Zur Zukunft des Vereins

Gedanken des Vorsitzenden nach einem Jahr des Vorsitzes

Ich möchte auf diesem Wege zunächst einmal alle Mitglieder des Vereins grüßen, denn ein persönlicher Kontakt ist natürlich nicht zu jedem und jeder von Euch/Ihnen möglich. Mir ist in dieser Zeit ein Vers aus dem Timotheusbrief wichtig geworden, den ich Euch/Ihnen zurufen möchte:

Gott hat uns nicht den Geist der Angst gegeben, sondern den der Kraft, Liebe und Besonnenheit. 2.Tim 1,7

Alle drei göttlichen Energien, die hier aufgezählt werden, brauche ich dringend für meinen Alltag. Vor allem die Liebe und Besonnenheit sprechen mich an. Ich spüre in mir, wie leicht ich gerade diese beiden Haltungen immer wieder verliere. Da kann sich ganz unvermittelt die Liebe angesichts eines Ärgernisses in Wut und Abneigung wandeln. Da regiert mich nicht mehr die Besonnenheit, sondern die Maßlosigkeit und die Willkür. Diese Kräfte sind dann nicht die des Geistes Gottes, sondern die meiner dunklen Seite.

Der Geist Gottes aber kann mich wieder auf den Weg der hellen Kräfte, der Liebe und Besonnenheit zurückführen. Er bietet sich mir immer wieder aufs Neue an. Und immer wenn ich mich auf ihn einlasse, kann ich erfahren, wie er mich aus der Dunkelheit in das Licht zurückführen kann. Mein Innerstes kann sich entspannen. Ich kann befreit loslassen, was eben noch so einengend wirkte und tief durchatmen, weil ich wieder einmal erleben kann, wie gnädig und barmherzig der Geist Gottes mit mir ist.

Ich wünsche uns allen, dass wir immer wieder solche Erlebnisse des Hinfallens und Aufstehens, des Amoklaufens und Innehaltens, des Weglaufens und Aushaltens haben. Aus diesen Erfahrungen erwachsen uns die gute Demut und Weisheit. Damit ausgestattet werden wir nicht nur unser Privatleben besser bewältigen lernen, sondern auch gemeinsam die Zukunft des Vereins und der Enneagrammbewegung im deutschsprachigen Raum mitgestalten können.

Derart ermutigt möchte ich mir Gedanken über die Zukunft des Vereins machen und damit auch Überlegungen zusammenfügen, die wir, Vorstand, Redaktion und Mitglieder, uns in den zurückliegenden Monaten gemacht haben. Ich greife dazu zunächst das Vokabular aus dem Thema der Hauptversammlung (siehe auch die Grafik von Tiki auf der nächsten Seite) noch einmal auf: Es war und ist für mich immer wieder spürbar, dass nach zehn Jahren Bestehens des ÖAE mit dem Ab-gang von Andreas Ebert als Vorsitzendem und Marion und Werner Küstenmacher als Redaktion des Rundbriefes eine Zeit des Über-gangs entstanden ist. Über-gang heißt aber nun nicht Unter-gang oder gar Irr-gang. Vielmehr ist diese Phase auch als Möglichkeit zur Veränderung und zum Aufbruch in eine interessante, neue Zukunft zu betrachten. Die Stimmung im Verein legt diese positive Grundeinschätzung unbedingt nahe.Am beeindruckendsten fand ich die Reaktion (s. dazu die „Abstimmung mit Füssen“) der Mitglieder auf der letzten Vollversammlung am Samstagnachmittag. Deutlich war derWille zur Weiterführung und Stärkung der Aktivitäten des Vereins zu spüren. Der Vorstand erlebte diese Energie der Mitglieder als sehr mutmachend. Die Mitglieder wünschen sich einen offensiven und mutigen Verein, der seinen Platz behauptet und ausbaut. Ich habe diese Antwort nicht nur als Anforderung an den Vorstand verstanden, sondern mit Freude registriert, dass sich sehr viele äußerst bereitwillig in den Verein mit einbringen und damit die eigentlichen Träger des ÖAE sind. Davon zeugen auch die vielen kreativen, musischen, redaktionellen u. a. Beiträge sowohl auf der Vollversammlung als auch bezüglich der Mitarbeit an der neuen Ausgabe von EnneaForum.

So gesehen scheint alles zum Besten zu stehen. Lasst uns ein wenig gründlicher hinschauen, wo der Verein im Moment steht und wohin ihn sein Weg führt. Grundlage dafür soll die Frage sein, was der Verein zum Zeitpunkt seiner Gründung am 16. Dezember 1989 eigentlich sein wollte.

In der Satzung heißt es dazu unter § 2:
„(1) Die Aufgabe des Vereins ist es, das Verstehen des Menschen mit Hilfe des spirituell-psychologischen Typenmodells Enneagramm, sowie die Ermöglichung von Erfahrungen mit dem Enneagramm auf christlichem Hintergrund, d.h. der Bibel und der Person Jesu Christi, zu fördern und zu vertiefen. Der Verein sucht den offenen Dialog mit interessierten Menschen innerhalb, am Rand und außerhalb der christlichen Glaubenstradition. Der Verein versteht sich als ökumenische Initiative innerhalb der christlichen Kirchen.

