JESUS IM SPIEGEL DES ENNEAGRAMMS

Aus: Beesing/Nogosek/O’Leary „Das wahre Selbst entdecken“
VIERER: Jesus ist einfühlsam
VIEREN sehen in Jesus den Anwalt aller missverstandenen Menschen. Er klagte seinen Jüngern wiederholt, dass selbst sie ihn nicht begriffen. Ursache dieses Gefühls, missverstanden zu werden, war seine hohe Sensibilität. Er spürte die Tragik und das Elend der Menschen im eigenen Herzen.
Im Neuen Testament gibt es viele Beispiele, die uns Jesus als einen Menschen von außergewöhnlichem Mitgefühl zeigen. Er hatte Mitleid beim Anblick der Witwe von Naïn, die ihren einzigen Sohn zu Grabe trug (Lk 7,13). Er weinte mit denen, die um seinen Freund Lazarus trauerten (Joh 11,35). Nach der Heilung der gekrümmten Frau, die schon achtzehn Jahre an ihrer Krankheit litt (Lk 13,10-17), wird Jesus von den religiösen Autoritäten getadelt, weil er sie am Sabbat geheilt hatte. Jesus hielt ihnen entgegen, dass sie größeres Einfühlungsvermögen für einen in die Grube gefallenen Ochsen hätten als für diese arme Frau.

Infolge seiner hohen Sensibilität hatte er ein waches Gespür für die symbolische Ausdruckskraft, wie es für VIEREN charakteristisch ist. In beeindruckender Weise konnte er die Erfüllung der Schriften erklären, indem er z.B. darauf hinwies, dass seine Kreuzigung der Errichtung der ehernen Schlange in der Wüste gleiche (Joh 3,14f.). Als er in Jerusalem einzog, ritt er auf einem Eselsfüllen, um als Sohn Davids erkannt zu werden (Mt 21,1-11). Er durchschaute die Hohlheit der Religion seiner Zeit, in der er aufgewachsen war, das starre Haften am Gesetz, um Gott durch Verdienste zu manipulieren. Er kämpfte gegen die Verachtung für „unrein“ erklärter Mitmenschen, nur weil sie an Aussatz litten oder Prostituierte waren. Er setzt sich für die ein, die in der Gesellschaft nichts galten, besonders immer wieder für Frauen. Jesus ging einfühlsam mit den Menschen um, z. B. mit der Sünderin im Haus Simons, des Pharisäers (Lk 7,36-50), oder mit der heidnischen Frau, die ihn bat, ihre besessene Tochter zu heilen (Mk 7,24-30). Jesus fürchtete sich nicht, durch seinen Kontakt mit Sündern und solchen, die sich nicht an das Gesetz hielten, sein öffentliches Ansehen zu riskieren. Auch sie waren für ihn Menschen mit gleicher Würde, und er war immer bereit, auf sie einzugehen.

Die Jünger waren in der traditionellen Gesetzesreligion aufgewachsen, nicht in einer Religion der Liebe. Gottes Wort bedeutete für sie eher Gesetz als Liebe. So missverstanden sie Jesus oft; denn was er lehrte, gründete in einfühlender Liebe. Ein Beispiel für ihre mangelnde Einfühlung ist die lieblose Kritik an der Frau von Betanien, die das kostbare Öl über Jesu Haupt ausgoss (Mt 26,6-13). Sie nannten das Verschwendung. Hätte man nicht statt dessen das Öl teuer verkaufen und den Erlös den Armen geben können? Wieder einmal war Jesus missverstanden worden. Die Jünger hatten nicht das geringste Verständnis dafür, wie ihm zumute war so unmittelbar vor seinem Tod; sie gönnten ihm nicht diese Geste mitfühlender Liebe. Jesus hingegen verteidigte diese Frau und ihr Handeln, indem er sagte, dass sie es für ihn getan habe und deshalb ihrer gedacht werde, wo immer das Evangelium verkündet wird, bis zum Ende der Zeiten.

Während seiner Passion war Jesus zutiefst betrübt darüber, dass seine Jünger so wenig mit ihm fühlen konnten, was es für ihn bedeutete, nicht nur sein ganzes Lebenswerk scheitern zu sehen, sondern auch dem entsetzlichen Hass der Soldaten und derer, die ihn gefangen hielten, ausgesetzt zu sein. Er zeigte ihnen beim Letzten Abendmahl, wie sehr er darunter litt, dass er von ihnen fortgehen musste. Später, in der Stunde der Todesangst in Getsemani, schliefen seine liebsten Freunde Petrus, Jakobus und Johannes ein, einen Steinwurf weit von ihm entfernt, während er in Todesangst Blut schwitzte (Mt 26,36-40).

DIE FALLE DER MELANCHOLIE

Die Falle der VIEREN ist die Melancholie. Sie sind nicht nur äußerst sensibel gegenüber allen Verletzungen und allem Missgeschick, sondern rufen sich solche negativen Erfahrungen auch immer wieder ins Gedächtnis zurück. Ihre Lebensgeschichte mit all den tragischen Erfahrungen sehen sie als ungeheuer bedeutsam an. Sie fühlen sich als etwas Besonderes, gerade weil sie von anderen vernachlässigt und im Stich gelassen wurden oder nicht genügend Wertschätzung erfahren haben.
Sie neigen zur Arroganz und bilden sich etwas ein auf ihre Exklusivität und ihre tiefgründige Art, Freude und Trauer zu empfinden. Sie kultivieren einen persönlichen Stil, der manchmal gekünstelt wirkt. Gegebenenfalls können sie ihr Verhalten und ihre Reaktionen daheim vor dem Spiegel einüben, um so ihre Einzigartigkeit zur Geltung zu bringen. Sie neigen dazu, anderen Eleganz, Gepflegtheit und Anstand abzusprechen. Das macht sie oft eingebildet und erweckt den Eindruck, dass sie mehr Sensibilität vortäuschen, als sie besitzen.
VIEREN haben einen Hang zum Selbstmitleid, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, da sie von tragischen Ereignissen heimgesucht wurden. Sie meinen, andere würden niemals verstehen, was und wie viel sie im Leben mitgemacht haben. Trotz aller Melancholie werden sie sich nie jemandem anvertrauen aus Angst, nicht verstanden zu werden. Das erschwert es erheblich, einer VIER wirklich nahe zu kommen und eine intensive Freundschaft aufzubauen.

