Buchbesprechung: Sandra Maitri: Der Weg zurück zum Selbst – Das Enneagramm der Leidenschaften und Tugenden

Sandra Maitri: Der Weg zurück zum Selbst – Das Enneagramm der Leidenschaften und Tugenden
Verlag advaitaMedia, Hamburg 2009,
ISBN-10: 3936718156

Das Enneagramm wirkt in alle Lebensbereiche hinein. Der wichtigste davon, weil alles umfassend, ist der spirituelle. Er öffnet den Menschen für etwas, das größer ist als er selbst, für den göttlichen Bereich, der einen umfassenden Sinnhorizont eröffnet und in spirituellen Büchern meist etwas abstrakt beschreiben wird. Das ändert sich, wenn Spiritualität mit dem Enneagramm in Verbindung gebracht wird, denn dann hat das alles plötzlich mit uns selbst zu tun, zunächst mit unserem Ego, wie die amerikanische Enneagrammleherin Sandra Maitri in ihrem ersten Buch „Neun Porträts der Seele“ (2001) schreibt: „Es gibt eine Anzahl psychologischer und spiritueller Landkarten, auf denen das Gebiet des Ego verzeichnet ist, aber ich kenne keine, die ähnlich mächtig und wirkungsvoll ist wie das Enneagramm.“

Während sie in ihrem ersten Buch die Fixierungen der einzelnen Typen beschreibt, geht es in ihrem zweiten Buch: „Der Weg zurück zum Selbst“ (Originaltitel: Finding the Way Home, übersetzt von Anama Frühling) um die spirituelle Entwicklung von der typspezifischen Leidenschaft zur jeweiligen Tugend bei den neun Enneatypen. Das Ganze stellt sie in den Zusammenhang einer spirituellen Reise (in Anlehnung an die spirituelle Schule des „Diamond Aproach for Inner Realization“ von A. H. Almaas), bei der es darum geht, den Zugang zu unseren inneren Tiefen zu gewinnen und sie zu erforschen, „dass wir in unsere direkte Erfahrung eintauchen, was immer es auch sein mag.“ Es geht nicht in erster Linie um intellektuelles Verständnis, denn unsere Muster und die damit verbundenen Leidenschaften sind so tief in uns bzw. unserem Unbewussten verankert, dass sie auf diese Weise nicht verändert oder aus Verstrickungen gelöst werden können. Es geht um das Erleben der Leidenschaften, sie „sozusagen in unseren Eingeweiden zu fühlen“ und um das darauf aufbauende Verstehen. Erst dann kann der Antrieb hinter dem Muster und die damit verbundene emotionale Gestimmtheit der Leidenschaft langsam verschwinden und unsere Seele sich entspannen.
Dabei spielen die typspezifischen Tugenden eine wesentliche Rolle, denn sie treten in diesem Prozess als innere Haltungen zu Tage, die dazu führen, dass sich unsere Seele entfalten und wachsen kann, weil sie an unserem wahren Wesen bzw. göttlichen Kern in uns orientiert sind. Die Leidenschaften (zum Beispiel Zorn, Stolz, Täuschung, Neid etc.) sind also der Ausgangspunkt und die Tugenden (zum Beispiel Gelassenheit, Demut, Wahrhaftigkeit, Gleichmut etc.) das lohnende Ziel für unsere innere Entwicklung, oder anders ausgedrückt, für die Transformation unserer von der Persönlichkeitsstruktur geprägten Seele, der Weg zu unserem Selbst.

Der konkreten Beschreibung der einzelnen Leidenschaften räumt die Autorin viel Platz ein und weist dabei immer wieder darauf hin, dass „die Themen und Probleme…für diejenigen, die diesem Typ angehören, stärker sind, aber dennoch Themen und Probleme sind, die wir alle teilen.“ Diese Beschreibungen sind es, die den besonderen Wert des Buches ausmachen, denn sie sind zum einen von einer hohen Sprachsensibilität geprägt, die das Verständnis erleichtert, und zum anderen von einer Wissensfülle, die von Hinweisen zur subatomaren Physik über vielerlei aktuelle gesellschaftliche Bezüge bis hin zu Auszügen aus philosophischen und literarischen Werken reicht. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der Integration wichtiger psychoanalytischer Erkenntnisse.

