Wilfried Reifarth (Berlin) Der steinige Weg zur Neunsprachigkeit – Kommunikation und Enneagramm

Vortrag Wilfried Reifarth

Liebe Freundinnen und Freunde der Enneagramm-Idee, verehrte Skeptikerinnen und Skeptiker, sehr geehrte Andersdenkende,
herzlichen Dank für die Ehre, zu Ihnen sprechen zu dürfen.

Sie haben mich als Autor angefragt, und zugleich spreche ich aber auch zu Ihnen als ein Vertreter des Deutschen Enneagramm Zentrums (DEZ). Und in dieser Eigenschaft darf ich Ihnen die besten Grüße und guten Wünsche meiner Mitgesellschafterinnen und Mitgesellschafter überbringen.

Meinen Vortrag habe ich, wie Sie im Programm lesen konnten, interaktiv genannt. Gemeint habe ich damit die Einladung an Sie, mich unterbrechen zu können, wann immer es Ihnen angezeigt erscheint. Denn das Beste, was uns passieren könnte, wäre in der Tat, wirklich miteinander ins Gespräch zu kommen. Daneben leide ich unter einer Art deformation professionelle: Fast mein ganzes Berufsleben als Fort- und Weiterbildner für Menschen in helfenden Berufen war ich dem Medium „Vortrag“, der in unserem Jargon „Musik von vorne“ hieß, gegenüber skeptisch eingestellt. Kollidierte er doch mit meiner Grundüberzeugung: „Es gibt nicht Ünnützeres als Antworten, für die wir keine Fragen haben.“
Und woher soll ich Ihre Fragen kennen?
Ich bin also in einer etwas verzwickten Lage: Dem Medium „Vortrag“ eigentlich misstrauend, habe ich auf Doris Wetzigs charmante Anfrage nach einem ausführlichen Kennenlerngespräch „Ja“ zur Einladung gesagt. Ich verfüge über so gut wie keine einschlägige Vortragserfahrung und muss nun auch noch so tun, als würde ich Ihre Fragen kennen. Ich fürchte, da kann mir nur noch Anmaßung, also die Schwester meiner „vorherrschenden Leidenschaft“ Hochmut, weiterhelfen.

Meine große Hoffnung ist, dass Sie einem humorvollem Umgang mit ernsten Themen gegenüber nicht abgeneigt sind. Mir würde es jedenfalls sehr helfen, meine Gedanken und Anliegen auch auf diese Weise an Sie herantragen zu dürfen.

Soviel zur Vorrede.
Ich habe meinem Vortrag das Thema: „Der steinige Weg zur Neunsprachigkeit – Kommunikation und Enneagramm“ gegeben.

Es lohnt sich, wenn es um das Thema Kommunikation geht, buchstäblich bei Adam und Eva anzufangen. Denn hier finden wir bereits die grundlegenden Muster, die über Gelingen oder Misslingen einer Kommunikation entscheiden. Eine kurze Erinnerung:

Nachdem die Schlange Eva von den Vorzügen des Genusses der verbotenen „Früchte vom Baum der Erkenntnis“ überzeugt hatte („Ihr werdet wie Gott und er-kennt Gut und Böse“), und sie davon aßen, öffneten sich ihre Augen für ihre „Nacktheit“. Diese versuchten sie mit einem Schurz zu bedecken. Dann hörten sie „Gott gegen den Tagwind einherschreiten“. Weil sie sein Gebot übertreten hatten, versteckten sie sich „unter den Bäumen des Gartens“.

Und Gott der Herr rief Adam zu und sprach: Wo bist Du?
Er antwortete: Ich habe dich im Garten kommen hören; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.

Wie kommuniziert Adam?

Statt einfach, klar und direkt „Hier bin ich!“ zu sagen, antwortet er – wie soeben gehört – ausweichend und indirekt. Seine Art zu antworten erregt natürlich Gottes Argwohn. Denn dem biblischen Bericht zufolge fragt er:

Wer hat dir gesagt, dass Du nackt bist? Um dann selbst messerscharf folgernd fortzufahren: Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich Dir verboten habe?
Adam antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen.

Gott der Herr sprach zu der Frau: Was hast Du getan?

Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.

Und Gott der Herr, der tatsächlich zu dem steht, was er gesagt hat, indem er wahr macht, was er angekündigt hatte, verflucht die Schlange „unter allen Tieren des Feldes“. Adam und Eva entzieht er die paradiesische Leichtigkeit, und alles gerät ihnen in der Folge nur noch unter Schmerz und Mühsal und im „Schweiße ihres Angesichts“.

Und damit der Mensch, der – so Gott: „nun schon geworden ist wie wir: Er erkennt Gut und Böse“ – nicht nun auch noch die Hand nach dem „Baum des Lebens“ aus-streckt, „davon isst und ewig lebt!“, vertreibt Gott den Menschen aus dem Garten Eden. Die „Kerubim und das lodernde Flammenschwert“ bewachen seither den „Weg zum Baum des Lebens.“ (Nicht wenige von uns haben versucht, in der östlichen Spiritualität einen verborgenen Hintereingang nach Eden zu finden.)

Was also sind die wesentlichen Elemente für misslingende Kommunikation? Ich nenne sie in Form einer sog. paradoxen Verschreibung:

„Wenn Du willst, dass Kommunikation misslingt, dann

1) vergleiche Dich mit dem, der mehr bzw. Besseres hat als Du selbst. Beneide ihn und giere nach dem, was er Dir voraus hat!
2) Gib auf eine direkte Frage eine indirekte Antwort!
3) Wenn Du etwas verkehrt gemacht hast, gib dem Anderen die Schuld!“

Wie im biblischen Bericht führen diese „Verschreibungen“ auch heute noch bei kontinuierlicher Anwendung zum kommunikativen Desaster, zum Verlust der „paradiesischen Leichtigkeit“. Wir nennen diese Abwesenheit ursprünglicher Gesundheit Neurose, wenn sie sich mit der Unfähigkeit verbindet, aus Fehlern zu lernen, und diese Verhaltensmuster chronisch bzw. gewohnheitsmäßig werden.

Die theologisch Versierteren unter uns wissen, dass es im biblischen Bericht gleichsam einen kommunikativen Gegenentwurf zu Adam gibt: Es ist der Erzvater Abraham. Auf Gottes Anruf: „Abraham!“ antwortet er klar, direkt und eindeutig: „Hier bin ich.“ Und Gott, der Abraham auf die Probe stellen will, sagt:
„Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar.“

Abraham gehorcht.

Und kurz vor Vollendung des Opfers „rief ihm der Engel des Herrn vom Himmel her zu: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.“ Und der Engel befiehlt ihm, seine Hand nicht gegen den Knaben auszustrecken und ihm nichts zuleide zu tun. Denn Gott weiß nun, dass Abraham gottesfürchtig ist und ihm seinen einzigen Sohn nicht vorenthalten hätte. Statt seines Sohnes bringt er ihm einen Widder als Brandopfer dar. Und Gott schenkt ihm Segen in Fülle und eine Nachkommenschaft „zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand.“ Also fast eine Heilung.