(2) Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere durch Tagungs- und Bildungsarbeit, Information, Auswertung und Weiterverarbeitung von Publikationen und durch ein Mitteilungsblatt für die Mitglieder; besondere Berücksichtigung sollen vor allem psychologische, spirituelle und publizistische Aspekte finden.“

Eine gute Satzung zeichnet sich übrigens dadurch aus, das sie auch nach Jahren oder Jahrzehnten noch aktuell ist, ohne die Mitglieder eingeengt zu haben. So gesehen haben wir eine gute Satzung, denn sie hat uns bisher viele Freiheiten gelassen. Sicherlich haben sich manche Hoffnungen in der Vergangenheit nicht ganz oder gar nicht erfüllt. Mitglieder sind hinzugekommen, manche sind auch enttäuscht ausgeschieden, weil sie sich nicht ausreichend bei uns wiederfanden. Das ist aber bis zu einem gewissen Grad normal für einen jungen Verein und gehört zu seiner Lebendigkeit dazu, auch wenn es uns leid tut.

Es hat sich auch gezeigt, dass nicht alle Ziele des Vereins in dem erhofften Maße erreicht werden konnten. Das hat vor allem den Grund, dass ein Teil der Arbeit, nämlich die professionelle Bildungs- und Schulungsarbeit, bei einzelnen Mitgliedern besser aufgehoben ist und wohl auch flexibler gehandhabt werden kann, als wenn wir, der Vorstand selbst, Fortbildungen anbieten. Nicht der ÖAE tritt hier in Erscheinung, sondern die Mitglieder, die sich bei ihrer Arbeit auch in Zukunft selbstverständlich als Teil des Vereins verstehen dürfen.

Es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass ein ehrenamtlich geführter ÖAE immer dann an seine Grenzen stößt, wenn professionelles Engagement gefragt ist. Das zeigt sich auch bei der Frequenz, mit der der ÖAE offiziell in Erscheinung tritt. Zwei Rundbriefe pro Jahr und eine Jahrestagung sind eigentlich ein bisschen wenig, aber mehr scheint bei diesen Voraussetzungen nur bedingt realistisch zu sein. Dennoch kann ich mir hier einiges vorstellen, allerdings nicht als eine Initiative „von oben“, sondern als ein Aufgreifen und Stärken von Engagement und Ideen der einzelnen Mitglieder oder Gruppierungen in unseren Reihen.

Das eigentliche Gerüst des ÖAE aber steht heute wie vor zehn Jahren; es hat sich bewährt und wird auch von uns Mitgliedern mehrheitlich so gewollt. In den Umfragen wird ganz deutlich erkennbar, dass wir die Ziele der Satzung, ohne sie bisher womöglich im Wortlaut zur Kenntnis genommen zu haben, teilen. Wir wollen die Menschen und uns selber besser verstehen lernen. Wir wollen gemeinsam Erfahrungen mit dem Enneagramm machen und uns darüber austauschen.

Auch die christliche Ausrichtung des Vereins ist eher noch klarer geworden und wird von der Mehrheit gewollt. Dies war allerdings einer jener Bereiche, bei denen es in der Vergangenheit einen klärenden und manchmal schmerzhaften Prozess zu durchleben galt. Auch dass der ÖAE ein ökumenischer Zusammenschluss geblieben ist, in dem auch und gerade die Menschen vom Rand der Kirchen Platz haben, zeichnet uns nach wie vor aus und gehört zu unserer Identität unabdingbar dazu. Es ist wohl kein Zufall, dass wir mit viel Zustimmung die Thomasmesse, die Gottesdienstform für die am Rande der Kirche Stehenden, auf unserer Jahrestagung bereits zum zweiten Mal ausprobiert und als Standardform bestimmt haben.

Es hat sich meines Erachtens gezeigt, dass wir da am stärksten sind, wo wir ein Forum, also einen Platz zur Darstellung, zum Kennenlernen und zur Diskussion, bieten. So gesehen ist es logisch, dass die Mitglieder mit dem „EnneaForum“, unserem Rundbrief, offensiver umgehen möchten. Das hat sich in zahlreichen Voten auf der Jahreshauptversammlung in Bischofsheim gezeigt und zu dem Auftrag geführt, der Redaktion einen größeren Etat zur Verfügung zu stellen, die Auflage drastisch zu erhöhen und u.a., wenn möglich, professionelle Autoren zu suchen. Auch die Internetpräsenz soll endlich ernsthaft angegangen werden. Während dieser Rundbrief im Druck ist, wird bereits mit dem Claudius Verlag über eine Darstellung des Vereins unter dem Namen seiner Enneagrammhomepage verhandelt. Schaut in den nächsten Wochen ruhig mal unter www.enneagramm.de im Internet vorbei. Ihr könnt dort vermutlich auch Teile des Rundbriefes und einen aktualisierten Veranstaltungskalender finden. Wenn nicht dort, dann aber doch wohl unter einer anderen Adresse, die ihr mit Hilfe der Internetsuchmaschinen finden könnt.

Die elektronischen Medien eröffnen uns aber nur einen Teil der neuen Möglichkeiten, die ich für uns in der Zukunft sehe. Sicherlich wird auch gerade die Arbeit in kleinen Regionalgruppen, die sich regelmäßig treffen, der Arbeitskreis „Enneagramm und Spiritualität“, der auch in diesem Jahr am letzten Augustwochenende in Wittenberg tagen wird, oder weitere Interessengruppen, die sich in Zukunft hoffentlich konstituieren werden, zu einer Intensivierung des Vereinslebens führen.

Ich bin guten Mutes, dass der Geist Gottes uns auch in Zukunft Kraft, Liebe und Besonnenheit für unsere Arbeit geben wird.

In Verbundenheit grüßt Euch

Ulli Krämer

[aus: EnneaForum 17, Mai 2000, S. 3-5

Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 17 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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