Buchbesprechung - Enneagramm-Archiv eines Sammlers

Claudio Naranjo
Wandlung durch Einsicht. Die Enneatypen im Leben, in der Literatur und in klinischer Praxis
Petersberg: Verlag Via Nova 1999
412 Seiten, DM 44,–

Nachdem von Claudio Naranjo, dem wichtigsten Schüler Oscar Ichazos, in deutscher Übersetzung lange nur ein Buch vorlag, werden jetzt nach und nach auch andere seiner Titel für den deutschen Markt entdeckt. Zuletzt ist im Verlag Via Nova nun „Wandlung durch Einsicht“ erschienen, ein Wälzer von 412 Seiten und eine echte Fundgrube für diejenigen, die noch nicht genug haben in Sachen Enneagramm-Literatur.

Der Untertitel verspricht eine bunte Mischung: „Die Enneatypen im Leben, in der Literatur und in klinischer Praxis“. Nach diesen drei Kategorien gliedern sich dann auch die neun Kapitel zu den einzelnen Typen.

„Im Leben“ – unter dieser Rubrik formuliert Naranjo nicht nur eigene, in dieser Form noch nicht veröffentlichte Einsichten in die neun Charaktere, sondern er stellt – in seinem gewohnt gelehrten Stil – Beobachtungen von Autoren aus verschiedenen Epochen und Kontexten zusammen. Allein zur Charakterisierung von Typ Eins etwa werden nicht nur typologische Modelle von Theophrastus, Geoffrey Chaucer und Samuel Butler zitiert, sondern auch Abschnitte aus Dostojewskis Klassiker „Die Brüder Karamasow“ und Überlegungen von dem für die Geschichte der Soziologie nicht weniger klassischen Max Weber. Hinzu kommen treffende und amüsante Cartoons des Karikaturisten Draco Maturana.

„In der Literatur“ – so lautet die Überschrift des zweiten Teils einer jeden Typenbeschreibung. „Literatur“ meint dabei nicht etwa die schöngeistige Belletristik, sondern die ganz spezifische literarische Gattung des therapeutischen Fallberichts. Manche dieser Fallberichte stammen von prominenten Therapeuten wie Sigmund Freud oder Robert Lindner; Andere Berichte waren anscheinend selbst für den offensichtlich äußerst belesenen Naranjo nicht gerade leicht zu finden, wie das folgende Zitat verdeutlicht: „Ich hatte die Suche nach einem aussagekräftigen Fallbericht über die erfolgreiche Therapie eines E2 noch nicht ganz aufgegeben, als ich in Codys Buchhandlung in Berkeley ein neues Buch entdeckte…“ (S. 91) Naranjo lässt die meisten der ausgewählten Autoren selbst ausführlich zu Wort kommen und kommentiert deren Berichte nur sparsam.

Doch der Chilene ist nicht nur ein fleißiger und belesener Sammler von Zitaten, sondern er ist selbst auch praktizierender Therapeut. Daher stehen ihm jede Menge Gesprächsprotokolle aus der eigenen Praxis zur Verfügung, aus denen er unter der letzten Rubrik „in der klinischen Praxis“ längere Abschnitte zitiert. Das ist nun in der Enneagramm-Literatur bisher einmalig, dass ein Therapeut öffentlich Rechenschaft über seine Methode ablegt. Naranjo könnte damit dazu beitragen, das Enneagramm als psychotherapeutisch relevantes Persönlichkeitsmodell zu etablieren.

Viel zu oft werden in der Enneagramm-Literatur einfach nur die üblichen Inhalte wiederholt, ohne in methodisch kontrollierter Weise nach der therapeutischen, pädagogischen oder pastoralen Relevanz des Enneagramms zu fragen. Naranjos Buch ist in dieser Hinsicht eine positive Ausnahme. Dabei sollte es nicht bleiben.

Insbesondere für das Gebiet der Erwachsenenbildung besteht hier dringender Handlungsbedarf. Denn der erwachsenenbildnerische Bereich stellt wohl das wichtigste Praxisfeld des Enneagramms dar. Inwiefern die Kenntnis des Enneagramms therapeutische Prozesse tatsächlich beeinflussen kann, lässt sich in konkreten Fällen kaum angeben. Dasselbe gilt für die Seelsorge oder andere Bereiche pastoralen Handelns. Doch dass das Enneagramm in der Erwachsenenbildung immer wieder zum ausdrücklichen Thema wird und sich dabei längst als Erfolgsmodell erwiesen hat, ist offenkundig. Warum dies so ist, was genau in solchen Bildungsprozessen geschieht, und ob daraus vielleicht für die Bildungspraxis überhaupt etwas zu lernen ist – mit diesen Fragen ist ein ebenso weites wie unerforschtes Feld umrissen.

Das Buch von Naranjo jedenfalls weist in methodischer Hinsicht sicherlich in die richtige Richtung. Doch auch abgesehen von diesen Fragen wird sich eine Lektüre des Wälzers lohnen. Als umfassendes Archiv eines leidenschaftlichen Sammlers dürfte es für jeden und jede etwas Interessantes enthalten – und wenn es nur die Karikaturen sind.

Johannes Bartels

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 35

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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