Doch, wie wir längst wissen: Nichts ist wirklich von Dauer; das einzig Beständige scheint der Wandel zu sein. Wenn wir die biblischen Berichte aufmerksam lesen, können wir den Eindruck gewinnen, dass es mit der prinzipiellen Friedensfähigkeit des Menschen nicht zum Besten bestellt ist: Er scheint den Frieden nicht aushalten zu können.

Gier und Hybris finden ihren Kulminationspunkt in der Erzählung vom Turmbau zu Babel. Sie ist die uralte und doch vermutlich immer aktuelle, dramatisch-eindringliche Metapher für den für uns alltäglich erlebbaren Mangel, uns wirklich miteinander verständigen zu können. Kommunikation ist – im Gegensatz zu paradiesischen Zuständen – in unser aller Leben längst nichts selbstverständlich Gelingendes mehr. Sie wird viel öfter zum Problem als uns lieb sein kann.

Es heißt im biblischen Bericht:

Alle Menschen hatten die gleiche Sprache und gebrauchten die gleichen Worte. Als sie von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Land Schinar und siedelten sich dort an. Sie sagten zueinander: Auf, formen wir Lehmziegel und brennen wir sie zu Backsteinen. So dienten ihnen gebrannte Ziegel als Steine und Erdpech als Mörtel. Dann sagten sie: Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis zum Himmel und machen wir uns damit einen Namen, dann werden wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen.
Da stieg der Herr herab, um sich Stadt und Turm anzusehen, die die Menschenkinder bauten. Er sprach: Seht nur, ein Volk sind sie und eine Sprache haben sie alle. Und das ist erst der Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts mehr unerreichbar bleiben, was sie sich auch vornehmen.
Der Herr zerstreute sie von dort aus über die ganze Erde und sie hörten auf, an der Stadt zu bauen. Darum nannte man die Stadt Babel (Wirrsal), denn dort hat der Herr die Sprache aller Welt verwirrt, und von dort aus hat er die Menschen über die ganze Erde zerstreut.
(Gen 11,1-9)

Die Geschichte vom Turmbau legt die Deutung nahe, dass selbst das raffinierteste Menschenwerk, wenn ihm die Verbindung zum Göttlichen verloren geht, im Nichtverstehen, also dem kommunikativen Desaster, endet.

„Auf, steigen wir hinab und verwirren wir dort ihre Sprache, sodass keiner mehr die Sprache des Anderen versteht.“ So lautet das göttliche Verdikt.

Mit den Versuchen der besten Köpfe der Menschheit, diesem Problem zu Leibe zu rücken, lassen sich heutzutage umfangreiche Bibliotheken füllen. Diese jahrtausendealten Bestrebungen erlebten ab dem dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine Renaissance und eine Verdichtung bzw. Fokussierung, die uns enorme Erkenntnis-fortschritte geschenkt hat: die Wissenschaft von der menschlichen Kommunikation.

Übergroß leuchten für mich darin zwei Gestalten: Gregory Bateson und Martin Buber.
Beider Einflüsse lassen sich in ihrer Bedeutung kaum überschätzen. Sie waren – jeder auf seine unverwechselbare Weise – zutiefst davon überzeugt, dass ohne wirkliches Verstehen keine wirkliche Begegnung möglich sei, und ohne diese keine wirkliche Heilung. Beider Werke liefern uns schmerzlich-genaue Landkarten der Bedingungen und Gründe, warum menschliche Kommunikation stets der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt ist. Beiden genialischen Denkern war es nicht oft vergönnt, von ihren Zeitgenossen wirklich verstanden zu werden. Sie waren gleichsam Kartographen des bis dahin Unbekannten, weil Unbegriffenen.

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, heißt es bei Hölderlin. Aus dem Ozean des Missverstehens ragt die Enneagramm-Idee wie ein Leuchtturm hervor. Sie enthält für mich eine Verheißung, die dem babylonischen Menetekel ziemlich viel von seiner entmutigenden Aussichtslosigkeit nimmt.

Ich höre sie sagen:

„Seid nicht hoffnungslos! Euer Problem ist prinzipiell lösbar. Selbst wenn „eure Sprachen verwirrt sind, sodass keiner mehr von Euch die Sprache des anderen versteht“, braucht ihr deswegen keine Angst zu haben! Denn in Wirklichkeit gibt es gar keine unendliche Vielzahl von Zungen, es gibt gar kein unentwirrbares Kauderwelsch, kein chronisch gewordenes Stirnrunzeln, kein verständnisloses Achselzucken, das als immerwährendes Verhängnis über Euch schweben müsste. Ihr braucht nur neun Sprachen zu lernen, also weniger als zwei Hände voll.

Wenn Ihr diese neun Sprachen so sorgfältig erlernt, als seien es die Dialekte eurer Geschwister, dann wird es Euch nirgendwo auf der Welt mehr so vorkommen, dass die Sprachen für Euch verwirrt sind. Ihr werdet Euch überall verständigen können, denn ihr könnt Euch mit dem Anderen auf eine Verstehens-Ebene begeben, die unterhalb eurer kulturell geprägten Verschiedenheit liegt!“

Das ist für mich die Verheißung der Enneagramm-Idee.

Und ich sehe in ihr die wirksame und nachhaltig wirkende Arznei gegen die über Jahrtausende fortdauernden Folgeschäden des missglückten Turmbaus zu Babel. Diese Idee hat die Kraft dazu, und ihr Potenzial ist so komplex, dass es in einem Menschenleben kaum auszuschöpfen ist.

Sie ist das überzeugend-stimmige Gefäß für einen für mich heilig zu nennenden Inhalt: die Idee des Friedens in unserem Inneren, mit unserem Nächsten und mit unserem Fernsten, den wir aus Furcht, aus Unbeholfenheit und Unkenntnis unseren „Feind“ nennen müssen.

Aber: Sie ist nur eine Idee, eine Option, mehr nicht. Es liegt an Dir, sie in dein Leben, und an mir, sie in mein Leben zu holen. Die dabei zu tuende (Entwicklungs-)Arbeit ist genau beschrieben, die Aufträge sind klar. Du und ich – wir können diese Arbeit nicht delegieren, wir müssen sie selbst ausführen, Schritt für Schritt, mit wachem Geist und immer wieder aufs Neue. Freilich aus „Wille und Gnade in einem“ (Buber), denn wir sind nicht die Schöpfer unserer selbst. Sehr wohl aber sind wir die Verwirklicher eines in uns bereits von unserem Beginn an vorhandenen Potenzials.

(Soviel zur Eröffnung. Ich glaube, es kann nicht schaden, nun wieder festen Boden unter beide Füße zu bekommen. Lassen Sie uns also enneagrammatisch konkret werden.)