Im Einzelnen beschreibt Sandra Maitri entsprechend der Systematik des inneren Dreiecks mit den Eckpunkten 9-3-6 drei Gruppen: Die nach außen gerichtete Gruppe (9,8,1), die Image-Gruppe (3,2,4) und die Angst-Gruppe (6,5,7). Bei den darin vorkommenden Schlüssel-Begriffen unterscheidet sie zwischen dem üblichen Wortsinn und der hintergründigen Sprache des Enneagramms. Ein Beispiel aus der nach außen gerichteten Gruppe: Die Leidenschaft der Bequemlichkeit bei Punkt 9 bedeutet nicht so sehr bequem im üblichen Wortsinn, sich nur widerwillig zu etwas aufzuraffen, sondern in der Enneagrammsprache bequem, wenn es darum geht, sich selbst Beachtung zu schenken. Und da Punkt 9 als Hauptpunkt auf dem Enneagramm betrachtet wird und damit auch seine typische Leidenschaft am zentralsten ist, erfährt man als Leser an dieser Stelle des Buches auch gleich etwas über den grundsätzlichen Bewusstseinszustand der Menschen, denn „[d]ie meisten von uns vernachlässigen ihr inneres Leben“ und befinden sich in einem schlafähnlichen Zustand, wobei Sandra Maitri auch noch auf das Wesen dieses Schlafs eingeht und damit vor allem die Reduktion der Wahrnehmung auf die physische Dimension der Realität meint. So wird bei Typ Neun das Wesen der Spiritualität als Aufwachen aus dem Schlaf beschrieben und damit zur typspezifischen Tugend übergeleitet: dem Handeln, wobei dieser Begriff wiederum nicht einfach nur beschäftigt sein meint, sondern auf die Anstrengung zielt, die Trägheit der Persönlichkeit, die weiterschlafen will, zu überwinden und damit die gewöhnliche Ausrichtung unseres Bewusstseins zu verlagern. Die Tugend des Handelns praktizieren bedeutet, tun, was erforderlich ist, um präsenter und bewusster zu werden. Weiter wird bei Typ Acht und Typ Eins die psychische Struktur des Menschen nach Sigmund Freud (bei der Acht vor allem das „Es“ und bei der Eins das „Über-Ich“) genauestens erläutert und in Bezug zu den Leidenschaften Wollust und Zorn gesetzt, wobei sich die Autorin als kompetente Freudkennerin auszeichnet und mit diesem Wissen die Enneagrammbegriffe erhellt , z. B. ist „Wollust nicht nur Lust, sondern die Lust, die Befriedigung von Impulsen durchzusetzen“ (zit. nach ihrem spirituellen Lehrer C. Naranjo, den die Autorin wie auch O. Ichazo immer wieder in ihren wesentlichen Aussagen miteinbezieht), so dass sie „von Schuld umgeben“ ist, d.h. von Kampf und einem darin liegenden Triumph.

Der Weg der Acht zur Tugend der Unschuld besteht dann verkürzt formuliert darin, Vorurteile und Vorstellungen über die animalische Seite in sich in Frage zu stellen, d.h. ihnen mit der Haltung der Tugend der Unschuld zu begegnen und sie auf diese Weise in der konkreten Erfahrung zu erforschen. Nur so können sich diese Energien öffnen und integriert werden und nur so kann sich die Acht dann als richtig, ganz und vollkommen erleben.

Bei der Beschreibung der Image-Gruppe geht Sandra Maitri besonders auf den Begriff des Ich-Ideals ein, der nicht nur das Konzept eines idealen Selbst umfasst, sondern auch das eines idealen Partners, eines idealen Kindes und einer idealen Beziehung. Während alle anderen Typen mehr oder weniger versuchen, den Anforderungen ihres Ich-Ideals gerecht zu werden, „gehen die Image-Typen noch einen Schritt weiter und versuchen, sich als dieses Ideal darzustellen“, allen voran die Drei. Bei der Beschreibung der Angstgruppe sei exemplarisch auf ihren kurzen Überblick über die verschiedenen Angsttypen allgemein und über die typspezifischen Ängste hingewiesen.

Auch wenn bei der epischen Darstellungsbreite für den Leser manchmal der rote Faden die Farbe rosa annimmt, wird der Bezug zum jeweiligen Typ immer wieder hergestellt. Die Zusatzinformationen erhellen die Begriffe, die in der Enneagrammarbeit mitunter ins Klischee abrutschen, so wie bei der Neun die Bequemlichkeit, die gerne mit Couch und Kopfkissen assoziiert wird, sodass Maitris detaillierte Bescheibungen den einzelnen Typen besser gerecht werden.
Insgesamt ist Maitris gelungenes Werk kein Buch zum schnellen Durchlesen, sondern zum Immer-Wieder-Lesen, wobei auch kleine Abschnitte zu lesen und auf das konkrete Leben zu übertragen sehr lohnenswert ist. Kurzum: ein Lebensbuch!
Wally Kutscher

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