Wurzelsünde Neid - Vom Irrgang einer Vier

von Heike Heinze

Gerade lebe ich in einer Phase tiefster Zufriedenheit und denke, nichts kann mich erschüttern …

da treffe ich einen Mann wieder, der mir einmal viel bedeutet hat. Ein nettes Gespräch, ein Aufblitzen alter Erinnerungen, und schon stimmt nichts mehr… Ganz nüchtern sage ich mir, was vorbei ist, ist vorbei. Aber ich beginne, meine Partnerschaft mit kritischeren Augen zu betrachten: Bekomme ich von meinem Mann alles, was ich brauche? Ist unsere Beziehung so, daß sie gegen das, was hätte sein können, besser abschneidet?

Und schon bin ich in einer mittleren Krise …

Habe ich eben noch zufrieden in den Tag hinein gelebt, werde ich jetzt wohl alle Kräfte mobilisieren, um meine Beziehung zu intensivieren, denn ich muß mir ja beweisen, daß ich damals die richtige Entscheidung getroffen habe. Oder ich höre, daß eine Freundin beschlossen hat, ein Haus zu bauen. Das berührt mich eigentlich überhaupt nicht. Und doch beginnt etwas in mir zu rumoren: Ich will doch kein Haus und die damit verbundene Arbeit haben. Ich habe eine nette Mietwohnung mit netten Nachbarn. Lieber will ich einmal mehr in Urlaub fahren als mich derart festlegen. Und ich spüre plötzlich, wie sehr ich damit beschäftigt bin, Argumente dafür zu sammeln, warum ich kein Haus brauche …

„Es gibt nahezu nichts, worauf eine Vier nicht neidisch sein könnte“, schreibt Richard Rohr.

Für mich meint das zum Beispiel: Neid auf eine wesentliche und erfüllende Erfahrung, auf einen beruflichen Erfolg, eine wohltuende Begegnung, auf Anerkennung für eine künstlerische Leistung. Das Schlimme ist, daß mich dieses Gefühl jedes Mal völlig aus der Bahn wirft. Indem ich mich mit dem Anderen vergleiche, vergesse ich, wer ich bin und was für mich im Moment eigentlich dran ist. Vielleicht habe ich gerade eine Ruhepause nötig – der Neid wird mich zu beruflichen Höchstleistungen treiben. Oder dazu, alle Kräfte in eine Beziehung zu stecken oder in ein kreatives Projekt. Oder dazu, die tollste Hausfrau und Mutter zu sein, zu kochen, zu backen, Unternehmungen zu planen usw.

Und am Ende fühle ich mich erschöpft und bin tief unglücklich, weil ich meinen eigenen viel zu hohen Maßstäben wieder einmal nicht genügt habe.

Neid heißt für mich, mich mit anderen zu vergleichen und besser abschneiden zu müssen – entweder indem ich etwas mehr habe/besser kann oder etwas gar nicht nötig habe, was der andere mir da präsentiert. Eine erschreckende Fremdbestimmung, unter der ich meinen Kurs verliere. Da zieht es und zerrt es an mir, ich fühle mich unzufrieden, da werden Wünsche wach, die ich bis dahin gar nicht hatte, und es braucht eine Weile, bis mein inneres Gleichgewicht wieder hergestellt ist.

Inzwischen weiß ich, daß es am besten für mich ist, wenn ich mich zurückziehe und durch Gebet, Meditation und Schreiben wieder zu mir selbst zu finden versuche.

Indem ich das Blendwerk von Phantasie und Illusion zu durchschauen versuche, entdecke ich meine wahren Wünsche wieder und finde meine Gelassenheit zurück. Oft bleibt eine kleine Aufgabe übrig, z.B. mir wieder einmal Zeit zu nehmen für eine vernachlässigte Beziehung, einen Ausflug ins Grüne, einen Text am Computer … aber in Ruhe und Nüchternheit. So bin ich trotz aller Dramen doch ganz froh über diesen „Stachel im Fleisch“ , denn er zwingt mich, in Bewegung zu bleiben, mich immer wieder zu hinterfragen und nicht bequem zu werden.

[aus: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 8

Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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