Die neun Ennea-Muster – ein etwas anderer Überblick
Es hieße sicherlich, Eulen nach Athen zu tragen, wenn ich Sie an dieser Stelle mit den vertrauten inhaltlichen Charakteristika der neun Muster behelligen würde. Deshalb habe ich mich (versuchsweise) für eine Kombination zweier anderer Zugänge entschieden, um dennoch direkt in die Welt des Enneagramms eintauchen zu können:
• einen akustisch-energetischen Weg und
• charakteristische Witze.

Erstere, also die akustisch-energetische Annäherung, basiert auf Erfahrungsberichten, die Angehörige desselben Ennea-Musters jeweils nach einer Gruppenarbeitsphase im Plenum eines Seminars zum Thema: „Führen und Leiten im sozialen Bereich“ zum Besten gaben. Eigentlich sollten sich die Teilnehmenden mit ihrer je besonderen Art des Führens und Leitens auseinandersetzen. Wie Sie hören werden, kam es etwas anders, als es geplant war.
(Ich werde beim Verlesen dieser Berichte die musterspezifische Betonung übertreiben, um ihre Charakteristik deutlicher hervortreten zu lassen.)
Letztere, also die Witze, übertreiben eine oder mehrere Macken bzw. Eigentümlichkeiten des jeweiligen Musters in karikierender Weise – getreu dem Motto: „Der Scherz ist das Loch, durch das die Wahrheit pfeift.“ Von Ausgewogenheit kann leider nicht die Rede sein. Ich bitte um Nachsicht!

Ennea-Muster EINS

„Also wir haben sofort unseren Gruppenraum gefunden, haben die zur Verfügung stehende Zeit – es ja vorher solange im Plenum gequatscht worden, dass uns faktisch schon zehn Minuten von der vereinbarten Zeit verloren gegangen – also, die noch verbleibende Zeit haben wir eingeteilt in die Themen, die wir bearbeiten wollten. Dann haben wir uns schnell auf jemanden geeinigt, der die Moderation machen sollte – und haben zügig losgelegt. Etwa zehn Minuten vor der verabredeten Zeit waren wir mit der Arbeit fertig.
Wir sind dann zurück in die Großgruppe gegangen, waren pünktlich dort und – kein Mensch war da! Und dafür strengt man sich nun an und bemüht sich, alles ordentlich zu machen, und kein Schwein hält sich an die Abmachungen. Also sowas finden wir nicht in Ordnung, und ihr als die Leitung hättet ruhig ein bisschen mehr Druck machen können, dass es wenigstens hier im Seminar mal so läuft, wie es verabredet war. Es ist ja wie zu Hause.“
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Kommt ein Skelett in eine Bar und sagt: „Ich hätte gern ein Bier und einen Lappen“
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Ennea-Muster ZWEI

„Wir waren ja leider nur zu dritt. Wir haben dann schließlich auch noch einen Raum gefunden für uns, war zwar ein bisschen klein, aber war uns auch nicht so wichtig. Jedenfalls hatten wir auf Anhieb ein sehr gutes Gesprächsklima. Wir waren sehr schnell vom Thema „Leitung“ weg und haben – es weiß eigentlich keiner wieso – Kindheitserlebnisse ausgetauscht. Das hat uns dann doch sehr berührt, wie viele Parallelen es zwischen uns gibt. Irgendwann guckte einer von uns mal auf die Uhr, und wir stellten fest, dass die Zeit ja schon rum war. Und dabei waren wir gerade mal beim Übergang vom Kindergarten auf die Grundschule. Also, wir hätten noch stundenlang so weitermachen können. Es war eine tolle Atmosphäre. Wir fühlten uns total verstanden.“
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Der berühmte Zwerg Minimax feiert triumphale Erfolge in einem Londoner Varieté. Jeden Abend sind die Vorstellungen ausverkauft. Das Publikum ist begeistert.
Ein Journalist verabredet sich mit dem Künstler zu einem Interview in dessen Hotel.
Zum verabredeten Zeitpunkt klopft er an die Tür der Suite. Es öffnet ihm ein Riese.
Etwas verdutzt stammelt der Journalist, dass er mit Mr. Minimax, dem berühmten Zwergen, verabredet sei.
„Das bin ich. Zuhause mache ich es mir bequem!“
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Ennea-Muster DREI

(Sie weigerten sich, als Dritte zu berichten, sondern wollten erst die Berichte der anderen abwarten. Ihr Bericht wird hier also „vorgezogen“, tatsächlich würde er ans Ende gehören.)

„Also ehrlich gesagt, wir konnten mit dem Ganzen wenig anfangen. Wir haben dauernd versucht, den Nutzeffekt zu erkennen oder was das Ganze überhaupt bringen soll – wir haben nichts gefunden. Ja, und dann haben wir überlegt, was wir statt dessen machen sollen. Und plötzlich waren wir in einem ganz spontanen Gespräch über so’n paar Projekte, die einige von uns am Laufen haben. Das war wirklich sehr gut, da waren jede Menge neue Ideen drin. Und irgendwie fanden fanden wir’s alle ganz toll, was wir für spannende Leute in unserer Gruppe sind.“
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Treffen sich zwei Workaholics. „Wie geht’s?“ fragt der Eine. „Danke gut“, sagt der Andere, „ich arbeite ein bisschen viel – aber ich arbeite dran!“
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Treffen sich zwei Schulfreunde. Der Eine erzählt etwa eine Dreiviertelstunde von sich, schaut dann etwas erschrocken auf die Uhr und sagt: „Mensch, jetzt hab‘ ich ‘ne Dreiviertelstunde nur von mir erzählt! – Jetzt sag Du doch mal, wie Du mich findest!“
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Treffen sich zwei berühmte Rabbiner nach längerer Zeit und tauschen sich unter anderem über die Anzahl ihrer Diener aus. Der eine hat fünf, der andere sechs. Sie vergleichen und stellen fest, dass sie fünf Diener für identische Aufgaben haben. Fragt der Andere: „Was ist mit deinem sechsten Diener?“ Antwortet der Erste: „Der sechste Diener ist mir der wichtigste. Bei allem, was ich sage und tue, steht er hinter mir und ruft: Wunderbar! Einfach wunderbar!“
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Ennea-Muster VIER

