gut gemacht, er hat doch immer bestens für mich gesorgt!“ Der Sohn war äußerst verblüfft, hatte seine Mutter sich doch in den letzten dreißig Jahren ausschließlich über ihren Mann beklagt …

Hier wird uns vor Augen geführt, auf welche Weise wir nicht nur unsere Sicht der Welt, namentlich die Wahrnehmung der Gegenwart konstruieren, sondern auch unsere Erinnerungen: Das sogenannte „autobiografische Gedächtnis“ arbeitet offenbar folgendermaßen: Erinnerungen werden nicht in einem Archiv für persönliche Geschichte neutral gespeichert, von wo aus sie bei Bedarf als konserviertes Tatsachen-Material abgerufen werden. Sie sind vielmehr Interpretationen unterworfen. Mit diesen stabilisieren wir unser Selbstbild, um uns an veränderte Lebensbedingungen anzupassen. Unsere Lebensgeschichte wird so zu einem Band von Erzählungen, die mit der Objektivität von Tonbandaufnahmen wenig zu tun haben, wohl aber mit Rechtfertigungen und Selbsterklärungen, in denen der „Held – also jeder Einzelne von uns – in der Welt bestehen, Prüfungen und Herausforderungen meistern, Siege feiern und Niederlagen einstecken lernen und daran wachsen muß.“5

Was bedeuten diese Einsichten für den Umgang mit dem Enneagramm?

Die Überschätzung der Kindheit als Basisüberzeugung des eben zu Ende gegangenen ‚Jahrhunderts der Kindheit‘6 legte Freud als Fundament der Psychoanalyse und fast aller nachfolgenden Psychotherapie. Dieses meistgebrauchte Denkmodell der Psychotherapie des 20. Jahrhunderts ist überholt; es bedarf dringend einer Revision.

Den Typ, der ich bin, habe ich gelebt, seit es mich gibt; was immer ich von mir erzähle, modelliert den Typ, der ich bin. Was immer daran fremdbestimmt sein mag, ich habe es immer zugleich selbst bestimmt. Es ist von daher zu kurz gedacht, sich von der „kindlichen Notlösung“ grauer Vorzeit als fremdbestimmt zu bezeichnen. Es ist zu kurz gedacht, der Kindheit eine so weitreichende Bedeutung zuzumessen, denn auch diese bzw. die Erinnerung an sie ist Konstrukt, ist Deutung.

Dies gilt gerade für Enneagramm-NutzerInnen:

sowohl aus spiritueller Perspektive: Man muß die Universalbedeutung dieses Dogmas grundsätzlich bestreiten. Denn: „Wer seine Hand an den Pflug legt und zurück blickt, ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Wo Gottes guter Geist lebt, erübrigt sich der unselig faszinierende Rückblick auf Notlösungen, die Asche sind. Was es zu bewältigen gilt, ist das Leben der Gegenwart frei von Determinismen. A. Ebert hat dies klar herausgestellt.7
als auch aus psychologischer Perspektive: Seit den frühen 90er Jahren mehren sich, wie zuvor beschrieben, Veröffentlichungen über Forschungsergebnisse, welche „das Trauma der frühen Kindheit“ als Denkmodell für Psychotherapie (Transformationsarbeit) prinzipiell in Frage stellen.8

Für das Verständnis des Enneagramms können sich unter dieser Betrachtungsweise wichtige grundlegende Veränderungen ergeben, die hier in Form von Thesen zur Diskussion gestellt werden:

1. Das Enneagramm war lange Zeit vor der Psychoanalyse gültig; man kam ohne das „Trauma der frühen Kindheit“ aus.

Zu dieser Praxis zurückzukehren, könnte uns helfen, Ballast zu verlieren: nämlich die Fixierung auf die Vergangenheit der eigenen Biografie.

2. Die Typenlehre des Enneagramms ist mir lieb und wert, aber sie ist nur „die halbe Miete“.

Sie markiert die Fehler, nennt die Ziele meiner Entwicklung. Das ist schon viel. Aber dann fühle ich mich im Stich gelassen. Wie ich die anvisierten Ziele erreiche, bleibt offen.

3. Über die Typenlehre hinaus bietet die Enneagramm-Tradition das Verständnis des Enneagramms als Prozeß-Modell (Gurdjieff).

Der Enneagramm-Kreis beschreibt dann 9 Stationen eines Weges, den mein Bewußtsein von der Wahrnehmung eines Problems (Station 1) bis zu seiner Lösung (Station 9) abschreitet9. Es erscheint mir plausibel, das Prozeßmodell zu üben, um ein methodisches Hilfsmittel, sozusagen einen Wanderstab, in die Hand zu bekommen, mit dem ich meinen Weg besser gehen kann. Ich freue mich, daß genau dies in der Neuauflage von Rohr/Ebert anvisiert wird.10

Anm.d. Red.:

EnneaForum möchte an dieser Stelle zur Diskussion über die vorstehenden Thesen einladen und erbittet Reaktionen an die Adresse des Verfassers (Kantstr.8, 53332 Bornheim).

In der nächsten Ausgabe kann die Diskussion veröffentlicht werden.

Anmerkungen

  1. U. Böschemeyer, Vom Typ zum Original, 1994, S. 113 f.
  2. Rohr/Ebert, Das Enneagramm, 1999, S. 47 f.
  3. vgl. Gallen/Neidhardt, Das Enneagramm unserer Beziehungen, 1995, S. 31ff.
  4. J. Kagan, Es gibt ein Leben nach der Kindheit, Psychologie heute, 3/2000, S. 46 ff.
  5. H. Ernst, Unsere Lebensgeschichte ist eine Konstruktion, Psychologie heute, 3/2000, S. 27. ff.
  6. Ellen Key, 1900
  7. Das Enneagramm, a.a.O., S. 277 ff.
  8. vgl. U. Nuber: Der Mythos vom frühen Trauma 1999, u.a.
  9. vgl. Klaus Bernd Vollmar, Das Enneagramm 1993
  10. vgl. S. 285.

[aus: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 10-11

Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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