Buchbesprechung - Heilige Anarchie

Dietrich Koller
Heilige Anarchie. Eine Streitschrift gegen die Ämterherrschaft in den Kirchen für das Charisma der Leitung und die Chance der Laien. Mit einem Beitrag von Richard Rohr
München 1999

„Heilige Anarchie“ – das ist der provokante Titel eines Buches von Pfarrer i.R. Dietrich Koller, der den meisten EnneaForum-LeserInnen aus dem Schlußkapitel des Enneagramm-Klassikers von Rohr/Ebert bekannt sein dürfte. Sein Anliegen beschreibt Koller so: „Wenn die Leitung der Kirche krankt, leidet das Gottesvolk. Und wenn das Gottesvolk krankt, leidet das Staatsvolk. Darum raffe ich mich auf und stelle … bangen Herzens die unhöfliche Frage nach der Wunde derer, die die Kirchen leiten.“ (16f) Das klingt zunächst ziemlich pessimistisch – aber, so fährt der Autor fort: „Nach der Krankheit fragen heißt, nach Heilung fragen.“

Und so versucht Koller am Ende seiner Laufbahn als Pfarrer, die Kirchen, ihre Mitarbeiter und insbesondere seine ehemaligen Kolleginnen und Kollegen wachzurütteln aus unerquicklichen Machtspielen, aus ermüdenden Einzelkämpfen, aus unkreativer Lähmung, hektischem Reformismus und kurzsichtiger Kleinkram-Praxis. Mit geradezu prophetischem Gestus bricht der zurückblickende Theologe mit einer ganzen Reihe kirchlicher Tabus. Sein Plädoyer gipfelt schließlich in der Forderung nach „Abschaffung des kirchlichen Amtes“ (175) oder, womit er dasselbe meint: nach „Amtsenthebung“. „Amtsenthebung als Amtsentlastung! Mehr: als Befreiung vom Amt. Die Kirche enthebt sich ihres ‚Amtes‘“ (9).

Da mutet es merkwürdig an, daß sich dieses Buch, jedenfalls vornehmlich, ausgerechnet an die Träger jenes Amtes richtet, das Koller am liebsten abschaffen möchte, und daß der Theologe gerade von diesen Amtsträgern eine Erneuerung erhofft, die auf die ganze Kirche und darüber hinaus auf das Land ausstrahlen wird. Ein glatter Widerspruch ist das, zumindest auf den ersten Blick. Doch wer sich durch den pointiert-paradoxalen Stil des Buches nicht irritieren läßt, stößt irgendwann auf die „bottom line“: „Dieses Buch ist nur ein winziges Symptom von tausendfachen Impulsen, die heute am Wirken sind, um die Amtsideologie auf ihre charismatische Wurzel namens ‚Leitungsgabe in der regulierten Anarchie‘ zu reduzieren“ (205f). Die Abschaffung des kirchlichen Amtes ist eine Utopie, das weiß auch Koller. Aber was seiner Ansicht nach auf Erden zu erreichen ist, ist zumindest jene Reduktion auf ein Leitungsamt, das sich nicht durch eine institutionalisierte Hierarchie legitimiert, sondern durch jene „Leitungsgabe“, die hier und da vom Geist verliehen wird, und zwar unabhängig von theologischen Examina und Ordinationen.

So sehr Koller uns mit seiner Mahnung zur Machtbegrenzung aus dem Herzen sprechen mag, so wichtig finde ich es allerdings auch, daß Pfarrerinnen und Pfarrer die Macht, die sie faktisch haben, nicht verleugnen – weder vor anderen noch vor sich selbst. „Nur, wenn er die kirchlichen Machtstrukturen nicht schamhaft versteckt, wenn er sein eigenes Machtstreben in der Begegnung mit der Gemeinde wie auch seine begrenzten Einflußmöglichkeiten als Repräsentant von Religion nicht verleugnet, kann der Pfarrer der ihm eigenen Tendenz zur Bemächtigung entgehen und anderen Freiheit einräumen.“ (M. Josuttis, Der Pfarrer ist anders, München 41991, S. 88)

Stilistisch gestaltet Koller sein Plädoyer in Form einer enorm vielseitigen Textcollage. Da steht eine leidenschaftliche Vision neben biblischer Exegese, dogmatische Exkurse wechseln mit poetischen Gleichniserzählungen, journalistische Gattungen wie Interviews und ein „Symposion“ (ein fiktives Expertengespräch) werden ebenso eindrücklich bedient wie handlungsorientierende Übungsvorschläge und ein Katalog von Sofortmaßnahmen. Die zahlreichen Anekdoten und Beispielerzählungen verleihen der Darstellung stets einen lebendigen Ausdruck, schweifen allerdings öfter etwas ab.

Was dieses Buch für EnneaForum-LeserInnen besonders interessant macht, ist die Tatsache, daß auch das Enneagramm zur Sprache kommt, und zwar unter der Überschrift „Leitungsstile und Fehlformen von Leitung“. Das Enneagramm dient Koller als Modell zur Unterscheidung von unreifen und reifen, geläuterten Leitungsstilen. Nur wer die Gefahren seiner Leitungsqualitäten kennt, nur wer die Versuchungen seiner Autorität erfahren hat, nur der ist bereit für verantwortliche Ausübung von Leitung. „Alle, die in der Kirche irgendwo an der Autorität Christi Anteil bekommen, (müssen) durch ihre Versuchung hindurch … . Sie müssen ihrem Schatten begegnen“ (169).

Am Ende des Buches findet sich übrigens ein (von Andreas Ebert übersetzter) Beitrag von Richard Rohr zum Thema „Priester ohne Weihe“. Diese Seiten enthalten eine anregende Darstellung dessen, was Rohr im Unterschied zum „ordinierten“ das „archetypische Priestertum“ nennt. Schön, daß sich Richard Rohr und Andreas Ebert auf diese Weise für das 1989 von Koller geschriebene und zehn Jahre später aktualisierte Schlußkapitel ihrer Einführung in das Enneagramm revanchieren!

Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 6

Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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