„Wir sind ja nur zu zweit gewesen. Wir haben erst so ganz allmählich den Einstieg gefunden, weil wir schon ein bisschen enttäuscht waren, dass wir nur zu zweit gewesen sind. Wenn’s mehr Leute gewesen wären, hätten wir’s doch einfacher gehabt. Am Anfang ging es uns beiden gar nicht so gut dabei. Das hat natürlich jede von der Anderen sofort gespürt. Aber es ging dann doch irgendwie. Wir haben uns darüber unterhalten, wie wir solche Situationen sonst so erleben. Irgendwie kommt uns das alles bekannt vor, weil wir ja in dieser Beziehung sowieso öfter Pech haben. Aber eigentlich haben wir uns gut verstanden. Wir konnten uns endlich mal über’n paar Sachen unterhalten, über die man im großen Kreis doch nicht reden kann, weil sich ja niemand dafür interessieren würde. Irgendwie ist es uns richtig schwergefallen, hier wieder herzukommen, weil – so’ne Verständigungsbasis haben wir einfach nicht miteinander.“
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Ein Mann sitzt am Schreibtisch. Es klopft. „Herein!“ Der Tod steht in der Tür. Er fragt den Mann am Schreibtisch: „Wie geht’s?“
Der Angesprochene antwortet: „Danke, ganz gut. Und selbst?“
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Eine Ameise verliebt sich unsterblich in einen riesigen Elefanten. Am nächsten Morgen wacht sie nach einer rauschenden Liebesnacht in den mächtigen Armen ihres Geliebten auf und stellt fest, dass dieser nicht mehr atmet. Die Wonnen der Nacht hatten ihm wohl zu sehr zugesetzt.
Tieftraurig sagt die Ameise zu sich: „So ist mein ganzes Leben! Ich verbringe eine wunderbare Nacht – und den Rest meines Lebens mit dem Verscharren der Leiche.“
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Zwei Männer sitzen im Abteil eines Zuges. Klagt der eine in regelmäßigen Abständen: „Hab ich ‘nen Durst! Hab ich ‘nen Durst!“
Der Andere – zunehmend davon genervt – gibt ihm seine Wasserflasche. Der Erste bedankt sich artig und trinkt. Eine Weile ist’s ruhig. Und dann plötzlich, hinter einer Kurve: „Hatt‘ ich ‘nen Durst! Hatt ich ‘nen Durst!“
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Ennea-Muster FÜNF

„Wir haben uns getroffen und mal kurz rumgefragt, ob jemand schon mal was über das Enneagramm gelesen hat. Es war keiner dabei, der genau Bescheid wusste. Und da hatten wir die Idee, erst mal in eure tolle Bibliothek zu gehen und uns ein paar Bücher über das Enneagramm anzugucken. Wir hatten dann in der Kartei auch jede Menge Bücher gefunden, aber die waren alle ausgeliehen. Die wären bei W. R. im Büro. Jetzt wussten wir erst nicht, ob da jemand von uns hingehen sollte und mal nachgucken, aber das war uns dann doch zu blöd. Wir haben’s dann gelassen. Ja, also eigentlich können wir zu dem Enneagramm nichts sagen, weil – wie gesagt – die Bücher war’n ja alle ausgeliehen. Tut uns irgendwie leid, aber …“
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Zwei Mathematiker beobachten vor einem Kindergarten,
dass drei Kinder hineingehen
und fünf herauskommen.
Sagt der Eine zum Anderen:
„Wenn jetzt noch zwei Kinder hineingingen,
wäre kein Kind mehr drin.“
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„Papa, die Müllabfuhr kommt!“
„Sag ihnen, dass wir nichts brauchen!“
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„Schatzi, morgen ist Valentinstag. Schenkst du mir Blumen?“
„Seit wann heißt du Valentin?“
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Drei Personen stehen auf dem Dach eines brennenden Hauses: ein Theologe, ein Techniker und ein Mensch des Musters FÜNF. Das Sprungtuch ist aufgespannt und der Kommandant gibt Order loszuspringen.
Der Theologe nähert sich der Brüstung, blickt nach unten, dann nach oben, erbittet den Segen, und springt. Er landet wohlbehalten im Sprungtuch.
Der Techniker imitiert die beobachteten Parameter genau: Anlaufgeschwindigkeit, Absprungwinkel, Körperhaltung in der Luft. Auch er landet wohlbehalten.
Der FÜNFer-Mensch springt als Letzter – und landet in der Erdumlaufbahn. Was war passiert? Vorzeichenfehler bei der Berechnung!
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Ennea-Muster SECHS

„Wir haben uns mit der Aufgabe sehr schwer getan. Eigentlich kommt uns ja das ganze Seminar sowieso ein bisschen merkwürdig vor. Irgendwie fällt’s schwer, den roten Faden zu finden. Man hat ja hier doch öfter das Gefühl, ganz schön manipuliert zu werden. Und da passt das Enneagramm doch genau rein. Es wird eigentlich immer unklarer, was das Ganze überhaupt soll. Wir hatten Probleme, so richtig ins Gespräch zu kommen. Irgendwie wusste keiner von uns so recht, wie weit wir da gehen können. Im Nachbarraum, die waren so laut, dass man jedes Wort von denen mithö-ren konnte. Also – irgendwie kommt uns das Ganze nicht so richtig geheuer vor. Aber wir ham’s auf jeden Fall mal probiert, und insofern könnt ihr uns keinen Vorwurf machen.“
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Ein Mann wacht regelmäßig mitten in der Nacht schweißgebadet auf, weil er ein Geräusch wie Flügelschlagen in einer Ecke seines Schlafzimmers hört. Manchmal sieht er auch den Schatten einer Gestalt. Es zehrt an seinen Nerven. Er sucht deswegen einen Neurologen auf. Dieser hat den Ruf, unkonventionell zu arbeiten.
Er hört sich die Geschichte des Mannes an. Und da sie in Amerika spielt, fragt er den Mann unvermittelt, ob er einen Revolver besitze. Was dieser selbstverständlich bejaht.
Der Neurologe rät seinem Patienten, den Revolver unter sein Kopfkissen zu legen und einfach auf die Erscheinung zu schießen, wenn sie sich demnächst wieder einmal zeigen solle.
Mehrere Wochen hört der Neurologe nichts von seinem Patienten. Eines Morgens entdeckt er beim Frühstück die Schlagzeile in der Zeitung: „Mann erschießt seinen Schutzengel!“
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Sagt der Pessimist: „ Ich glaub’, das Schlimmste haben wir hinter uns.“
Antwortet der Optimist: „Hast du ’ne Ahnung!“
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Anruf beim Finanzamt: „Saache se emol, brauch isch eischendlich als Schizophrenä ä zwaat Schtoiärkadd?“
Antwort: „Ja, wenn sie beide arbeiten!“
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Ennea-Muster SIEBEN

