Denksprechen und Sprechdenken als typspezifische Verhaltensform

Auswertung der Fragebogen-Aktion auf der Jahreshauptversammlung des ÖAE in Rothenburg im Februar 2001

Menschen äußern sich sprachlich sehr unterschiedlich.

Dabei spielen Bildung und Inhalt der Äußerung eine geringere Rolle als der Modus des Sprechens:

  • eher schnell oder eher langsam,
  • eher bildhaft oder eher sachlich,
  • eher assoziativ oder eher stringent,
  • eher konkret oder eher abstrakt.

Bei den einen scheint das Denken dem Reden vorauszugehen (Denksprecher): Sie äußern sich erst sprachlich, wenn sie zu Ende gedacht haben. Ihr Reaktions- und Sprechtempo ist langsamer.

Bei den anderen scheint das Denken erst während des Redens stattzufinden (Sprechdenker): Einem Impuls folgend reden sie drauflos, finden dabei interessante

Einfälle, landen aber ebenso gut auch gedanklich in der Steppe. Wenn es drauf ankommt, müssen sich Sprechdenker bewusst disziplinieren; ein Sachverhalt, der für Denksprecher überflüssig ist.

Von daher stellt sich die Frage: Ist das Denken/Sprechen nicht auch eine Sache, durch die sich die Typen des Enneagramms unterscheiden ?

Der Klärung dieser Frage sollte im Sinne einer Pilotstudie der kleine Fragebogen dienen.

Zugrunde lag als Arbeitshypothese:

  • Sprechdenken äußert sich in den Merkmalen „schnell, bildhaft, assoziativ, konkret“;
  • Denksprechen äußert sich in den Merkmalen „langsam, sachlich, stringent, abstrakt“.

Überprüft werden sollte die Verteilung dieser acht Merkmale auf die neun Typen.

Ich hatte den Verdacht, dass Sprechdenken eher bei den Herztypen, Denksprechen eher bei den Kopftypen auftauchen würde und war gespannt, wie es sich bei den Bauchtypen verhielte.

Hier die Ergebnisse:
Von 110 Teilnehmern der Tagung bekam ich 68 ausgefüllte Fragebögen zurück. Davon enthielten 5 nicht die verlangte Typzuordnung, konnten deshalb nicht berücksichtigt werden. Das tut mir leid, weil ich vermute, es waren Gäste der Tagung, die ihre Typisierung noch nicht begonnen oder abgeschlossen haben. So sorry!

Aus den verbleibenden 63 Fragebögen ergibt sich folgende

Verteilung der Typen bei 63 von 110 Teilnehmern der JHV Rothenburg 2/2001:

Typ 1 2 3 4 5 6 7 8 9

Zahl 11 12 3 3 13 4 5 3 9

Wie ersichtlich sind die Typen 1, 2, 5, 9 gut repräsentiert, während die Typen 3, 8, 4, 6, 7 deutlich unterrepräsentiert sind; letzteres wundert bezüglich der Typen 3 und 8 nicht, suchen sie doch allenfalls in Management-Seminaren einen Bezug zur Psychologie.

Die Verteilung von Denksprechern/Sprechdenkern auf die Typen stellt sich wie folgt dar:

Typ 1 2 3 4 5 6 7 8 9
Summe 11 12 3 3 13 4 5 3 9
Denk-Spr. 7 4 – 1 12 2 3 3 6
Sprech-D. 4 8 3 2 1 2 2 – 3
Ich bitte um Verständnis, wenn nur die Aussagen zu den Typen 1, 2, 5, 9 ausgewertet werden: Nur hier hat der Versuch einer vorsichtigen inhaltlichen Auswertung statistisch im Rahmen einer Pilot-Studie einigermaßen Sinn.

Typ 1: Unter den „Reformern“ finden sich etwa doppelt so viele Denksprecher wie Sprechdenker.

Beide teilen die Vorliebe für schnelles Tempo und konkretes Denken. Dabei lieben es die Sprechdenker, sich bildhaft und assoziativ auszudrücken, während sich die Denksprecher eher sachlich und logisch-stringent äußern.

Typ 2: Bei den „Helfern“ treten Sprechdenker etwa doppelt so häufig auf wie Denksprecher.

Helfende SprechdenkerInnen bevorzugen schnelles Tempo, äußern sich bildhaft bei eher assoziativem Denken. Zwischen konkretem und abstraktem Denken können sie wechseln.

Denksprecher neigen offenbar eher zu langsamem Tempo, teilen mit den Sprechdenkern die Tendenz zu eher bildhaft-konkretem Denken, üben dies aber lieber streng logisch als assoziativ aus.

Typ 5: Hier liegt das eindeutigste Ergebnis vor: So gut wie alle „Fünfer“ bezeichnen sich als Denksprecher, was bei „einsamen DenkerInnen“ ja auch zu erwarten ist.

Sie sind langsam im Tempo, lieben die Sachlichkeit und logisch-stringentes Denken.

Man bevorzugt abstrakte Denkweise, kann aber ebenso gut konkrete Inhalte stringent bedenken.

Typ 9: Denksprecher treten bei den „Harmonisierern“ etwa doppelt so häufig auf wie die Sprechdenker dieses Typs, haben aber das gleiche langsame Tempo. Aus dem Rahmen fällt, dass sie Merkmale bevorzugen (bildhaft, assoziativ, konkret) die sonst typisch für Sprechdenker sind. Die bei den Fünfern mit Denksprechen verknüpften Merkmale (sachlich, stringent, abstrakt) sind den Harmonisierern deutlich weniger wichtig.

