Buchbesprechung: Wilfried Reifarth, „Bejahen, Verneinen, Versöhnen“. Gurdjieff und das Enneagramm.

Der Titel „Bejahen, Verneinen, Versöhnen“ des neuesten Enneagramm-Buchs von Wilfried Reifarth nimmt Bezug auf das Gesetz der Drei, das in der Zahlensymbolik des armenischen Weisheitslehrers Georg Iwanowitsch Gurdjieff (1866-1949) eine wichtige Rolle spielt. Besonders das Versöhnen scheint dem Autor am Herzen zu liegen – Brücken zu bauen, zwischen der zerstrittenen Verwandtschaft (Kap. 2) und Nachkommenschaft des historischen Enneagramm-Überlieferers.
Auf dem Hintergrund eines detaillierten Quellenstudiums (viel Original-Text), kann er deutliche Gemeinsamkeiten aufzeigen, in denen die heute gelehrten Auslegungen dieses neunzackigen Symbols mit den Gurdjieff’schen Ur-Lehren in Verbindung stehen. Für Anwender des Enneagramms als Persönlichkeitsmodell besonders interessant sind dabei die Nachweise, dass dort auch schon ein typologischer Ansatz enthalten war.

Bevor im zweiten Teil auf die spezifischen Enneagramm-Lehren eingegangen wird, widmet sich der Autor ausführlich dem Menschenbild Gurdjieffs: Er sieht uns als drei-hirnige Wesen (Denken, Fühlen und körperliche Empfindung), die zunächst blind dem Chaos ihrer widersprüchlichen Motivationskräfte ausgeliefert sind. Erst durch eine Bewusstseinstransformation, die er die „Arbeit am Vierten Weg“ nennt, können die niederen Zentren in höhere verwandelt werden. Dabei entwickelt sich eine vierte Instanz, das wahre Ich, unsere eigentliche Seelenkraft, die in der Lage ist, als „Herr“ in der „Kutsche“ des Lebens auch wirklich die Zügel zu halten und die rohen Kräfte zu bündeln.
Ein wichtiger Begriff in dieser Verwandlungs-Arbeit ist die „Seelen-Erinnerung“: Im Gurdjeff’schen Persönlichkeitsmodell wird davon ausgegangen, dass wir alle durch die Widrigkeiten des Lebens aus einer ursprünglichen Verbindung mit unseren Seelenkräften herausgefallen sind und daher die Möglichkeit eines erinnernden Anknüpfens daran unmittelbar gegeben ist.

Im zweiten Teil des Buches wird sowohl auf die Zahlensymbolik des Enneagramms eingegangen, als auch seine Anwendung als Prozessmodell dargestellt. Mit besonderem Interesse zeigt der Autor hier darüber hinaus auch Quellen auf, die als Einflüsse auf die Vertreter des „Vierten Wegs“ (Ouspensky, Nicoll, Bennett, u.a.), die sich in der Nachfolge Gurdjieffs sahen, beschrieben werden. Eine besondere Rolle wird dabei dem Engländer Rodney Collin eingeräumt, über den vermutlich das ursprüngliche Material an die Ur-väter/mütter des Enneagramms der Persönlichkeit (Ichazo, Naranjo, Palmer) gelangt ist.
Den Abschluss des Buches bildet eine unterhaltsame „Typisierung“ des Menschen Gregor I. Gurdjieff, die ihn in seiner eindrücklichen historischen Gestalt würdigt.

Es ist unschwer zu erkennen, dass ein psychologisch geschulter Enneagramm-Lehrer dieses Buch verfasst hat, für den das Aufzeigen von Entwicklungs- und Transformations-Wegen in besonderer Weise Bedeutung hat. Als Leserin mit ähnlichen Interessen, war mir die Lektüre daher auch ein besonderer Genuss und ich begegnete darin vielen zeitlosen Erkenntnissen über die Wandlungsmöglichkeiten durch bewusste Des-Identifikation – heute würde man das vielleicht den Weg der „Achtsamkeit“ nennen. Allein bei den detaillierten Beschreibungen der so genannten höheren Zentren und auch weiteren ausgefeilten Konzepten, deren Verstehen größere „Hirnakrobatik“ erforderte, ließ meine Aufmerksamkeit nach und eine gewisse Ermüdung machte sich bemerkbar.
Als Psychotherapeutin finde ich die Betonung der „Ich-Stärke“ wohltuend – gerade in einer Zeit, wo spirituelle Entwicklung oft als Überwindung jeglichen Ich-Bezugs missverstanden wird. Dass diesem gereiften „Ich“ als „Herr“ in einem Prozess des Persönlichkeits-Wandels eine besondere Rolle zukommt, kann ich aus meiner eigenen Erfahrungswelt nur bestätigen.
Kann man die Gesetze, die im Universum wirksam sind, wirklich in einer Wahrheitslehre abbilden? Hier komme ich als Kind meiner Zeit – erkenntnistheoretisch stark vom (postmodernen) Konstruktivismus geprägt – zu einem klaren Ver-Neinen. An dieser Stelle scheint mir eine gewisse Antiquiertheit in den Ansichten Gurdjieffs am stärksten greifbar zu werden. Allerdings würde ich immer unterschreiben, dass es wirkmächtige Landkarten gibt, mit deren Orientierungs-Hilfe neue und auch befreiende Erkenntnisse gefunden werden können. Das Enneagramm ist sicher eine davon.

Das Buch hat mich nachhaltig davon überzeugt, dass der Person Georg I. Gurdjieff in der Entwicklung und Weitergabe dieses alten Modells eine zentrale Schlüsselfunktion zukommt. Seine transformatorischen Ideen reichen weit in unsere heutige Zeit. Wilfried Reifarth möchte ich an dieser Stelle meine Hochachtung dafür aussprechen, in welch umfangreicher Recherchen-Arbeit er diesen Verdienst hier gewürdigt hat. Für jeden Enneagramm-Kenner, der an tieferen Zusammenhängen interessiert ist, absolut empfehlenswert!

296 Seiten, Lambertus-Verlag (11. April 2013), Freiburg, ISBN-10: 378412397X, 23,90 Euro

Maria-Anne Gallen (psycholog. Psychotherapeutin, Enneagramm-Lehrerin und – Autorin)

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