„Also Leute, uns ist was Irres passiert, also Waaahnsinn! Als wir in die Gruppen gehen sollten, da hatten wir alle die Schnauze so voll von dem ganzen Zahlenkram und den Typen und dem ganzen Gedöns – also keiner von uns hatte noch Bock auf Kleingruppe.
Und da haben wir uns ruckzuck verständigt, dass wir einfach nicht mehr mitmachen. Und jeder ist weggegangen, in sein Zimmer oder raus oder was weiß ich sonst wo hin. Also bei mir war der Frust so schlimm, dass ich gedacht hab‘: Gehst erst mal ins Zentrum und guckst mal, ob’s nicht was Leckeres gibt, ‘n Eis oder ‘n Cappucino oder ‘n Stück Kuchen oder so. Also ich geh los, und stellt Euch vor, was passiert: Ich sitz‘ also kaum in dem Eiscafé drin, da kommt eine aus unserer Gruppe da auch rein. Großes Hallo! Und was soll ich Euch sagen – nach einer Viertelstunde war unsere ganze Gruppe in dem Eiscafè versammelt. Da war was los! Das war eine derart irre, eine sagenhafte Stimmung. Könnt Ihr Euch das vorstellen? Also – wir ham beschlossen: Heut‘ Abend im (Freizeit-)Keller machen wir weiter!“
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Kommt ein Mann zum Bäcker. „Ich hätte gerne 99 Brötchen.“
„Wieso nehmen sie denn nicht 100?“
„Wer soll denn die alle essen?“
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Ein SIEBENer-Mensch kommt – ganz anders als geplant – bei einem Unfall ums Leben. Er findet sich in der Hölle wieder und realisiert blitzschnell, dass dieser Ort weder komfortabel noch in irgendeiner andern Weise attraktiv ist: Alles stinkt ihm buchstäblich. Er sinnt auf Abhilfe.
Dann lässt er sich einen Termin beim Boss der Hölle geben und klärt diesen sehr beredt darüber auf, wie viel hier doch im Argen liegt – von undichten Leitungen über rostende Verbindungen bis zu Lecks in den Kesseln. Er sagt, dass er durchaus Ideen hätte, wie man das beheben könne, und wie sehr das die Energiebilanz dieses Ortes verbessern würde. Seine Bedingung sei allerdings, dass er ins Fegefeuer „promoviert“ werde.
Der Boss ist durchaus nicht abgeneigt, zumal ihn die ewig gleichen Abläufe durchaus hin und wieder zu langweilen beginnen. Er stimmt also zu.

Der SIEBENer-Mensch findet sich im Fegefeuer wieder.

Doch auch hier sind die Umstände alles andere als attraktiv, nur mit dem Unterschied, dass es ein Kommen und Gehen gibt. Einen längeren Aufenthalt kann er sich auch hier beim besten Willen nicht vorstellen. Also: dieselbe Prozedur! Termin beim Chef, Verbesserungsvorschlag im Rahmen des betrieblichen Vorschlagswesens. Diesmal: „Überwachung der Aufenthaltsdauer und Fristeneinhaltung durch Microsoft-Excel-gestützte Administration.“ Derselbe Deal wie vorher: Promotion im Erfolgsfall in die „Erste Klasse“.

Der SIEBENer-Mensch findet sich also im Himmel wieder. Es gefällt ihm, er findet es cool.

Eines Tages sieht er den weißhaarigen alten Mann zu seiner Linken sitzen, gramgebeugt, verhärmt und blass. In seiner jovialen Art spricht der Alten an: „Du bist in letz-ter Zeit nicht mehr so gut drauf. Was ist los mit Dir? Hast Du was?“ Der alte Mann antwortet mit brüchiger Stimme: „Ich frage mich die ganze Zeit, wozu Du mich noch als Stellvertreter brauchst.“
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Ennea-Muster ACHT

„Wir verstehen die ganze Aufregung hier nicht. Wo soll denn da überhaupt ein Problem sein? Wir haben uns einen Gruppenraum genommen, der uns gefiel, es waren ja genug da am Anfang, ham uns hingehockt und einfach losgelegt. ‚Wieviel Leichen hast Du, Du oder Du im Keller?‘ Das haben wir sauber durchdekliniert und dann noch so’n paar Jokes aus der Firma erzählt, und dann war’s das. Wir waren uns im Prinzip schnell einig: Wo gehobelt wird, da fallen Späne! Noch keine Stunde und da war’n wir fertig.
Also Freunde, wo liegt das Problem? Wie manche von Euch sich da einen abbrechen und gottweißwie anstellen, das ist ja schon fast jämmerlich. Also, was is Sache? Die Klamotten auf‘n Tisch gepackt und fertig! Was’n sonst?“
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Ein Samurai durchtrennt blitzschnell den Hals des Delinquenten mit einem glatten Schwerthieb. Dieser fragt: „Wann ist es endlich soweit?“
Darauf der Samurai: „Nick mal!“
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Ennea-Muster NEUN

„Tja, irgendwie ham wir wahrscheinlich die Aufgabe nicht richtig mitgekriegt. Wir waren irgendwie noch ganz damit beschäftigt, ob wir nun ‘ne NEUN sind oder was anderes, und da gab’s dann so ’ne Hektik mit den Gruppenräumen. Wir wussten jetzt auch nicht so genau, wer alles so zu unserer Gruppe gehören soll. Auf einmal war‘n zwei von uns weg, vielleicht zur Toilette oder was, ich weiß es nicht. Jedenfalls saßen und saßen wir dann da und ham gewartet.
Ja, und irgendwann kamen die Ersten von Euch ja plötzlich auch schon wieder – ich glaub‘, die ACHTer war’n das und haben einfach Tischtennis gespielt. Irgendwie hat sich’s dann auch nicht mehr gelohnt, noch mal anzufangen. Also, wir können jetzt eigentlich gar nichts Genaues zu der NEUN sagen. Wir brauchen einfach noch‘n bisschen mehr Zeit!“
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Ein Mann beugt sich zu weit über die Brüstung seines Balkons in der zweiten Etage. Er verliert den Halt, fällt und schlägt unten auf dem Rasen auf. Kommt ein Passant vorbei und fragt: „Wie geht’s ihnen?“ Der Mann antwortet: „Weiß ich noch nicht. Bin gerade erst angekommen.“
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Ein Berner geht im Oberland spazieren. Seit vier Stunden wird er von einer Schnecke verfolgt. Ganz plötzlich dreht er sich um und zertritt die Schnecke heftig. Ein Tierschützer beobachtet das Ganze und zeigt denn Mann an. Es kommt zur Verhandlung.
Der Richter fragt: „Angeklagter, warum haben Sie den Schneck getötet?“ Der antwortet: „Herr Richter, vier Stunden hat er mich verfolgt. Da hab ich’s im Affekt getan.“
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Wie einige von Ihnen, liebe Ennea-Freundinnen und -Freunde, möglicherweise erinnern, habe ich mich in meinen zweiten Buch „Wie anders ist der Andere?“ mit der Verbindung zwischen den Zwölf Schritten der Anonymen Alkoholiker (AA) und dem Enneagramm befasst. Weit weniger ernsthaft möchte ich den (hoffentlich erheiternden) Exkurs in meinem Vortrag beschließen, indem ich (augenzwinkernd) alle Musterangehörigen einer passgenauen Selbsthilfe-Gruppe zuordne. Sie könnten sich wie folgt nennen:

Muster EINS: Anonyme Grollschieber
Muster ZWEI: Anonyme Beziehungssüchtige
Muster DREI: Anonyme Ruhmsüchtige
Muster VIER: Anonyme Emotionale
Muster FÜNF: Anonyme Anonyme
Muster SECHS: Anonyme Zweifelsüchtige
Muster SIEBEN: Anonyme Unersättliche
Muster ACHT: Anonyme Zupacker
Muster NEUN: Anonyme Aufschieber

Das AHLMOZ-Prinzip: Grundfaktoren des Zwischenmenschlichen

Fünfunddreißig Jahre lang habe ich (als gelernter Diplom-Psychologe) hauptberuflich bei einem bundeszentralen Träger Fort- und Weiterbildungsseminare für Menschen aus helfenden Berufen geleitet. Mit den insgesamt ca. 20.000 Menschen kam einiges an Lernmöglichkeiten für mich zusammen. Die Seminar-Gruppen hatten durchschnittlich etwa 30 Teilnehmende und dauerten anfangs sechs, später fünf Tage. Es war eine Ansammlung von Frauen und Männern unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlich langer Berufserfahrung, sehr verschiedenen Temperaments und sehr verschiedener regionaler Prägung und Dialektfärbung. Gleichsam alle westdeutschen „Stämme und Gaue“ waren vertreten, ab 1990 auch die ostdeutschen. Die einzige Gemeinsamkeit schien in ihrer Verschiedenheit zu bestehen.
Dreißig und mehr Menschen bilden im Fachjargon eine Großgruppe, und diese „funktioniert“ nach anderen Regeln und Gesetzmäßigkeiten, als dies sogenannte Kleingruppen tun. Sehr früh bereits wurde für mich die Frage existenziell, wie es gelingen könnte, einen solch komplexen Gruppenprozess verantwortlich zu steuern und das ihm innewohnende Potenzial zur Entfaltung zu bringen, indem die Beteiligten von ihren wunderschönen Ressourcen wechselseitig profitieren könnten. Das setzte natürlich gelingende Kommunikation voraus. (In der fachöffentlichen Meinung galt selbsterfahrungsbezogenes Arbeiten im offenen Großgruppenprozess damals als ein Ding der Unmöglichkeit.)
Ich mache es an dieser Stelle kurz: Ich konnte in jahrzehntelanger Arbeit herausfinden und nachweisen, dass es nur wenige Faktoren sind, die gleichsam in einer dynamischen Balance zu halten sind und die deshalb besondere und kontinuierliche Aufmerksamkeit der Leitungsverantwortlichen erfordern. Sie heißen: Angst, Liebe, Macht, Ordnung, Zeit, Humor. Der besseren Merkbarkeit willen habe ich die Faktoren als „AHLMOZ-Prinzip“ bezeichnet. Später kam noch der Faktor Gier hinzu.

Am Beginn der Suche stand eine simple Beobachtung: Anfangs-Situationen im Gruppengeschehen unterscheiden sich deutlich von Situationen, die im Gruppenverlauf zu späteren Zeitpunkten auftreten. Während erstere durch Anspannung, vermehrte Unruhe, Vorsicht, lauerndes Zuhören, geringe Fehlertoleranz, latente oder offene Aggressivität, taktische Zurückhaltung, Sondierung der Gesamtsituation auf verborgene Bedrohung und ähnliches gekennzeichnet ist, imponieren spätere Prozessphasen durch die Abwesenheit der meisten oder gar aller dieser Merkmale. An ihre Stelle tritt, wenn der Prozess günstig verlaufen ist, heitere Gelassenheit. Der Schluss liegt nahe, dass der Faktor Zeit eine Rolle spielt. Genauer: Dass der Umgang miteinander durch zunehmendes Vertraut-Werden eine generelle Entspannung erfährt und diese Entspannung bestimmte Vorsichtsmaßnahmen überflüssig werden lässt. Oder kürzer gefasst: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Angst und Zeit derart, dass sich mit zunehmender Zeit das Ausmaß der Angst verringert.
Genauso verhält es sich mit der Wechselwirkung der anderen Faktoren (Liebe, Macht, Ordnung, Humor und Gier). Deren detaillierte Ableitung würde den Rahmen dieses Vortrags jedoch sprengen. (Gelegenheit bietet sich bei Interesse ausreichend im morgigen Workshop.)

Das AHLMOZ-Prinzip in Kurzfassung

Ich erkenne deine Angst und nehme wahr, dass sie dich einschränkt. Mir behagt dieser Zustand nicht – ich möchte ihn ändern. Ich antworte auf deine – von mir wahrgenommene – Angst mit meiner Liebe. Es kommt bei dir an. Du schenkst mir Vertrauen und gibst mir Macht: Du erlaubst mir, Einfluss auf dich zu nehmen.
Wenn du mir diese Macht gibst, weil ich deine Angst erkannt und sie mit meiner Liebe zu überwinden geholfen habe, entsteht ein Vertrauensbündnis zwischen uns. Die Kraft der Liebe wirkt auf mich zurück. Sie macht mich freier, genauso, wie sie dich freier gemacht hat.
Gleichermaßen beeinflusst sie meine Idee von Ordnung: Die Abläufe und die Reihenfolgen, von denen ich einen inneren (und festgefügten) Plan habe, und von denen ich meinte, dass sie genau dort und genau dann und genau so zu geschehen hätten, diese „Ordnung“ weicht auf. Es entsteht in mir der Wunsch, eine „Ordnung“ zu wagen, die uns beiden angemessener ist.
Gleiches geschieht mit meiner inneren Beziehung zum Faktor „Zeit“: Das Lebendige und alles, was ihm dient, gewinnt für mich an Attraktivität. Ich erlebe es als ungleich wertvoller, in der mir gegebenen Zeit wirklich gegenwärtig zu sein, anstatt aus der Gegenwärtigkeit zu fliehen, indem ich dem sonst noch zu Erledigenden Priorität gebe, zu Lasten deiner Gegenwart. Ich verhalte mich so, als sei die Zeit zu meinem Freund geworden. Es gibt nichts zu knapsen und zu geizen.

Bemerkung „vor der Klammer“: Bitte bei alledem den Humor nicht verlieren!

Ich möchte mein Augenmerk im nächsten Schritt auf den Faktor Ordnung richten.

Die Bedeutung dieses Faktors für die menschliche Kommunikation und Interaktion kann m. E. gar nicht überschätzt werden. Ordnung ist das weite Schlachtfeld, auf dem sich im Zwischenmenschlichen alltäglich die meisten Scharmützel entzünden – wo das vormals lebendige Gespräch in die Sprachlosigkeit versinkt, wo Liebe und Füreinander-attraktiv-Sein unmerklich zwischen die Mühlsteine geraten, wenn wir nicht dauerhaft achtsam bleiben. Ordnung und ihr Gegenstück, die Abweichung von dem, was wir für zulässig bzw. richtig halten, sind die Kriegsgründe par excellence. Das galt und gilt im Bereich des Zwischenmenschlichen, im Bereich der Gesellschaft und zwischen den Völkern und Nationen.