SELBSTMITLEID VERMEIDEN

Wie alle VIEREN war Jesus „ein Mann der Schmerzen“; aber er verfiel nicht der Melancholie und dem Selbstmitleid. Er sah sich nicht als tragische Figur, sondern wusste sich auf dem Weg in die Herrlichkeit des Vaters. Er erzählte seinen Jüngern von seiner bevorstehenden Passion und seinem Tod, und gleichzeitig sprach er von seiner Auferstehung von den Toten (Mk 8,31f.). Er deutete seinen Tod als „Taufe“, die ihm neue Lebenskraft zur Erlösung der Menschen verlieh und die er an seine Jünger weitergeben wollte. Er ging für andere in sein leiden und Sterben. Obgleich der „Fürst dieser Welt“ zu triumphieren schien (Joh 14,30), würde er nur einen kurzlebigen Sieg erringen. Im letzten war es Jesus, der den Sieg über Sünde und Tod davontrug. Seine Jünger verstanden ihn nicht, wenn er ihnen seine Gedanken über sein bevorstehendes Leiden und seinen Tod, durch den er in seine eingehen würde, anvertraute. Sie begriffen nicht, dass das Reich Gottes durch Jesu Tod kommen sollte. Petrus nahm Jesus beiseite und sagte zu ihm: „Das darf dir nicht geschehen!“ (Mt 16,22), als ob die Jünger ihn vor seinen Feinden hätten schützen können. Jesus reagierte sehr schroff auf den Protest des Petrus; denn was Petrus da sagte, stand dem entgegen, was Gott von ihm wollte. Daher wandte er sich an die übrigen Jünger und sagte ihnen, dass auch sie bereit sein müssten zu leiden wie er (Mt 16,24-27). Jesus vermied es, sich als einsame tragische gestalt darzustellen. Seine Jünger müssen sich ihm angleichen in der Bereitschaft zu leiden und ihr Leben hinzugeben für das Reich Gottes.

Jesus sah die Verschwörung gegen sich wachsen; dennoch floh er nicht, um sich und seine Jünger in Sicherheit zu bringen. Er ging seinen Verschwörern entgegen, indem er nach Jerusalem zog und sich ihnen stellte. Er führte mit ihnen Streitgespräche und gab sich ihnen persönlich zu erkennen. Er begann nicht zu grübeln, weil andere gegen ihn waren, ihn hassten und seine Unschuld und Güte nicht sahen; vielmehr versuchte er Kontakt mit Menschen, solange sich die Möglichkeit dazu bot. Wenn er schon nicht ihre Herzen durch das Wunder der Heilung erreichen konnte, versuchte er doch ihre Vernunft durch Logik zu überzeugen. Jesus war kein weichlicher Mensch, sondern ein Mann, der sich den Realitäten stellte.

Neben seinen vielen anderen Qualitäten verfügte er über den klaren Verstand eines Gelehrten , obgleich er nie eine Eliteschule besucht hatte.
Als seine Feinde sich gegen ihn zusammenrotteten, setzte er unbeirrt seine Aktivitäten in der religiös-politischen Metropole Jerusalem fort.

Traurigkeit und Selbstmitleid verleiten VIEREN oft zu Passivität und einem verzweifelten Festklammern an andere, um verstanden und geschützt zu werden. Jesus tat das Gegenteil. Er wurde aktiver und löste sich von seinen Jüngern. Anstatt sich in seinen letzten Tagen vor seiner Gefangennahme an sie zu klammern, , versuchte er, sich vorzubereiten und zu stärken für das, was auf ihn und damit auch auf sie zukam. Er sah sich selbst als Hirten, dessen Schafe sich zerstreuten (Mk 14,27f.). Er hielt die Jünger an, einander zu bestärken, vor allem indem sie einander liebten, wie er sie geliebt hatte (Joh 13,33-35).

Jesus gab seinen Jüngern die Macht, zu vergeben und in anderen Menschen Heil und neues Leben zu wecken. Sie sollten diese Macht durch symbolische Gesten und Worte, ähnlich den seinen, ausüben, etwa als er seine Finger in taube Ohren legte (Mk 7,33), einen Brei aus Speichel und Erde rührte und damit blinde Augen sehend machte (Joh 9,6) oder seine Energie von sich aus auf die blutflüssige Frau überströmen ließ, die nur sein Gewand berührt hatte (Lk 8,49f.). Er inspirierte die Jünger, seinem Beispiel zu folgen, indem sie die erstarrte Religion mit Leben erfüllten. So konnte die Kraft seines Herzens in die Welt hineinwirken, die oft so herzlos und ohne Erbarmen ist.

Die kompletten Musterbeschreibungen erscheinen nach und nach im Enneaforum, unserer Mitgliederzeitschrift.

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