Hinsichtlich der drei Zentren des Enneagramms lässt sich feststellen:

Sprechdenker/Innen sind eher auf der Seite des Herz-Zentrums zu finden.Das Ergebnis entspricht der Arbeitshypothese: Eher schnelles, bildhaftes, assoziatives, an Konkretion gebundenes Sprechdenken entspricht der Orientierung an Beziehung. Sprache ist das Medium der Beziehung. Von daher wundern wir uns nicht, unter den Helfer/Innen überwiegend Sprechdenker/Innen zu finden.

Denksprecher/Innen sind eher auf der Seite des Kopf-Zentrums zu finden.Das Ergebnis entspricht auch hier der Arbeitshypothese: Eher sachliches, an Abstraktion orientiertes logisch-stringentes Denken sucht und findet seine Ergebnisse vor dem sprachlichen Ausdruck, weshalb dieser deutlich langsameres Tempo einnimmt.Denken ist das Medium der vorsichtigen Orientierung über mögliche Gefahren. Von daher ist es verständlich unter Kopftypen überwiegend Denksprecher/Innen zu finden.

An der Spitze des Dreiecks, auf der Seite des Bauch-Zentrums finden wir ein interessantes Ergebnis:Denksprecher erscheinen etwa doppelt (Typ 1) und dreimal (Typ 9) so oft wie Sprechdenker. Dabei unterscheiden sich die Aussagen zu den einzelnen Typen auffällig:Zu Typ 9: Denksprecher und Sprechdenker bevorzugen hier langsames Tempo.Das wundert nicht, weil die „Entdeckung der Langsamkeit“ für Typ 9 Medium ihrer Herrschaft über die Gefühle ist. Spontaneität findet nicht statt, also auch kein schnelles Tempo!Daß die Denksprecher des Typs 9 eher langsam, dabei aber bildhaft, assoziativ und konkret denken, lässt sie als verkappte Sprechdenker erscheinen. Jedenfalls sind sie ein Mix aus Denksprechern und Sprechdenkern, was mit ihrer Art des Umganges mit den Gefühlen zusammen hängen muss.Zu Typ 1: Sprechdenker/Innen dieses Typs sind „richtig“: Sie verhalten sich eher schnell, bildhaft, assoziieren am liebsten über Konkretes. Die Denk-Sprecher/Innen dieses Typs verhalten sich ebenfalls schnell mit einer Vorliebe für Konkretion, sonst aber eher sachlich und logisch-stringent denkend.

Vergleicht man die Aussagen über die Typen 9 und 1, fällt vor allem der Unterschied im Tempo auf: Typ 9 scheint generell eher langsames, Typ 1 generell eher schnelles Tempo einzuhalten.
Kritik des Ergebnisses:Das Thema stieß bei vielen Teilnehmern auf spontanes Interesse, was m.E. in der hohem Zahl der abgegebenen Fragebögen Ausdruck fand. Dafür sei hier noch einmal herzlich gedankt !

Zwischen zwei Tagesordnungspunkten reichte die Zeit nicht für eine Anleitung zum Ausfüllen des Fragebogens. So entstanden Missverständnisse, die ein künftiger Fragebogen vermeiden wird.

Mein Versuch, das Ergebnis zu verbessern, geht von folgenden Überlegungen aus:

Aussagen über die jetzt vernachlässigten Typen 3, 4, 6 , 7, 8 müssen nachgeholt werden, damit das Enneagramm – Thema über Sprechen/Denken vollständig wird.

Die Methode der Selbsteinschätzung mittels Fragebogen ist alles andere als objektiv.

Klar wird das am raschesten, wenn man die Selbstverständnis der Fünfer als fast 100%ige Denksprecher ansieht. Liegt hier nicht eine typische Self-fulfilling-prophecy vor, die sich aus dem Titel „einsame Denker“ ableitet ?

Jedenfalls sollte die Selbsteinschätzung durch eine Fremdeinschätzung ergänzt werden , um die Objektivität zu steigern. Dazu gehört, dass die Fragen eindeutiger und unmissverständlicher formuliert werden.

Die Vorgänge des Sprechens und Denkens sind in sich derart komplex, dass sie weiter geklärt werden müssen. Einige Zusatznotizen bei den Fragebögen lassen vermuten, dass die Wahrnehmungskanäle visuell, akustisch, kinästhetisch (Bewegung) mit berücksichtigt werden müssen.

Die Sache weiter zu verfolgen, hat dann Aussicht auf Erfolg, wenn möglichst viele Leser dieses Artikels ihr Interesse durch regen Austausch aufrecht erhalten.
Als erstes freue ich mich auf eine klare Reaktion auf diesen Artikel:

Was ist Euch in diesem Zusammenhang wichtig ?
Was müsste unbedingt berücksichtigt werden ?
Wer keine Zeit zum Schreiben hat, möge telefonieren oder mir eine e-Mail schicken. Seid freundlich gegrüßt von

Gerhard Heck, Kantstr. 8, 53332 Bornheim
Tel. (0 22 22) 93 67 75, Fax (0 22 22) 93 67 73,
E-Mail: heck-aipf@web.de

[aus: EnneaForum 19, Mai 2001, S. 32-33

Aus EnneaForum 19 (), S. © Ökumenischer Arbeitskreis Enneagramm e.V., Celle. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Ökumenischen Arbeitskreises Enneagramm.

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