Was liegt also näher als die Annahme, dass es neun Ordnungen geben muss, mit anderen Worten, dass sich das Enneagramm als “wahres Modell des Lebendigen“ beweist, indem es diese Unterscheidung möglich, plausibel und nachprüfbar macht? Es geht also um neun verschiedene Ideen davon, wie etwas zu sein hat, damit es „ordentlich“ ist.

Ohne weitere Vorrede gebe ich Ihnen nun zunächst einen Überblick in Gestalt von neun Motti, die die jeweilige Eigentümlichkeit der einem Ennea-Muster zugrunde liegenden Idee von Ordnung beschreibe

Enneagrammatische Differenzierung des Faktors Ordnung

Ennea-Muster EINS: Chaos – mein Feind

• Das Ordnen von Umständen, die in Unordnung geraten sind, beherrscht mein Leben.
• Wenn ich nicht für Ordnung sorge, versinkt die Welt im Chaos.
• Äußere Ordnung gibt mir Sicherheit, im Chaos fühle ich mich unbehaglich.
• Ordnung erlaubt es mir, die jeweilige Situation unter Kontrolle zu behalten.
• Ordnung verschafft mir Übersicht und einen schnellen Zugriff auf Dinge, die ich gerade benötige.
• Ich habe eine Abneigung gegen „Staubfänger“ aller Art.
• Unordnung, die ich zu verantworten habe, ist rufschädigend.
• Unordentliche Menschen sind mir suspekt.
• Wer meine Ordnung stört, ist mein Feind.
• Ich bin davon überzeugt, dass meine Ordnung deiner Ordnung überlegen ist.

Ennea-Muster ZWEI: Chaos – mein Flirt

• Ordnung hat eine dienende Funktion; sie kann jederzeit durch eine bessere ersetzt werden.
• Ordnung um der Ordnung willen macht mir Beklemmungen.
• Ordnung hat eine ästhetische Funktion: Sie soll Schönheit und Harmonie vermehren und das Wohlgefühl aller steigern.
• Situationen, die in Unordnung geraten sind, fordern mich heraus. Sie geben mir Gelegenheit, als Retter und Wohltäter zu erscheinen.
• Beim Ordnen von Situationen ist es mir wichtig, originelle Wege und Lösungen zu finden.
• Ordnung ohne Abweichung finde ich steril; es ist wie ein Leben ohne Geheimnis – fast wie Freiheitsberaubung.
• Das chaotische Potenzial sollte hinter jeder Ordnung hervor blinzeln; diese Spannung erzeugt Lebendigkeit.
• Lebendige Prozesse, die äußerlich dem Chaos verwandter sind als der Ordnung, vitalisieren mich.
• Der wichtigste Anwendungsbereich von Ordnung ist ein konstruktives Miteinander von Menschen.

Ennea-Muster DREI: Sein im Design

• Die attraktivste Form der Ordnung ist für mich die gekonnte Beschränkung auf das absolut Notwendige.
• Mit Ordnung verbinde ich Rangordnung: nur vorne und oben gibt es die Möglichkeit, meine Idee von Ordnung durchzusetzen.
• Ordnung ist ein Vehikel, um eine bestimmte Wirkung oder einen bestimmten Eindruck zu erzielen.
• Die beste Ordnung entsteht durch gelungenes Design, raffiniertes Styling und optimierte Funktionalität. Für mich ist das Beste gerade gut genug.
• Ordnung hat den Zweck, die Zugriffszeit auf etwas Wichtiges zu verkürzen, und damit die Nutzung effizienter zu machen.
• Mir sind Schnörkel und Verzierungen zuwider.
• Wirkliche Störfaktoren bei meinen Versuchen, komplexe Sachverhalte zu ordnen, sind die Emotionen anderer Menschen.

Ennea-Muster VIER: Ordnung – meine Exklusivität

• Ordnung, wie ich sie mir vorstelle und wirklich attraktiv finde, lässt sich derzeit nicht verwirklichen.
• Für das, was die meisten Menschen ordentlich nennen, habe ich oft nur Verachtung übrig.
• Ordnung zu schaffen, kostet mich Disziplin und Überwindung.
• Zuviel Ordnung macht mich aggressiv und verstärkt mein Lebensgefühl, nicht dazuzugehören.
• Wenn ich nicht aufpasse, wird meine Art von Ordnung leicht zur Schlamperei.
• Ich kann viel mehr Chaos aushalten als die meisten Menschen.
• Etwas in mir hält mich davon ab, mich selbst zurechtzuschaffen.
• Eine innere Stimme scheint zu raunen: „Es hat ja doch keinen Zweck!“

Ennea-Muster FÜNF: Ordnung – mein Plan

• Am wichtigsten finde ich, dass Ordnung in meinen Gedanken und Überlegungen herrscht.
• Äußerliche Ordnung ist eher Nebensache.
• Beim Lösen eines gedanklichen Problems erzeuge ich um mich herum eine Ordnung, die andere als Chaos missverstehen können.
• Ich finde es unmöglich, wenn diese anderen dann glauben, hinter mir herräumen zu müssen. Garantiert finde ich danach nichts mehr wieder.
• Für mich ist es in Ordnung, das Unerledigte ständig vor Augen zu haben.
• Ich finde es wichtig, bevorstehende Handlungen in allen Einzelheiten zu durchdenken und sie vorzustrukturieren.
• Gemachte Erfahrungen denke ich ebenso intensiv durch, um sie für mich einzuordnen.
• Je komplexer eine gedankliche Ordnung ist, desto attraktiver finde ich sie.

Ennea-Muster SECHS: Ordnung – mein Ja zum Aber

• Von intellektueller Ordnung erhoffe ich mir Sicherheit.
• Den Maßstab dafür, ob ich etwas in Ordnung finde, hole ich mir des Öfteren bei bedeutsamen Anderen.
• Das zu Erledigende bearbeite ich unverzüglich.
• Wenn ich mich zwischen verschiedenen Anforderungen hin- und hergerissen fühle, kann das meine Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.
• Je größer das Chaos in meinem Inneren, desto mehr erhoffe ich mir von äußerer Ordnung.
• Ich selbst kann eine Menge Unordnung hervorbringen; ich bin aber nicht sehr tolerant gegen die Unordnung anderer.
• Es fällt mir nicht schwer, meine Umwelt emotional zu chaotisieren.
• Ordnungen anderer, die perfekt daher kommen, wecken meine Skepsis und meinen Widerspruchsgeist.
• Lebendige Prozesse, die äußerlich dem Chaos verwandter sind als der Ordnung, vitalisieren mich.
• Wenn mich die Panik packt, hilft mir keine Ordnung mehr.

Ennea-Muster SIEBEN: Gefüllte Leere

• Das Leben ist eigentlich zu kurz, um es mit Aufräumen zu verplempern.
• Ordnung heißt für mich, alle „leeren Räume“ mit mir oder meinen Sachen zu füllen.
• In Ordnung finde ich Situationen, wenn ich in ihnen ausreichend vorkomme.
• Ordnung um ihrer selbst willen herzustellen, käme mir nicht in den Sinn.
• Zuviel Ordnung nimmt mir die Luft zum Atmen; ich weiß mir aber zu helfen.
• Die wirksamsten Waffen gegen den Ordnungsterror sind Spontaneität und Einfallsreichtum.
• Fülle um mich zu haben, ist mir das Wichtigste; sie braucht aber Platz.
• Unordnung nervt mich erst dann, wenn ich nichts mehr wiederfinde; dann aber kann ich zum Putzteufel werden.
• Anderer Leute Ordnung durcheinander zu bringen, ist mir eine leichte Übung; anderer Leute Durcheinander zu ordnen, empfinde ich als Zumutung.

Ennea-Muster ACHT: Alles im Griff

• Ordnung schaffen heißt primär, die Machtverhältnisse zwischen Menschen zu erkennen und zu klären.
• Wer die Strukturen bestimmt, setzt seine Idee von Ordnung durch.
• Ordnung ist das Ergebnis eines gelungenen strategischen Kalküls.
• Ordnung im Bereich der Äußerlichkeiten ist nachrangig; hierfür wird sich schon jemand finden.
• Meine Vorstellung von Ordnung erscheint, oberflächlich betrachtet, einfacher als die anderer Menschen; tatsächlich ist sie jedoch viel komplexer.
• Eine tragfähige Ordnung muss Entwicklungen und deren wahrscheinliche Richtung mit einbeziehen.
• Am wohlsten fühle ich mich in einer Ordnung, die meine Handschrift trägt; deshalb setze ich sie durch.
• Es gibt kein Chaos, dem ich nicht meine Ordnung aufzwingen könnte.

Ennea-Muster NEUN: Das Toleranz-Spiel

• Ich mag „aufgeräumte“ Situationen. Ich bin froh, wenn es ein anderer für mich erledigt.
• Mir genügt es, wenn die Dinge so scheinen, als wären sie in Ordnung.
• Abweichungen von der Ordnung sind so lange tolerierbar, wie die Grundlinie nicht gefährdet ist.
• Ich kann fast allen Ordnungen anderer Menschen etwas Positives abgewinnen.
• Für mich ist Ordnung kein Selbstzweck; sie ist ein Hilfsmittel, um meine Zufriedenheit aufrecht zu erhalten.
• Komplexität und Unübersichtlichkeit mag ich nicht. Sie sind für mich wie Durcheinander und rauben mir den Antrieb.
• Meine wichtigsten Ordnungsmittel sind meine Gewohnheiten und Routinen.
• Manche Leute halten das, was ich in Ordnung finde, gerade für das Unwesentliche.

Nachbemerkung

Das Chaos lauert immer und überall. Die Thermodynamik lehrt uns in ihrem zweiten Gesetz, dass alle Prozesse zur Entropie, also zur Auflösung der ursprünglichen Ordnung, neigen.
Neun Ordnungen stehen sich mehr oder weniger ohne wirkliche Schnittmengen gegenüber, bzw. sind, um es enneagrammatisch korrekt zu sagen, in gleicher Entfernung voneinander an der Peripherie des Kreises angeordnet. Wenn wir noch genauer hinschauen, können wir erkennen, dass die jeweiligen Nachbarn fast entgegengesetzte Wertvorstellungen in Sachen Ordnung haben. Enneagrammatisch bedeutet dies für mich, dass die Behauptungen, Ennea-Muster hätten Flügel, rechts oder links, keinen Sinn machen kann: Ich kann nicht etwas verkörpern und zugleich sein Gegenteil. So „konstruierte“ (Ennea-)Vögel werden niemals fliegen können.

Daneben ist es fast zum Gänsehautkriegen, wenn wir uns vor Augen führen, wie tagaus, tagein – in professionellen wie in Alltagsbezügen – Ordnungen als miteinander kompatibel „definiert“ werden, die keine Chance haben, es jemals zu werden. Dass es trotzdem nicht zu mehr Konflikten als ohnehin schon kommt, liegt daran, dass diese „Definition“ von jemand vorgenommen wird, der die Macht hat, seine Linie durchzusetzen – in Begriffen des AHLMOZ-Prinzips also in der Lage ist, Gewalt aus-zuüben. Weil dies so oft vorkommt, ist es für unsere Seele keine „wirkliche Nachricht“ mehr – wir hören allmählich auf, es überhaupt noch zu registrieren. Ordnung und Grenzüberschreitung sind wie zweieiige Zwillinge.

Liebe Ennea-Freundinnen und -Freunde,
es wäre nach all dem Gesagten sicher nicht in Ordnung, wenn ich nicht unverzüglich zum Ende meines Vortrags käme, denn es gibt ja bekanntlich das quantum satis – die ausreichende Menge. Und gelingende Kommunikation bedeutet auch, zu beachten, wann es genug ist.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen in der nun folgenden Vorstellung der Workshops eine gute Entscheidungsgrundlage. Und danach –im wohlverdienten, gemütlicheren Teil des Abends – viele gute Gespräche mit wirklicher Verständigung. Und eine fröhliche Entspanntheit!

1 Schriftliche Fassung des Vortrags anlässlich der gemeinsamen Jahrestagung 2013 von ÖAE, EMT und dem EnneaForum Schweiz zum Thema Enneagramm und Kommunikation
Ort: Ev. Tagungsstätte Wildbad in Rothenburg o. d. T.
Datum: Freitag, 31.05.2013, 20.00 Uhr
(Die gesprochene Fassung enthält spontane Zusätze. Die Differenzierung des AHLMOZ-Faktors „Ordnung“ entfiel aus Zeitgründen. Lediglich die dazugehörigen neun Motti habe ich vorgetragen.*
W. R.)
2 Die Erfahrungsberichte sind entnommen aus meinem Buch: Das Enneagramm. Idee, Dynamik, Dimensionen. Berlin 1997. S. 17 ff.
3 Entnommen aus meinem Buch: Wie anders ist der Andere? Enneagrammatische Einsichten. Berlin 2010, 2. Aufl., S. 204 f.
4 Entnommen aus: Wilfried Reifarth: Wie anders ist der Andere? Enneagrammatische Einsichten. Berlin 2010, 2. Aufl., S. 236 ff.

Kommentare

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walter lenger · 22.01.2014 20:34 → Kommentarlink 001635

herrlich, nach so langer zeit mal wieder echte “frankfurter ennea-luft” zu schnuppern. nun kommt sie also aus der hauptstadt. möge sie dort im regierungsviertel ihr segensreiches werk fortsetzen.
ein ehemaliges “frankfurter würstchen” mit viel senf und – einem schuß ennea-majo

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